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Die "Kinder von 1989" treten das Erbe der Friedlichen Revolution an

02.12.09

TeilnehmerInnen der Tagung "Born in the Friedensbewegung". Foto: Julia Rintz

Von Christina Biere (*)

 

 

1989 war ich zehn Jahre alt. Erst seit ich 2007 nach Ostdeutschland zog, komme ich regelmäßig mit Menschen, die in der DDR gelebt und dort Kirche mitgestaltet haben, ins Gespräch – zum Beispiel über das ganzjährige Transparent "Schwerter zu Pflugscharen" am Greifswalder Dom.

 

Dieses Friedenssymbol sollte mir als junger Christin von Grund auf sympathisch sein – und doch gefällt es mir einfach nicht, lässt mich dieser martialische Mann mit dem gehobenen Hammer in der Hand geradezu erschaudern. Meiner Mitbewohnerin geht es ganz anders: "Dieses Bild hat mich als Kind geprägt und gibt mir noch heute Heimat in der Kirche." Ich hadere mit meiner Ablehnung und verstehe schließlich: Was den Menschen in dieser Stadt und in diesem Dom Frieden bedeutet, ist für mich eine Fremdheitserfahrung, als wäre ich in einem anderen Land.

 

An unseren Kindheitserinnerungen beobachten Altersgenossen und ich die doppelte Geschichte Deutschlands und spüren sehr deutlich, dass uns darin auch weiterhin etwas trennt. Geht es so unserer gesamten Generation? Wie kann man auf der Basis geteilter und oft unversöhnter Erinnerung an Frieden und Kalten Krieg Friedensstifter sein? Vor diesem Hintergrund lud das deutsche ökumenische Netzwerk MEET (More Ecumenical Empowerment Together) zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution Kinder der 1970-er und 1980-er Jahre zur Tagung "Born in the Friedensbewegung" ein. Die Ergebnisse des Treffens sollen in die Vorbereitung der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation einfließen, die der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) für 2011 in Jamaika plant.

 

"Das ist meine Familie vor 1989", sagt Julia Rintz, eine Teilnehmerin im Workshop Biographiearbeit. Sie zeigt auf ein Photo, auf dem Vater, Mutter und zwei Kinder in eine DDR-Kamera strahlen. "Nach der Wende waren meine Eltern erstmal so mit sich selbst beschäftigt, dass sie kaum noch für uns Zeit hatten, deshalb habe ich daran erstmal negative Erinnerungen." Ich lerne, dass die Wende einigen meiner Altersgenossen ein Stück Kindheit zerstört und Familienerinnerung genommen hat.

 

Manche Erinnerungen mögen auch eine Erklärung für die heute eher typisch unpolitische Haltung in unserer Generation geben. So berichtet eine Teilnehmerin, dass sie als Kind lieber bei den entspannt unpolitischen Großeltern war, wenn die Eltern von Demo zu Demo liefen. Eine andere Teilnehmerin erinnert sich daran, einmal an der DDR-Grenze alle Antiatomkraft- und Friedensaufkleber vom Auto ihrer Eltern abkratzen zu müssen; diese Art von Erlebnissen habe sie aber schließlich doch eher politisch werden lassen.

 

Ob man 1989 zehn oder fünfzehn Jahre alt war, macht für die heutige Wahrnehmung der jüngsten deutschen Geschichte viel aus. Wenn Almut Bretschneider-Felzmann, Mitte der 70-er Jahre in der DDR geboren, erzählt, wie sie Anfang der 90-er Jahre in einem internationalen Jugendcamp in Schweden das erste Mal bewusst ersehnte Freiheit erlebte, dann spüre ich heute wie kostbar für meine ganze Generation ein intensives Erleben von Frieden und Freiheit in der frühen Jugend ist, und wie groß die Aufgabe, diese Erinnerung nun gemeinsam zu bewahren.

