ÖRK > Nachrichten
22.11.07 11:03

Philippinische Christinnen und Christen berichten über die Misshandlung ihrer Brüder, Söhne und Ehemänner

 

Diese 86-jährige Filipina trauert um ihren Sohn, der sein Leben in einer außergerichtlichen Hinrichtung durch das Militär verlor, wie sie der ökumenischen Delegation erzählte. Foto: ÖRK

Maurice Malanes (*)

 

Als Berlin Guerrero, Pastor der Vereinigten Kirche Christi auf den Philippinen, mit seiner Familie von einem Abendgottesdienst nach Hause fuhr, hielten Bewaffnete den Wagen an. Der Pfarrer wurde mit Waffengewalt weggeführt und in einen Transporter gezerrt. Man band seine Hände zusammen und zog ihm eine Plastiktüte über den Kopf, so dass Guerrero beinahe erstickte und zweimal in Ohnmacht fiel. Seine Entführer schlugen ihn, damit er wieder zu sich kam. Mit der Entführung und Folter wollten sie sein Geständnis einer Mitgliedschaft in der verbotenen Kommunistischen Partei der Philippinen erzwingen.

 

"Sie [die Entführer] drohten meinem Mann sogar damit, dass sie mich und meine Tochter vor seinen Augen vergewaltigen würden, wenn er nicht die Namen von Anführern angeblicher Untergrundorganisationen preisgeben würde", erzählt Guerreros Frau Mylene.

 

Guerreros Entführung ereignete sich am 27. Mai 2006. Zum Glück kam er mit dem Leben davon, im Gegensatz zu den mehr als 800 Aktivisten, kirchlichen Mitarbeitern und Journalisten, die seit 2001 bei außergerichtlichen Hinrichtungen ihr Leben verloren haben. Guerrero sitzt allerdings seither im Gefängnis wegen eines Mords, den er vor 17 Jahren angeblich einen Mord begangen habe. Seine Frau sagt, die Anklage sei frei erfunden. Mit Unterstützung von kirchlicher Seite und Menschenrechtsgruppen kämpft die Familie seither für seine Freilassung.

 

Der Leidensweg der Guerreros gehörte zu den Zeugenberichten, die eine Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) am ersten Tag ihres Besuchs vom 18. bis 21. November in dem südostasiatischen Inselstaat hörte.

 

Zu der vom ÖRK-Generalsekretär Pfarrer Dr. Samuel Kobia angeführten Delegation gehören Sophia Adinyira, Richterin am Obersten Gerichtshof von Ghana und Mitglied der (anglikanischen) Kirche der Provinz Westafrika; Pfarrer Dr. Sandy Yule, Nationalsekretär für christliche Einheit der Unionskirche in Australien; und Dr. Mathews George Chunakara, ÖRK-Programmreferent für Asien.

 

Die ökumenische Delegation hörte auch die frühere Journalistin und Ausbilderin Editha Burgos an, die wiederholt an das Militär appelliert hat, ihr ihren Sohn Jonas zurückzubringen. Bewaffnete entführten den jungen Mann, der sich für die Rechte der Bauern eingesetzt hatte, am 28. April 2007. Burgos berichtete der Delegation, dass sie bei allen Regierungsstellen vorgesprochen habe – von den Militär- und Polizeibehörden über die Kommission für Menschenrechte bis hin zu Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo –, ohne Erfolg. "Mein Sohn ist jetzt seit 260 Tagen verschwunden und ich hoffe immer noch, dass er lebt, denn bis jetzt haben wir keine Beweise für seinen Tod", sagte sie.

 

Weiter erfuhr die Delegation die Geschichte von Jonathan Sta. Rosa, dessen Bruder Isaias, Pastor der Evangelisch-Methodistischen Kirche auf den Philippinen, am 3. August 2006 mit Waffengewalt aus dem gemeinsamen Haus entführt und später im Schnellverfahren hingerichtet wurde. Jonathan selbst wurde gefoltert. Beide Brüder wurden verdächtigt, der New People’s Army (NPA), dem bewaffneten Arm der verbotenen Kommunistischen Partei der Philippinen (maoistisch) anzugehören, die seit mehr als 38 Jahren einen Guerillakrieg führt.

 

Während der Begegnung, die vom Nationalen Kirchenrat auf den Philippinen organisiert worden war, berichteten noch vier weitere Opfer von Menschenrechtsverletzungen und Hinterbliebene der ökumenischen Delegation von ihren Erlebnissen. Sie gaben den Statistiken und Berichten über staatliche Gewalt und Missbrauch menschliche Gesichter.

