Das Gebet - ein wirksames Werkzeug christlicher Einheit
von Ondrej Prostrednik (*)
Die ökumenische Bewegung braucht sichtbare Zeichen christlicher Einheit. Für die Kirchen in der Slowakei, die das Thema der Gebetswoche für die Einheit der Christen 2005 vorbereitet haben, ist das gemeinsame Gebet aber nicht nur solch ein Zeichen, sondern vielmehr ein wirksames Werkzeug Gottes unter uns. Die Gebetswoche 2005 bringt zum Ausdruck, was die Mitglieder der unterschiedlichen Kirchen in unserem Land in den vergangenen Jahren gemeinsam erreicht haben.
In der Slowakei spiegeln sich in der Gebetswoche, die jedes Jahr vom 18.-25. Januar begangen wird - in Deutschland auch wahlweise in der Woche vor Pfingsten (8.-14. Mai 2005) -, viele Aspekte der Zusammenarbeit zwischen den Kirchen wider. In Zeiten des Wandels sind koordinierte Verhandlungen zwischen den Kirchen und staatlichen Einrichtungen über den kirchlichen Dienst in der Gesellschaft von zentraler Bedeutung.
>>> Zeiten des Wandels in der Slowakei
Seit der Unabhänigkeit der Slowakei 1993 durchläuft unsere Gesellschaft einen sehr dynamischen Entwicklungsprozess. Angesichts dieses Wandels und der Dezentralisierung in unserer Gesellschaft kommen Vertreter/innen kirchlicher Hilfseinrichtungen regelmäßig beim Ökumenischen Kirchenrat der Slowakischen Republik zu Gesprächen am Runden Tisch zusammen, um über ihre Prioritäten und ihre Rolle in diesem Prozess zu diskutieren.
Ein zweiter Bereich ist die Veröffentlichung gemeinsamer Erklärungen zu verschiedenen gesellschaftlichen und in besonderen Fällen auch politischen Fragen. Der Runde Tische des Ökumenischen Kirchenrates ist ein wirksames Instrument zur Unterstützung kirchlicher Projekte und ein wichtiges Zeichen der Zusammenarbeit. Durch ihn haben Kirchenvertreter/innen die Möglichkeit, sich an der Festlegung von Prioritäten zu beteiligen und Beschlüsse über die Verteilung finanzieller Mittel zu fassen.
Das Bildungsprogramm des Ökumenischen Kirchenrates zur Aus- und Weiterbildung kirchlicher Mitarbeiter/innen ist ein weiteres Instrument zur Stärkung der Einheit der Kirchen. Die neue Religiosität, die in unserem Land zunehmend spürbar wird, wird von allen Kirchen als Herausforderung gesehen. Ein Studienprogramm, das vom Ökumenischen Kirchenrats konzipiert wurde, bietet Orientierungshilfe und Beratung in dieser Frage an.
Leider bleiben ökumenische Bemühungen der Öffentlichkeit häufig verborgen. Die Gebetswoche für die Einheit der Christen bietet daher eine wichtige Gelegenheit, die Früchte unserer Zusammenarbeit zu feiern. Sie lädt dazu ein, im Gebet um Kraft und Mut für neue Möglichkeiten des Zusammenwachsens zu bitten und ist zugleich ein deutliches Signal an die Öffentlichkeit, das zeigt, wie Gott uns mit Früchten der Einheit segnet und wie diese Einheit der Christen wachsen kann.
>>> Eine Seele für Europa
Die Tradition der Gebetswoche hat die slowakischen Kirchen dazu veranlasst, anlässlich des Beitritts der Slowakei zur Europäischen Union am 30. April 2004 einen besonderen ökumenischen Gottesdienst zu veranstalten. Mit diesem Gottesdienstes wollte der Ökumenische Kirchenrat den Beitrittsfeiern eine geistliche Dimension geben.