 

Von gestern für morgen lernen

Um den aktiven Beitrag von Kirchen zur Friedensbewegung und Friedlichen Revolution in Deutschland zu verstehen, reicht das Gespräch zwischen uns damaligen Kindern nicht aus. Wir wollen wissen, wie die Menschen, die damals aktiv waren, heute darüber denken. "Woher kommt die Freiheit, so frei über Freiheit zu reden, wie Sie es auf der Ökumenischen Versammlung der Kirchen in der DDR 1988/89 getan haben", fragt Moderatorin Ulrike Kind den ehemaligen Erfurter Propst Heino Falcke in einer Diskussion mit den Tagungsteilnehmenden. Seine Antwort ist deutlich: "Die Kirche in der DDR war darin frei, dass sie ständig neu nach ihrem Wesen und Auftrag in der sozialistischen Gesellschaft gefragt hat".

 

Heute heiße die Devise, so Falcke, "Kirche des Friedens" als "Kirche im Pluralismus" zu sein. Doch dann erscheint der 80-jährige und immer noch leidenschaftlich engagierte Christ resigniert: "Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland dafür eine zukunftsfähige Kirchengestalt haben." Das Klagen über das Schrumpfen der Volkskirche sei trotz aller Reformen immer noch an der Vergangenheit orientiert, an einem Konzept Kirche, dass vom Anspruch, die Werte für die Mehrheitsgesellschaft zu vertreten, nicht abrücken wolle. In Wirklichkeit, so Falcke, seien die realen Verhältnisse viel dichter an der kirchlichen Minderheitssituation in der damaligen DDR als kirchliche Institutionen heute zugeben: "Wir bräuchten wirklich eine neue Freiheit!"

 

1989 schrieben die Delegierten der Ökumenischen Versammlung in der DDR einen Brief an die nächste Generation: "Liebe Kinder, die Erde, auf der wir leben, ist sehr bedroht. Schuld daran sind wir, die Erwachsenen. Aber einige haben es doch noch gemerkt. Deswegen haben sich zum dritten Mal viele Menschen getroffen, um darüber nachzudenken, was zur Rettung der Erde geschehen muß." Wir sind angesprochen – was können wir antworten? Im Nachklang an die Tagung der "Kinder von 1989" entsteht ein Brief an die "Eltern":

 

Liebe Eltern, Großeltern und Paten von damals! Die Erde, auf der wir leben, ist heute bedrohter denn je (…). Ihr habt eine große Friedensbewegung und Friedliche Revolution hingelegt, die uns heute ziemlich beeindruckt. Die Kirchen waren offen und ihr Kirchenleute wart bei den Menschen auf der Straße. Wir danken Euch für dieses Zeugnis von Freiheit im Glauben, Euren Mut und Eure Hoffnung! (…) Und was geschah dann mit Euren Ideen in den Kirchen in unserem Land? Viel zu wenig sehen wir davon heute in unseren Kirchen. Das würden wir gerne ändern, und mit Euch z.B. die Internationale ökumenische Friedenskonvokation 2011 in Jamaika vorbereiten. (…) Wir wollen junge Menschen in und außerhalb der Kirchen treffen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit und den Schutz der Erde engagieren, um von ihnen zu erfahren, wie Revolution heute geht! Und noch etwas bringen wir aus der Erfahrung unserer Tagung mit: Es ist wichtig, zu tanzen – zur Musik der 80-er aus West und Ost, den Puhdys und Westernhagen: "Alle die von Freiheit träumen, sollen Freiheit nicht versäumen!" Das war ein Stückchen mehr echte Einheit in Deutschland – und ein bisschen Frieden auch.

 

(*) Christina Biere promoviert derzeit an der theologischen Fakultät der Universität Greifswald. Sie ist Mitglied im ÖRK-Zentralausschuss und Gründungsmitglied bei MEET.

 

Mehr über das ökumenische Netzwerk MEET

 

Internationale Ökumenische Friedenskonvokation

 

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Die Meinungen, die in ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider. Dieses Material darf unter Angabe der Autorin nachgedruckt werden.