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Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

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#WCC70: Erinnerung an Orissa

#WCC70: Erinnerung an Orissa

Orissa 2009. Foto: Karen Burke/ÖRK

11. Januar 2018

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 11. Januar 2018

2018 feiern wir das 70-jährige Jubiläum des Ökumenischen Rates der Kirchen. Um möglichst lebendige Berichte und Erzählungen über die  ökumenische Gemeinschaft und unseren gemeinsamen Weg aus erster Hand zu bekommen, hat ÖRK-Generalsekretär Pastor Dr. Olav Fykse Tveit alle Mitgliedskirchen aufgefordert, ihre eigenen Geschichten aufzuschreiben, die wir Ihnen im Laufe des kommenden Jahres präsentieren wollen.

„Sie können über eine Person oder ein Ereignis berichten. Vielleicht möchten Sie uns an einen wichtigen Erfolg erinnern,  aber warum nicht auch an einen Misserfolg, aus dem wir vielleicht etwas lernen können“, schrieb Tveit. „Sie wollen vielleicht die Suche nach der christlichen Einheit  vertiefen,  auf die Bedeutung unseres gemeinsamen christlichen Zeugnisses hinweisen oder über unseren gemeinsamen Kampf für Gerechtigkeit und Frieden berichten. Welcher Beitrag es auch sei, Sie sind herzlich willkommen.“

Die erste Geschichte dieser Reihe wurde von Gerard Willemsen geschrieben, dem internationalen Direktor der Unionskirche in Schweden. Falls Sie uns Ihr eigene Geschichte erzählen wollen, schreiben Sie uns bitte eine E-Mail!

Ich habe Sie in einem Flüchtlingslager im Distrikt Kandhamal im Bundesstaat Orissa in Indien getroffen. Sie waren ein älterer Mann und gehörten der Volksgruppe der Kondha an, der in diesem Teil Indiens zu Hause ist. Wir waren in Indien als eine Gruppe von Mitgliedern aus unterschiedlichen Ländern unterwegs, entsandt vom ÖRK, um die Kirchen in Indien zu ermutigen und zu unterstützen. Wir waren ein ‚lebendiger Brief‘ der weltweiten Gemeinschaft an die Kirche in Indien. Nach einigen Besuchen kamen wir auch nach Orissa.

Wir schrieben das Jahr 2009, und die Lage dort war sehr angespannt. Anfang des Jahres hatte es brutale Christenverfolgungen gegeben, die von der fundamentalistischen und nationalistischen Hindu-Organisation Sangh Parivar in aller Konsequenz betrieben worden waren. Wir erfuhren, dass mehr als 100 Menschen christlichen Glaubens ermordet und noch mehr misshandelt worden waren, dass Tausende von christlichen Häusern angezündet wurden und 70.000 Menschen aus ihren Dörfern vertrieben wurden und flüchten mussten.

Sie waren einer dieser Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten und fliehen mussten. Sie haben uns erzählt, wie Sie und alle Christinnen und Christen in Ihrem Dorf mit dem Tode bedroht wurden. Sie berichteten uns, wie Sie bei strömendem Regen in den Dschungel fliehen mussten,  wie beschwerlich die Fußmärsche unter solchen widrigen Bedingungen waren, und dass Ihre Frau - da sie blind ist - von Ihrem Sohn getragen werden musste. Sie flohen auf die Spitze eines Berges und sahen von dort mit einigen hundert Gefährten in einer ähnlichen Lage, wie Ihr Haus in Flammen aufging.

An diesem Ort wurde ich zum ersten Mal mit dem Leid und dem Schicksal einer verfolgen Kirche konfrontiert. Hier begriff ich auch, wie wichtig es für Sie und die anderen Betroffenen war, dass wir hierher gekommen waren und Ihnen zuhörten. Wir konnten nicht viel bewirken, aber vielleicht hat es geholfen, dass wir gemeinsam gebetet haben. Sie und ich, wir haben unterschiedliche Sprachen gesprochen, aber als ich Ihr Leid gespürt habe, habe ich auch das Leid der Kirche wahrgenommen und verstanden, dass Christus selbst mit Ihnen gelitten hat.

Displaced villagers greet Living Letters team with dance.

Foto: Karen Burke/ÖRK

Ich habe verstanden, dass unser Besuch Ihnen Mut gegeben hat. „Es war mutig von Ihnen, zu kommen“, hatte jemand gesagt. Vielleicht war das so. Aber noch viel mehr waren diejenigen, die wir getroffen haben, mutig genug, um nach all diesen Ereignissen noch eine Zukunft für sich zu sehen und nicht die Hoffnung zu verlieren. Und deshalb habe ich - auch wenn das ein Widerspruch sein mag - Ihr Flüchtlingslager traurig und schockiert verlassen, aber auch ermutigt. Ermutigt durch die Hoffnung, die ich, meine Brüder und Schwestern, in Ihren Augen gesehen habe, und durch Ihre Entschlossenheit, am Glauben in Christus festzuhalten.

Ich erinnere mich an den Mann, der über Hindu-Dorfbewohnerinnen und Bewohner berichtete, die versucht hatten zu helfen. Ich erinnere mich an Geschichten, wie Gott in Ihrer Mitte gegenwärtig war, und ich erinnere mich an eine andere Geschichte, „dass noch viele andere zu uns Christinnen und Christen gekommen sind, seitdem all dies begann.“ Und zum ersten Mal habe ich die tiefer gehende Bedeutung der Worte des Apostels Paulus verstanden, der in 2. Korinther 4,8-9 sagt: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Verfolgt, aber nicht verlassen. Genau das habe ich in den Augen vieler Verfolgter gesehen. Als ich Sie angeschaut habe, habe ich unseren leidenden Herrn erkannt, aber auch unseren auferstandenen Herrn.

Ich habe Ihre Geschichte mit nach Hause genommen und sie in meinem Herzen verwahrt. Ich habe sie weitererzählt, und ich habe in der Zeit nach diesem Besuch mit vielen anderen Menschen für Sie und die vielen anderen Opfer in Kandhamal gebetet. Ich hoffe, Sie haben inzwischen eine gutes neues Zuhause gefunden. Ich möchte Sie wissen lassen, dass Ihre Fähigkeit, all dies zu erdulden, ein wichtiges Zeugnis war.

Inzwischen habe ich meiner Kirche viele Jahre im Bereich der internationalen Mission gedient. Ich habe Leid an vielen Orten der Welt gesehen, und es wäre leicht, angesichts dieses Leids zu verzagen. Aber die Hoffnung, die ich in Ihren Augen gesehen habe, gibt mir Hoffnung für die Welt. Dort und damals habe ich verstanden, wie wichtig es ist, Teil dieser weltweiten und farbenfrohen Gemeinschaft des Ökumenischen Rates der Kirchen zu sein. Innerhalb dieser Gemeinschaft können wir uns ungeachtet von Grenzen, die Traditionen, Kulturen und Sprachen vorgeben, treffen und Christus in den Mittelpunkt unseres gemeinsamen Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens stellen.

Was wir mit unserer Reise nach Kandhamal in jenem Jahr bewirkt haben, geht weit über das von uns Erfassbare hinaus und ist in besonderer Weise ein Beispiel für den großen Wert unserer ÖRK-Gemeinschaft.

Gerard Willemsen
Unionskirche in Schweden

Weitere Informationen über das 70-jährige Jubiläum des ÖRK: www.oikoumene.org/wcc70