Mehr als 1500 Menschen nahmen in der historischen lutherischen Kirche in Bratislava auf Einladung der beiden Bischöfe und des Vorsitzenden des slowakischen Parlaments, Pavol Hrusovsky, teil. Unter den Gästen waren der slowakische Präsident, Rudolf Schuster, Premierminister Mikulas Dzurinda, der Präsident des österreichischen Parlaments, Dr. Andreas Kohl, der Botschafter der Europäischen Kommission, Eric van der Linden, der ehemalige Präsident der Slowakei, Michal Kovac, sowie der Gewinner der Präsidentschaftswahlen, Ivan Gasparovic. Auch Gäste aus ausländischen Kirchen kamen, einschließlich des österreichischen lutherischen Bischofs Herwig Sturm und eines Mitglieds des Kirchenrates der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Ernst Ludwig Vatter.
Der Generalbischof der Evangelischen Kirche A.B. in der Slowakischen Republik, Julius Filo, hob in diesem Gottesdienst hervor, dass Gottes Wort, Gottes Gnade und die Erkenntnis Gottes als Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott drei Gaben an uns seien. Diese Gaben, so Filo, sind "die innere Nahrung, die inneren Wurzeln", die es uns erlauben, nach der Aufnahme in die pluralistische Welt des heutigen Europa in unserem persönlichen und gesellschaftlichen Leben "erhobenen Hauptes unseren Weg zu gehen".
"Jede Gemeinschaft braucht eine geistliche Verankerung. Rein äußerliche Interessen reichen nicht aus, um ein Volk langfristig zusammenzuhalten", betonte Bischof Frantisek Tondra, der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz in der Slowakei, in seiner Predigt. Gott sei es, der zwischenmenschlichen und internationalen Beziehungen seinen Geist einhauche.
Das slowakische Fernsehen und Radio strahlten den Gottesdienst live aus und boten auch dem europäischen Fernsehnetzwerk sowie europäischen Fernsehsendern die Übertragung an. Die Beteiligung von Parlamentsmitgliedern, Regierungsvertretern und Diplomaten an diesem Gottesdienst zur Eröffnung der offiziellen Feierlichkeiten war für eine kirchliche Versammlung sowohl im Blick auf die Zusammensetzung als auch die Zahl der Teilnehmer/innen wohl einzigartig.
Die Feierlichkeiten wurden mit einer außerordentlichen Sitzung des Parlaments fortgesetzt. In seinem Grußwort vor dem Parlament erklärte Andreas Kohl, er sei von dem ökumenischen Gottesdienst zutiefst beeindruckt gewesen. Für ihn hätten sich die Worte von Jacques Delors, nach denen wir Europa eine Seele geben müssten, in diesem Gottesdienst erfüllt.
>>> "Meinen Frieden gebe ich euch"
Es ist die gemeinsame Aufgabe der Kirche, "den Geist der Versöhnung und der Zusammenarbeit, des Friedens und der Gerechtigkeit in die Gesellschaft hineinzutragen", hieß es in der Einladung zur Gebetswoche für die Einheit der Christen 2004, die der Vorsitzende des Ökumenischen Kirchenrates in der Slowakischen Republik, Prof. Dr. Julius Filo, und der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz in der Slowakei, Prof. Dr. Frantisek Tondra, gemeinsam ausgesprochen hatten. Die Veranstaltungen auf Gemeindeebene, die unter dem Thema "Meinen Frieden gebe ich euch" standen, fanden ihren krönenden Abschluss in einem ökumenischen Gottesdienst, der am 18. Januar 2004 in der römisch-katholischen Kirche in Banska Bystrica stattfand.
Während des Gottesdienstes haben Vertreter/innen von Mitgliedskirchen des Ökumenischen Kirchenrates Gebete gesprochen. Jan Figel, designiertes Mitglied der Europäischen Kommission, überbrachte ein Grußwort. Auch der slowakische Premierminister Mikulas Dzurinda nahm an dem Gottesdienst teil, der live im slowakischen Fernsehen übertragen wurde. In diesem Jahr fand zum zweiten Mal eine ökumenische Jugendandacht in Form einer Gebetskette statt, die gemeinsam von der Jugendkommission des Ökumenischen Kirchenrates und der Jugendsektion der Katholischen Bischofskonferenz in der Slowakei organisiert wurde, um den wachsenden ökumenischen Beziehungen unter den jungen Menschen in der Slowakei Ausdruck zu verleihen.
