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Werden andere verletzte Frauen noch mehr von der Bildfläche verschwinden, weil Hollywood die Stimme erhebt?

Werden andere verletzte Frauen noch mehr von der Bildfläche verschwinden, weil Hollywood die Stimme erhebt?

Bishop Mary Ann Swenson. Photo: Paul Jeffrey/WCC

11. Januar 2018

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 16. Januar 2018

Bischöfin Mary Ann Swenson kann die Lage der Rechte von Frauen oder wie sie selbst schnell richtig stellt, „die gerechte Behandlung aller Menschen“ egal welchen Geschlechts, aus einer einmaligen Position heraus beobachten und für diese eintreten, denn sie ist einerseits Bischöfin der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Hollywood, Kalifornien (USA), und leitet eine Gemeinde, deren Mitglieder nicht nur an der Golden Globes-Verleihung am 7. Januar teilgenommen haben, sondern sogar unter den Nominierten waren.

Gleichzeitig aber ist sie auch stellvertretende Vorsitzende des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und damit Teil einer weltweiten Gemeinde. In dieser Funktion besucht sie Gemeinwesen und Menschen, die weit entfernt von dem privilegierten Leben in Hollywood leben und für die Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung ist, denn Frauen haben hier keine Stimme und keine Rechte.

Fast alle Frauen, die am 7. Januar an der Golden Globes-Verleihung 2018 teilgenommen haben, trugen Schwarz, um ein Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit zu setzen und gegen die in Hollywood, in den USA und weltweit verbreitete sexuelle Belästigung von Frauen zu protestieren. Die Filmindustrie wurde jüngst immer und immer wieder erschüttert von Berichten über Missbrauch in den vergangenen Jahrzehnten.

„Natürlich habe ich mir die Golden Globes-Verleihung angeschaut und ich habe die Redebeiträge gehört und die Stimmung im Publikum gesehen!“, erzählt Bischöfin Swenson. „Ich finde, es tat richtig gut zu sehen, wie die Frauen ihre Solidarität untereinander zum Ausdruck gebracht haben, wie sie alle Schwarz trugen und in Begleitung von Frauen kamen, die sich aktiv für Geschlechtergerechtigkeit engagieren.“

Frauen wie Männer haben zudem nicht nur bei den Golden Globes, sondern auch darüber hinaus Anstecknadeln mit dem Slogan „Time’s Up“ (in etwa: „Die Zeit ist vorbei“, „Die Zeit ist abgelaufen“) getragen. Dies ist der Slogan einer Kampagne, die von mehreren hundert Schauspielerinnen, Agentinnen, Autorinnen, Regisseurinnen und anderen weiblichen Führungskräften der Branche ins Leben gerufen wurde, um gegen sexuelles Fehlverhalten in den Vereinigten Staaten zu kämpfen. Die Kampagne wird ausschließlich von Freiwilligen getragen, zu denen u.a. Ashley Judd, Eva Longoria, America Ferrera, Natalie Portman, Rashida Jones, Emma Stone, Kerry Washington und Reese Witherspoon gehören.

Ihren Anfang nahm die Kampagne als sich die „Alianza Nacional de Campesinas“ (Nationale Allianz der Landarbeiterinnen) im Namen von 700.000 Frauen, die in den Vereinigten Staaten in der Landwirtschaft und der Verpackung landwirtschaftlicher Produkte arbeiten, in einem offenen Brief mit den Schauspielerinnen Hollywoods solidarisierten.

Swenson freut sich, dass die „Time’s Up“-Kampagne immer mehr Zulauf findet: „Die Anliegen unserer Landarbeiterinnen, der weiblichen Angestellten in Restaurants und Hotels sind einfach sehr, sehr wichtig. Denn in diesen Branchen leiden Frauen ganz besonders und es fehlt wirklich an Gleichberechtigung und Gerechtigkeit.“

Es könne nie genug Kampagnen für Gerechtigkeit und die Achtung der Menschenrechte geben, fügt sie hinzu und verweist auf das aktive Engagement des ÖRK in der seit Langem bestehenden weltweiten Kampagne „Donnerstags in Schwarz“ (Thursdays In Black), die sich gegen Gewalt gegen Frauen wendet. Genau wie die Frauen bei der Golden Globes-Verleihung alle Schwarz trugen, kleiden sich Mitarbeitende und Mitglieder des ÖRK, der 348 Mitgliedskirchen aus aller Welt hat, jeden Donnerstag in schwarz und zeigen ihre Solidarität mit den Opfern von Gewalt regelmäßig in den sozialen Medien.