 

85% der rund 86 Millionen Einwohner der Philippinen gehören verschiedenen christlichen Konfessionen an. Damit sind die Philippinen das einzige mehrheitlich christliche Land in Asien. Die römisch-katholische Mehrheitskirche etablierte sich unter der spanischen Kolonialherrschaft vom 16. bis 19. Jahrhundert, während die protestantischen Missionsgesellschaften Anfang des 20. Jahrhunderts ins Land kamen. Der Nationale Kirchenrat auf den Philippinen (NCCP) wurde 1963 gegründet und folgte auf eine Reihe von Vorgängerinstitutionen, deren älteste 1900 entstand.

 

Der NCCP, eine ökumenische Gruppierung der protestantischen "Groß"-Kirchen, hat das 1971 von Ferdinand Marcos verhängte Kriegsrecht konsequent abgelehnt. Der Kirchenrat hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, das Bewusstsein der Bevölkerung für Themen wie Militarisierung, Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Ausbeutung von Menschen zu schärfen. Während der viertägigen friedlichen Revolte im Februar 1985 - der "People-Power-Revolution" - , die Marcos' Diktatur ein Ende setzte, konnte man katholische Priester und Nonnen sowie protestantische Pastoren und kirchliche Mitarbeitende gemeinsam demonstrieren sehen.

 

In jüngerer Zeit setzt sich der NCCP an vorderster Front für die Einhaltung der Menschenrechte ein. Im vergangenen März gab er einen Bericht mit dem Titel "Let the stones cry out" (Lasst die Steine schreien) heraus, der den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen und andere Instanzen der internationalen Gemeinschaft auf den "kollektiven Ruf nach Gerechtigkeit für Tausende von Filipinos" aufmerksam machte, "die am meisten unter den Menschenrechtsverletzungen leiden, die im Namen von Aufstands- und Terrorismusbekämpfung verübt werden".

 

Zu der Zeit lag die Zahl der seit 2001 gezählten Opfer außergerichtlicher Hinwichtungen bereits bei über 800. Heute sind es fast 900, auch wenn die Häufigkeit der Fälle laut Marie Hilao-Enriquez von der Menschenrechtsorganisation Karapatan inzwischen abgenommen hat. "Allerdings haben die Fälle von Verschwindenlassen zugenommen", fügt sie hinzu.

 

"Wir möchten Sie unserer fortgesetzten Begleitung auf Ihrem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit versichern", sagte Kobia im Anschluss an die Erzählungen von Hinterbliebenen und Opfern von Menschenrechtsverletzungen. Er erinnerte an das langjährige Engagement des ÖRK zur Unterstützung des philippinischen Volkes und versicherte, der Rat werde auch weiterhin Druck auf die philippinische Regierung ausüben, damit sie das Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen ratifiziert und ihren Pflichten im Rahmen der internationalen Menschenrechtsgesetze nachkommt.

 

Angesichts der Geschichten von Schmerz und Leid und der offensichtlichen Hilflosigkeit von Opfern und Hinterbliebenen, die kaum Aussicht auf baldige Gerechtigkeit haben, sprach ihnen die ÖRK-Delegation Trost zu und ermutigte sie, die Hoffnung nicht aufzugeben.

 

Früher am selben Tag hatte die Delegation einem Gedenkgottesdienst für Bischof Alberto Ramento beigewohnt. Ramento, eine Führungspersönlichkeit der Iglesia Filipina Independiente (Philippinische Unabhängige Kirche), war im Oktober 2006 ermordet worden - laut Angaben anderer kirchlicher Mitarbeitender aufgrund seines standhaften Engagements für die Menschenrechte.

 

"Indem wir lernen, furchtlos zu sein", sagte Kobia in seiner Predigt vor Ramentos Angehörigen und Mitgliedern der einheimischen Kirche, "schöpfen wir Hoffnung und machen uns die Vision einer anderen Republik der Philippinen zu eigen".

 

(*) Maurice Malanesist freiberuflicher Journalist auf den Philippinen. Zurzeit ist der Korrespondent des Ökumenischen Nachrichtendienstes ENI, schreibt aber auch für den Phillipine Daily Inquirer in Manila und die Union of Catholic Asian News (UCAN) in Bangkok.

 

 

Weitere Informationen über den Besuch des ÖRK-Generalsekretärs auf den Philippinen

 

Medienkontakt auf den Philippinen: Sharon Joy Duremdes +63-92-0955-6351

 

Den Bericht "Let the stones cry out!" finden Sie auf der ÖRK-Website unter (auf Englisch)

 

ÖRK-Kondolenzbrief für Bischof Ramento an die philippinischen Kirchen (auf Englisch)