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„Sie schaute mich an und fragte: Hilfst Du mir?“

„Sie schaute mich an und fragte: Hilfst Du mir?“

Sarah Augustine.

07. November 2013

Vor einem Jahr hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) in einer Erklärung die „Doktrin der Entdeckung“ verurteilt. Diese dient noch heute als Rechtfertigung für die Unterwerfung indigener Völker. Eine der Autoren der Erklärung ist Sarah Augustine. In Busan kämpft sie dafür, dass es nicht bei einer reinen Bekundung bleibt. Sie fordert die Kirchen auf zu handeln.

Wer durch die Ausstellungshalle der Vollversammlung läuft, stellt schnell fest: Der ÖRK ist mehr als nur Plenen, Statements und Wahlen. Hier arbeiten Menschen, die nicht als Delegierte gekommen sind. Sie sind gekommen, um Menschen eine Stimme zu geben, die selbst keine haben. Eine davon ist Sarah Augustine.

Augustine leitet die Nichtregierungsorganisation „Suriname Indigenous Health Fund“, die sie 2004 gegründet hat. Die Organisation unterstützt indigene Völker dabei, sich gegen Zwangsenteignung und Diskriminierungen zu wehren. Die Nichtregierungsorganisation arbeitet vor allem mit den Wayana in Suriname, Französisch-Guayana und Brasilien.

Eine Freundin hatte sie Anfang des Jahrestausend gebeten, an einem Hilfsprojekt in der Region mitzuarbeiten. Dort traf sie eine Frau eines indigenen Volkes. „Sie sah mir direkt in die Augen und fragte: Hilfst Du mir?“, sagt Augustine. Sie sei damals die einzige weitere Farbige im Raum gewesen. „Sie erkannte sich in mir.“ Augustine sagte ja.

Die 40-Jährige hat selbst indigene Wurzeln. „Ich nenne mich aber selbst heimatlos“, sagt sie. Sie ist in einer amerikanischen Familie aufgewachsen. Von der Mainstream-Kultur Amerikas sei sie aber nie akzeptiert worden. „Ich bin farbig, und jeder kann es sehen“, sagt sie. Dafür sei sie früher in der Schule aufgezogen worden. Noch heute erlebe sie Diskriminierung.

Indigene Völker sind die Lösung, nicht das Problem

Einige Jahre nach Gründung ihrer eigenen Hilfsorganisation wurde sie auch für den ÖRK aktiv. 2012 schickte die ÖRK-Programmabteilung für indigene Völker eine E-Mail an alle Mitgliedskirchen: Es sollte eine Erklärung zur so genannte Doktrin der Entdeckung geschrieben werden. Augustine bekam die Mail weitergeleitet – und war die Einzige, die antwortet. Mit einem kleinen Team schrieb sie die Erklärung.

Die Doktrin, zu der der ÖRK Stellung beziehen wollte, geht auf die Päpstlichen Bullen zurück, die Papst Nikolaus V. 1452 und 1455 erließ und die die Eroberung und Ermordung indigener Völker erlaubten. Diese historischen Kirchendokumente riefen dazu auf, Ungläubige zu unterwerfen, zu versklaven und ihren Besitz zu nehmen, der an die christlichen Monarchen überging.

Die Erklärung, die durch das Team um Augustine geschrieben wurde, weist die Auffassung zurück, dass „Christen allein aufgrund ihrer religiösen Identität einen moralischen und rechtlichen Anspruch haben, die Gebiete von indigenen Völkern zu erobern und in Besitz zu nehmen und die indigenen Völker zu beherrschen“. Die Doktrin stehe von ihrer Natur her „in grundsätzlichem Widerspruch zum Evangelium Jesu“.

Nach der Veröffentlichung der Erklärung 2012 wollte Augustine, dass es weitergeht. Der ÖRK repräsentiere 550 Millionen Menschen. „Er ist stark genug, die entscheidenden Leute an einen Tisch zu holen, um Entscheidungen zu treffen.“ Darauf beschloss sie, mit neun weiteren Kollegen nach Busan zu fahren. Dort arbeiten sie seit zwei Wochen, sprechen mit Vertretern von Kirchen und Organisationen und informieren über die Situation indigener Völker weltweit. „Es ist leider sehr schwer von hier bis zu einer Umsetzung zu gelangen", sagt Augustine.

Trotzdem bleibt sie positiv: Indigene Völker sind ein Symbol der Hoffnung. Sie zeigten, wie die Gesellschaft sich zukünftig entwickeln kann. Ihre Nachricht: „Indigene Völker sind nicht das Problem, sondern die Lösung.“ Deshalb sei die Vollversammlung auch der richtige Ort, um anzufangen. "Von hier aus verbreitet sich unsere Nachricht über die ganze Welt."

Artikel zur ÖRK-Verurteilung der Doktrin

Lesen Sie den vollständigen Text der Erklärung des ÖRK-Exekutivausschusses (auf Englisch)

ÖRK-Programm: Solidarität mit indigenen Völkern

Hochauflösende Fotos sind erhältlich über photos.oikoumene.org

Website der ÖRK-Vollversammlung