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Gemeinsame Vision vereint ökumenische Strömungen

Auf der Gründungsvollversammlung

Der Ökumenische Rat der Kirchen wurde 1948 formell in Amsterdam gegründet, wo Delegierte aus 147 Mitgliedskirchen in 44 Ländern zur Ersten Vollversammlung des ÖRK zusammengekommen waren. Obwohl das Vertrauen in den menschlichen Fortschritt nach den Erfahrungen des soeben erst beendeten Weltkrieges erschüttert war, blieb doch die mutige Entschlossenheit, sich den durch die tragische Spaltung der Welt entstandenen Herausforderungen zu stellen und Versöhnung anzustreben.

Kein kalter Krieg unter Christen

Die ständige Verschlechterung der politischen Beziehungen zwischen Ost und West kam auf der Vollversammlung in Amsterdam in der berühmten Debatte zwischen John Foster Dulles, einem presbyterianischen Laien, der später US-Außenminister wurde, und dem tschechischen Theologen Josef Hromádka (im Bild) zum Ausdruck. Dulles beschrieb den Kommunismus als größtes Hindernis für den Weltfrieden. Hromádka hingegen plädierte für eine differenziertere Wahrnehmung: der Kommunismus sei Ausdruck einer gesellschaftlichen Kraft, die soziale Gerechtigkeit anstrebe - und die eigentlich von der Kirche und der westlichen Zivilisation verkörpert werden sollte, von diesen aber weitgehend ignoriert worden sei. Die Vollversammlung ließ es nicht zu, dass diese unterschiedlichen Sichtweisen zu einer Zerstörung der Gemeinschaft führten. Sie betonte mit Nachdruck, jede Zivilisation unterliege dem radikalen Urteil des Wortes Gottes, und widersprach ausdrücklich der Annahme, Kapitalismus und Kommunismus seien die beiden einzigen Alternativen.

Wiederaufbau und Versöhnung

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg war das dringende Bedürfnis nach Wiederaufbau und Versöhnung überall sichtbar, im menschlichen Leid wie auch in der materiellen Zerstörung. Bereits 1943 war die Überzeugung gewachsen, der Wiederaufbau sei eine ökumenische Aufgabe, die dem Ziel dienen müsse, "das ganze Leben der Gemeinschaft der Kirchen" neu aufzubauen. Foto: Verteilung von Hilfsgütern 1955 in einer Pariser Zweigstelle des ökumenischen Hilfswerks CIMADE .

Ausweitung der Diakonie

Mit der weltweiten Ausweitung der ökumenischen zwischenkirchlichen Hilfe kam es zunehmend zu Überschneidungen zwischen den Programmen des ÖRK und des Internationalen Missionsrates (IMR). Unter den Missionsgesellschaften wuchs die Sorge, dass die ÖRK-Hilfsprogramme die jahrzehntelangen Bemühungen um eine Befreiung der "jüngeren Kirchen" aus ihrer Abhängigkeit von ausländischen Mitteln zunichte machen könnten oder dass die stärkere Betonung der Entwicklungsarbeit diese Kirchen von ihrer Missionsaufgabe ablenken könnte. Dieser Sorge wurde 1956 in einer Vereinbarung mit dem IMR Rechnung getragen, in der festgelegt wurde, welche Art von Projekten der ÖRK unterstützen würde. 1961 kam es zum Zusammenschluss zwischen ÖRK und IMR. Foto: Schuhe, die in einem ÖRK-Projekt in Amman produziert werden, werden an Flüchtlingsfamilien verteilt.

Ökumenisches Lernen

Als "einzigartiges Zentrum und Labor für die ganze ökumenische Bewegung" beschrieb Visser't Hooft das Ökumenische Institut Bossey, das 1946 gegründet wurde. Es stand für eine "Neuerweckung der Kirche durch die geistliche Mobilisierung der Laienschaft". Zwei Laientheologen gaben dem Ökumenischen Institut bereits in seinen Anfangsjahren inspirierende und wegweisende Impulse: Suzanne de Diétrich (rechts), eine seit langem in der Christlichen Studentenbewegung engagierte Lutheranerin aus dem Elsass, und der erste Direktor des Instituts, Hendrik Kraemer (links) aus den Niederlanden, ehemaliger Missionar und Theologe, der von den Nazis wegen seiner Proteste gegen die Behandlung jüdischer Mitprofessoren an der Universität Leiden ins Gefängnis gebracht worden war.

Aufruf zum Frieden

1954, neun Jahre nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, reichten japanische Christen auf der ÖRK-Vollversammlung in Evanston (USA) eine Friedenspetition ein. Die Vollversammlung appellierte an Regierungen in aller Welt, Massenvernichtungswaffen zu verbieten und keine Angriffskriege mehr zu führen.

Wachstum der weltweiten Kirchengemeinschaft

Auf der Dritten Vollversammlung 1961 in Neu Delhi (Indien) traten vier große orthodoxe Kirchen aus Osteuropa - die Russische, die Rumänische, die Bulgarische und die Polnische Orthodoxe Kirche - dem ÖRK bei. Die Tatsache, dass die Vollversammlung in Asien stattfand, machte deutlich, dass im Rat, der seine Wurzeln vor allem im Westen hatte, das Verständnis dafür wuchs, was es heißt, eine weltweite Gemeinschaft zu sein. Foto: Delegation der Russischen Orthodoxen Kirche

Glauben und Kirchenverfassung

Eine der Strömungen, die in die Gemeinschaft des ÖRK einflossen, war die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung, die Einigung in kirchentrennenden Fragen der Lehre und Kirchenordnung anstrebte. Auf der vierten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung 1963 in Montreal wurden auch osteuropäische und pfingstlich orientierte Kirchen aufgenommen, die dem ÖRK auf der Vollversammlung 1961 in Neu Delhi beigetreten waren. Zum ersten Mal nahmen Beobachter aus Kirchen teil, die nicht Mitglied im ÖRK waren: Südliche Baptisten und Lutheraner von der Missouri-Synode aus den USA sowie römische Katholiken. © ÖRK/John Taylor

Ökumenische Solidarität im Mississippi Delta

Der Nationalrat der Kirchen in den USA ersuchte 1964 zum ersten Mal um internationale ökumenische Unterstützung – für seine diakonischen Projekte im Mississippi Delta. In diesem Teil der Südstaaten litt die schwarze Bevölkerung schon lange unter dem offenen Rassismus der Weißen, der die extreme Armut dieser Menschen zementierte. In dem Aufruf zur Unterstützung von Projekten in den Bereichen Nothilfe, Wiedereingliederung und Versöhnungsarbeit ersuchte der Nationalrat den ÖRK um finanzielle Hilfe und die Entsendung Freiwilliger, die bereits in Spannungsgebieten gearbeitet und Erfahrungen gesammelt hatten.

Kirche und Gesellschaft

Die Frage, wie Christen auf den revolutionären Wandel in Kultur, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik reagieren sollten, wurde 1966 in Genf auf der Konferenz von Kirche und Gesellschaft heftig debattiert. Sehr bedeutsam sei gewesen, so kommentierte in späteren Jahren ein langjähriger Wegbegleiter der Ökumene, dass die Ergebnisse dieser Konferenz, in der mit so großer Sorgfalt an einer ausgewogenen Vertretung des Nordens und des Südens und aller großen konfessionellen Traditionen, einschließlich orthodoxer Teilnehmender und römisch-katholischer Beobachter, gefeilt worden sei, "sich als so radikal erwiesen haben, dass viele Christen aus den 'etablierten' Kirchen dadurch beunruhigt waren". © ÖRK/John Taylor