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2.07.08 13:49

Gewalt in Familien: Kirchen brauchen offene Ohren für Hilferufe

 

Die interaktive Ausstellung „Rosenstraße 76" wendet sich gegen die Tabuisierung dieses Themas – und zeigt Strategien gegen häusliche Gewalt auf.
Foto: Klaus Kohn/Brot für die Welt

Erfahrungen der Kirchen in Deutschland mit dem Thema "Häusliche Gewalt" sollen für eine im Jahr 2011 geplanten Friedenserklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) eine wichtige Rolle spielen. Lange Zeit habe es in den Kirchen eine Leugnung dieses Themas gegeben, so der stellvertretende Generalsekretär des Weltkirchenrates Georges Lemopoulos am Samstag, 28. Juni in Frankfurt.

 

Frankfurt war die erste Station des sechsköpfigen ÖRK-Teams unter Leitung des anglikanischen Erzbischofs Bernard Ntahoturi aus Burundi. Bis 2010 finden weltweit mehrere solche Teambesuche pro Jahr zur Vorbereitung auf eine Weltversammlung für den Frieden statt. Die deutschen Kirchen, die sich von Anfang an besonders für die Dekade zur Überwindung von Gewalt eingesetzt haben, seien besonders aktiv. Dies zeigten den internationalen Gästen zufolge die in Frankfurt vorgestellten Projekte und Erfahrungen aus Südwestdeutschland.

 

Die Veranstalterinnen setzen große Hoffnungen in die Friedenserklärung, betonte die stellvertretende Generalsekretärin des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland, Pfarrerin Ulrike Schmidt-Hesse. Sie wünsche sich, dass es neben der Grundorientierung auch Stellungnahmen zu einzelnen aktuellen Herausforderungen gibt. Auf großes Interesse der Team-Mitglieder stieß die Einrichtung eines runden Tisches "Religion" im Rhein-Main Gebiet, an dem deutsche und türkische Journalisten teilnehmen.

 

In Baden-Württemberg drängt die evangelische Kirche darauf, das Thema "Häusliche Gewalt" in Lehrplänen zu verankern und die Beratung für Opfer zu erweitern, erläuterte Pfarrerin Helene Eichrodt-Kessel von der Projektstelle Ökumenische Dekade der württembergischen Landeskirche dem ÖRK-Team. "Häusliche Gewalt" sei Thema der theologischen Aus- und Fortbildung. "Wir sind eine Berufsgruppe, die in die Häuser kommt, und wir haben die Möglichkeit zu reden." Gemeinden erhielten Hilferufe von Frauen und Kindern. Jede vierte Frau sei schon einmal Opfer von Gewalt geworden.

 

Die Ausstellung "Rosenstraße 76" von Brot für die Welt hilft Gemeinden, über das Thema zu reden, und ist international im Einsatz - dieses Jahr in der westfälischen Landeskirche. Janette Bächtold Ludwig, Direktorin des Nationalrates der christlichen Kirchen in Brasilien, lobte das gute pädagogische Konzept und die Begleitveranstaltungen, die ländliche und städtische Gemeinden dazu vorstellten.

 

"Häusliche Gewalt spielt sich hinter Mauern ab. Wenn wir davon erfahren, ist es schon zu spät", gab Erzbischof Ntahoturi aus Burundi zu bedenken. In seiner Heimat gelte sie als Kriegsfolge. Neu sei für seine Kirche, dass sie durch ihr Programm "Fokus auf Familie" auch auf Fälle von sexuellem Missbrauch gestoßen sei.

 

Auf die Frage aus der Delegation, inwieweit Kultur und Religion "Häusliche Gewalt" beeinflussen, erläuterte die Leiterin des Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt Eli Wolf, dass zur Zeit in Frauenhäusern vor allem Frauen mit Migrationshintergrund Schutz gefunden hätten, obwohl häusliche Gewalt in allen Schichten der Gesellschaft vorkomme. Die Pfarrerin berichtete auch von der Zusammenarbeit mit Muslimen, die in ihrem Umfeld an einem neuen Männerbild arbeiten.

 

Das gemeinsame Lesen biblischer Friedenstexte über Ländergrenzen hinweg ermöglichte das Evangelische Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS) mit seinem internationalen ökumenischen Netzwerk. Ein Bibelgesprächskreis in einer deutschen Gemeinde las denselben Text wie eine Gruppe in Afrika oder Asien. "Alles musste übersetzt werden. Das brauchte Geduld", berichtete Pfarrerin Dorothea Frank über den Austausch mit einer Studentengruppe in Kamerun. "Wir entdeckten, dass wir die Bibel als gemeinsamen Schatz haben und niemand das Recht zu alleiniger Interpretation hat."

 

Vorbereitet wurde der Tag in Frankfurt von der Beauftragten für Friedensarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, der Landeskirchlichen Beauftragten für Mission und Ökumene Mittelbaden, der Projektstelle Ökumenische Dekade "Gewalt überwinden" der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, vom Ökumenischen Netz Württemberg und dem Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland.

 

Mehr Informationen über die Dekade zur Überwindung von Gewalt

 

Besuch der "Lebendigen Briefe" in Deutschland

  

Reiseeindrücke zweier Team-Mitglieder (auf Englisch)

 

Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS)

 

ÖRK-Mitgliedskirchen in Deutschland (auf Englisch)