Die Gebetswoche für die Einheit der Christen findet in der jetzigen Form in der Slowakei seit 1998 statt. Mit der Zeit hat sie sich zu einem herausragenden ökumenischen Ereignis entwickelt, an dem hochrangige Persönlichkeiten teilnehmen und das in den Medien auf großes Interesse stößt. Zugleich dient sie als wichtiges Vorbild für Gemeinden und Pfarreien und ermutigt sie, ähnliche Veranstaltungen auf lokaler Ebene zu organisieren. Obwohl die Kirchen an einigen Orten noch zögern, während der Gebetswoche zusammenzukommen und gemeinsam zu beten, werden doch in allen wichtigen regionalen Zentren ökumenische Veranstaltungen zu diesem Anlass organisiert.
>>> Tiefere Reflexion über die Einheit
Die Einladung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung an den Ökumenischen Kirchenrat in der Slowakischen Republik, das Thema der Gebetswoche für die Einheit der Christen 2005 vorzubereiten, wurde von den Kirchen als Herausforderung angenommen, ihre theologische Reflexion über ihre Einheit zu vertiefen. Welches ist das Fundament, auf dem Christen heute ihre Gemeinschaften aufbauen? Kann das dynamische Wachstum an Aktivitäten in den unterschiedlichen Kirchen zur gegenseitiger Annäherung beitragen? Oder wird es ihre Spaltungen nur noch vertiefen? Diese Fragen aus einer Vorbereitungsgruppe von Theolog/innen aus verschiedenen Kirchen dienten als Ausgangspunkt für die Vorbereitung der Materialien für die Gebetswoche. Die slowakische Redaktionsgruppe, die sich aus Mitgliedern der theologischen Kommission des Ökumenischen Kirchenrates zusammensetzte, verwendete 1. Korinther 3 als Grundlage für ihre Diskussionen und wählte "Christus, das eine Fundament der Kirche" zu ihrem Thema.
Wenn Mitglieder verschiedener Kirchen in der Slowakei zum gemeinsamen Gebet während der Gebetswoche für die Einheit der Christen zusammenkommen, sagen sie auch Dank für die Einheit, die sie bereits erreicht haben. In ihren Beziehungen werden immer mehr Früchte der Einheit und kleine Schritte zum besseren gegenseitigen Verständnis sichtbar. Daher erweist sich das Gebet nicht nur als Zeichen, sondern auch als wirksames Werkzeug Gottes unter uns. [1224 Wörter]
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Mitgliedskirchen des Ökumenischen Kirchenrates der Slowakei:
Vollmitglieder:
Evangelische Kirche A. B. in der Slowakischen Republik
Reformierte Christliche Kirche in der Slowakei
Orthodoxe Kirche in der Slowakei
Evangelisch-Methodistische Kirche, Slowakischer Distrikt
Baptistenunion in der Slowakischen Republik
Brüderkirche in der Slowakischen Republik
Altkatholische Kirche in der Slowakei
Tschechoslowakische Hussitische Kirche in der Slowakei
Beobachter:
Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in der Slowakei
Apostolische Kirche in der Slowakei
Katholische Bischofskonferenz in der Slowakei
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
(*) Ondrej Prostrednik ist Generalsekretär des Ökumenischen Kirchenrates in der Slowakischen Republik
Weitere Informationen zur Gebetswoche, einschließlich der dazu verfügbaren Materialien, finden Sie unter:
www.wcc-coe.org/wcc/what/faith/wop-index.html
Die Meinungen, die in den ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider. Das Material ist zum Wiederabdruck unter Angabe des Autors freigegeben.


