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13.05.05 19:45

Mission und Gewalt - eine ambivalente Beziehung

 

von Juan Michel (*)

Fotos honorarfrei verfügbar

unter www.mission2005.org

Teilnehmende an der Weltmissionskonferenz in Athen erörtern die ambivalente Beziehung zwischen Mission und Gewalt. Doch die Antworten sind nicht einfach.

"Gewalt ist nicht cool, Gewalt hat nichts Glanzvolles an sich", sagte Tiniyiko Maluleke, ein presbyterianischer Missionstheologe aus Südafrika vor dem Plenum der Konferenz für Weltmission und Evangelisation am Donnerstag, dem 12. Mai. "Wir müssen uns dem gegenwärtigen Trend in unserer Kultur widersetzen, Gewalt als modisch und sexy hinzustellen", fügte er hinzu.

Maluleke ging es dabei besonders um junge Menschen. Und es waren auch junge Teilnehmende, die zu Beginn der Sitzung Symbole für die Allgegenwart der Gewalt auf das Podium brachten: Gewalt, die mit der wirtschaftlichen Globalisierung einhergeht oder mit der zunehmenden Verbreitung von Waffen, mit Umweltzerstörung oder mit der Haltung gegenüber Frauen.

Was hat Gewalt mit den Kirchen zu tun? Eine ganz Menge, wie Viola Raheb, eine lutherische Theologin aus Palästina meint. "Wir können nicht unsere Augen vor der Gewalt verschließen, der Menschen 24 Stunden am Tag und Tag für Tag ausgesetzt sind", erklärte sie. Sie schilderte die Situation in den besetzten palästinensischen Gebieten und meinte: "Es reicht nicht aus, dass die Kirchen die Ursachen der Gewalt benennen, sie müssen sie auch aktiv und gewaltlos angehen."

Eine tief verwurzelte Ambivalenz

In der Plenarsitzung, die der komplexen Frage der ambivalenten Beziehung zwischen Mission und Gewalt gewidmet war, wurde auch die Halbzeit der Dekade zur Überwindung von Gewalt: Kirchen für Frieden und Versöhnung (2001-2010) gefeiert.

Zu Beginn der Sitzung wurde in einem kurzen Video-Clip der Moment gezeigt, wo ein junger deutscher Delegierter auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Harare 1998 den ursprünglichen Vorschlag für eine solche Dekade machte. Sieben Jahre später stand Fernando Enns, ein mennonitischer Pastor, wieder vor einer ÖRK-Versammlung und erklärte erneut, dass die Kirchen sich dem Ziel verpflichten müssten, "in einer wahrhaftig gewaltsamen Welt" die Gewalt zu überwinden.

"Es ist auch an der Zeit, ehrliche Bekenntnisse abzulegen", sagte er. "Manchmal haben sich unsere Kirchen von der Macht versuchen lassen und Unrecht und Gewalt theologisch gerechtfertigt. Wir sind in unseren jeweiligen Traditionen in die Irre gegangen, wenn die Mission der Kirche zur Gewalt in der Welt beigetragen hat."

Alix Lozano, mennonitische Pastorin aus Kolumbien, und einige andere, gehen sogar so weit zu sagen, dass die Begriffe Mission und Gewalt austauschbar geworden sind. "Für uns in Kolumbien… ist die Gewalt (oder das Schwert) der ständige Begleiter der Mission (oder des Kreuzes) gewesen", sagte Lozano in einem persönlichen Zeugnis, das in ihrer Abwesenheit verlesen werden musste, da ihr ein Einreisevisum zur Konferenz verweigert worden war.

Zwischen christlichem Zeugnis und Gewalt besteht eine komplexe Beziehung, die bis zu den Wurzeln des Glaubens zurückverfolgt werden kann. "Wir müssen auch die biblischen Texte kritisch untersuchen, die von Gewalt handeln und ein Gottesbild zeichnen, das zur Legitimierung von Gewalt gedient hat und daher eine Herausforderung für uns darstellt", erklärte Raheb.

Die Bedeutung von Inititativen wie der Dekade liege darin, dass sie die Kirchen anhalte, "auf jede theologische Rechtfertigung von Gewalt zu verzichten" und "sich mit Gewalt in der Bibel auseinanderzusetzen, statt so zu tun, als gäbe es sie nicht", fügte Maluleke hinzu.

Angst und Leidenschaft

Warum nun erliegen Christen der Versuchung der Gewalt? Aus Angst, antwortete Janet Plenert, eine mennotische Pastorin aus Kanada, die auch an der Podiumsdiskussion teilnahm. "Angst ist die wichtigste und tiefste Ursache für Gewalt. Wir hören auf Stimmen, die Selbsterhaltung, rassische Überlegenheit und nationale Sicherheit predigen, weil wir Angst haben."

Angst funktioniert in unterschiedlichen Kontexten auf unterschiedliche Weise. "In Palästina stellt Angst eine psychologische Waffe dar", sagte Raheb. "Ich habe die Angst nicht überwunden und glaube nicht, dass mir das jemals gelingen wird, aber ich habe gelernt zu akzeptieren, dass sie immer da sein wird."

Die Frage der Angst war nicht das einzige Problem, auf das das Podiumsgespräch keine abschließende Antwort geben konnte. Aber es hatte auch von Anfang an nicht das Ziel verfolgt, alle Fragen zu klären. Eine gewisse Ambivalenz wird immer bleiben. Um damit leben zu können, ist Leidenschaft von Nöten. "Die Dekade zur Überwindung von Gewalt ruft die Kirchen auf, wieder ein Bewusstsein, ja ein leidenschaftliches Engagement für die Frage der Gewalt zu entwickeln", erklärte Maluleke vor der Versammlung.

Er erinnerte die Teilnehmenden daran, dass diese Leidenschaft darin begründet ist, dass "Gottes Ebenbild dort am sichtbarsten wird, wo die Menschen der größten Gewalt ausgesetzt sind". Lozano hatte dazu schon in ihrem persönlichen Zeugnis erklärt: "Die Mission Gottes kann in einem Kontext der Gewalt gelebt werden", wenn "Christen sich dem Willen Gottes unterwerfen, der immer auf der Seite der Armen, Bedürftigen, Verfolgten und Ausgegrenzten steht".

Als die Jugendlichen, die zu Beginn die Symbole der Gewalt hereingetragen hatten, brennende Kerzen aufs Podium trugen, brachte die Versammlung dieses Anliegen vor Gott und sang das Lied zum Thema der Konferenz: "Komm, Heiliger Geist, heile und versöhne". [787 Wörter]

(*) Juan Michel, ÖRK-Medienbeauftragter, ist Mitglied der Evangelischen Kirche am La Plata in Buenos Aires, Argentinien.

Die Konferenz-Webseite:www.mission2005.org

Das Video über die Plenarveranstaltung zur Dekade können Sie auf unserer Webseite anschauen:

www.mission2005.org/webcast.html

Kostenlose, hochauflösende Fotos zur Illustration dieser Geschichte sind verfügbar unter:

www.mission2005.org/High_resolution.884+B6Jkw9Mg__.0.html