„Ich freue mich, dass wir als ÖRK Teil der Kampagne ‚Donnerstags in Schwarz‘ sind und hier immer wieder Zeugnis ablegen“, erklärt Swenson, und weiter: „Eine der richtig erfreulichen Nachrichten der diesjährigen Golden Globes-Verleihung ist, dass einem Thema sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, mit dem wir uns schon seit einiger Zeit befassen und dem wir schon seit einiger Zeit mehr Aufmerksamkeit wünschen. Wir engagieren uns für eine faire Behandlung aller Menschen. Und das ist ein weltweit wichtiges, globales Thema, ein für alle Religionen wichtiges Thema.“

Die Gefahr Anderen Wertesysteme überzustülpen

Im vergangenen Jahr reiste Swenson mit einer ÖRK-Delegation nach Nairobi (Kenia) und traf sich dort mit Kirchenleitenden des Landes, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Nachdem sie mit ihnen über die Probleme, vor denen die Menschen und Gemeinwesen in Kenia stehen, gesprochen und sich mit dem Thema der geschlechtsbezogenen Gewalt befasst hatte, begann sie sich intensiver mit der Thematik auseinanderzusetzen. Sie tut dies auch heute noch während wir eine neue Form der Advocacy-Arbeit wie auf der Bühne der Golden Globes beobachten können.

„Ich weiß, dass die Frauen in Afrika wirklich ihre eigenen Probleme und Themen haben und dass jedes Land und sogar jedes einzelne Gemeinwesen eigene Traditionen und Bräuche hat“, erklärt sie. „Auch die Frauen in Asien haben wiederum andere Probleme und Thematiken, die sie interessieren. Man muss erst das jeweilige Wertesystem kennenlernen, um dann daraus ableiten zu können, was in dem jeweiligen konkreten Kulturkreis als faire und gleichberechtigte Behandlung angesehen werden kann.“

„Wir können unsere nordamerikanischen Werte nicht einfach jedem Land überstülpen. Unser Wertesystem besagt, dass wir, alle Frauen und Männer, uns gegenseitig mit Würde begegnen. Für uns ist jeder Mensch in Gottes Augen wertvoll und wir erachten nicht bestimmte Menschen als weniger wert- und würdevoll als andere. Und das ist ein wichtiger Teil dessen, worum es hier geht.“

Frauen in Hollywood sprechen auf eine Art und Weise über sexuelle Belästigung und Missbrauch, wie viele andere Menschen in der Welt es einfach nicht können. „Viele dieser Frauen in Hollywood nahmen den Missbrauch hin, weil sie ihre Karrieren vorantreiben wollten. Andere Frauen hingegen – insbesondere ethnische und rassische Minderheiten – haben gar keine Rechte und keine Stimme. Sie können keine Karriere vorantreiben – sie haben gar keine Karriere –, denn irgendjemand in einer privilegierteren Lage behandelt sie schrecklich.“

Die Kampagne „Donnerstags in Schwarz“ und der ÖRK begeben sich an die Orte, wo Menschen so verletzt und verwundbar sind. „Wir versuchen dort präsent zu sein, wir versuchen zu den Menschen zu gehen, die keine Stimme haben“, sagt Swenson.

Aber: Wenn Menschen die verschiedenen Advocacy-Kampagnen vergleichen, stellen sie tatsächlich die Stimmen der Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt einander gegenüber, vergleichen sie? Swenson sagt: „Ich denke, wir sollten uns darauf konzentrieren, dort wo wir jeweils konkret sind, vor Ort daran mitzuwirken, Gerechtigkeit für jene Menschen einzufordern, die geschlagen und missbraucht und vergewaltigt werden, egal wer sie sind.“

Zum Schluss zitiert sie Mahatma Gandhi: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“, und fügt hinzu: „Der Grund für den Missbrauch von Privilegien und Macht ist Habgier. Wir sollten uns vielmehr fragen: Wie können wir einen schützenden Raum aufbauen, in dem alle Menschen eine Stimme haben und gehört werden?“

*Susan Kim ist freischaffende Autorin aus Laurel, Maryland (USA).

Gerechte Gemeinschaften für Frauen und Männer

Kampagne Donnerstags in Schwarz: www.oikoumene.org/donnerstags-in-schwarz