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10.10.07 14:04

Besuch der "Lebendigen Briefe" bestärkt US-amerikanische Christen und Christinnen in ihrem Friedensengagement

 

Die Mitglieder der Delegation „Lebendige Briefe“ bauen in einem ökumenischen Gottesdienst zum Weltfriedenstag im Kirchenzentrum der Vereinten Nationen ein Steinmal. Von links nach rechts: Lina Moukheiber aus dem Libanon, Edwin Makue aus Südafrika, Aneeqa Maria Akhtar aus Pakistan und Marcelo Schneider aus Brasilien. Foto: Jerry Hames/ÖRK
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von Jerry Hames (*)

 

Die Mitglieder eines internationalen ökumenischen Teams, das im Auftrag des ÖRK die Vereinigten Staaten besucht hatte, kehrten beeindruckt und ermutigt durch die Zeichen der Hoffnung und das große Gemeinschaftsengagement von ihrem neuntägigen Solidaritätsbesuch zurück. Auf ihrer Reise waren sie mit Christen und Christinnen zusammengetroffen, die sich mit Schusswaffenkontrolle, Krieg und Gewaltkultur auseinandersetzen.

 

Die Mitglieder des Teams der „Lebendigen Briefe“ waren aus Südafrika, dem Libanon, Pakistan und Brasilien angereist und ihr Solidaritätsbesuch führte sie nach Washington, Philadelphia, New York, New Orleans und in Städte, die auf dem Weg lagen. Sie begegneten Menschen, die sich unermüdlich für friedliche Alternativen zur Gewalt einsetzen, und sie versicherten sie ihrer Unterstützung und Ermutigung.

 

Die Teammitglieder bekundeten ihre Solidarität mit dem Bürgermeister von Philadelphia – der Stadt mit der höchsten Mordrate in den USA. Sie erfuhren, wie eine Amish-Gemeinschaft im ländlichen Pennsylvania die Tragödie bewältigt, die vor einem Jahr über sie hereinbrach, wie sie vergibt und die Witwe und Kinder des Amokschützen unterstützt, der fünf Schulmädchen getötet und weitere fünf verletzt hat. Sie erlebten das Engagement einer schwarzen Gemeinde in New Orleans, die mit Entschlossenheit gegen Straßengewalt vorgeht, und nahmen an der Veranstaltung teil, auf der UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon vor der Gemeinschaft der Vereinten Nationen in New York die Friedensglocke zum diesjährigen Internationalen Tag des Friedens läutete und erklärte, dass „Frieden die höchste Berufung der Vereinten Nationen“ sei.

 

Die Delegation der „Lebendigen Briefe“ setzte sich zusammen aus Pfr. Edwin Makue, dem Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates, Lina Moukheiber, einer Expertin für öffentliche Gesundheit aus dem Libanon, Aneeqa Maria Akhtar, einer Menschenrechtsanwältin aus Pakistan, und Dr. Marcelo Schneider, einem Ökumenevertreter aus Brasilien. Die Besuche der „Lebendigen Briefe“ sind Teil einer Initiative des ÖRK, die Kirchen in aller Welt mobilisieren will, friedliche Alternativen zur Gewalt zu suchen. Im Rahmen der Dekade des ÖRK zur Überwindung von Gewalt ist bereits eine Delegation „Lebendiger Briefe“ nach Sri Lanka entsandt worden, einem Land im Indischen Ozean, das sich seit 1983 im Bürgerkrieg befindet. In den nächsten drei Jahren werden weitere Regionen der Welt im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.

 

Zeugen und Zeuginnen des Friedens

 

Die Delegationsmitglieder trafen im Kirchenzentrum der Vereinten Nationen mit Kirchenleitern/innen und später mit studentischen Aktivisten/innen zusammen, die zur UNO gekommen waren, um für den Frieden zu demonstrieren. Das Team berichtete, dass Gewalt in ihren eigenen Ländern an der Tagesordnung sei. „Heute ist im Libanon Nationaltrauertag“, sagte Moukheiber, weil an diesem Tag, dem 21. September, ein führender libanesischer Politiker ermordet wurde. „Ich hatte bisher Probleme mit (dem Konzept] des Friedens und der Vergebung. Aber hier kommen wir zusammen, um unsere Solidarität und unsere Unterstützung zum Ausdruck zu bringen.“

 

„Es ist noch keine 13 Jahre her, da war Südafrika ein Land voller Gewalt, das sich selbst zerstörte“, sagte Makue. „Wir verdanken es Menschen wie euch, Menschen, die an den Frieden glauben, dass Südafrika heute in Frieden leben kann.“ Und er fuhr fort: „Aber unser Frieden und unsere Freiheit sind daran gebunden, dass auch in anderen Ländern Frieden und Freiheit herrschen. Wir können nicht sagen, dass wir frei sind, solange unsere Nachbarn in Simbabwe in Unfreiheit leben. Denken Sie an die Menschen in der westlichen Sahara und die Gewalt, der Kinder dort ausgesetzt sind. Ihnen ist das Recht genommen worden, Kinder zu sein. Aber wir glauben, dass wir uns durch diese Kampagne engagieren und dass wir die Pflicht haben, uns für ein Ende dieser Gewalt einzusetzen.“

 

Akhtar erklärte, die Christen stellten in Pakistan eine verschwindende Minderheit dar. „Die Kirchen sind nicht stark [genug], um den terroristischen Angriffen standzuhalten“, erzählte sie. „Es ist wirklich eine Herausforderung, weil es hier um [die Zukunft] aller Minderheiten geht. Wir wissen nie, wann wir erschossen oder von Terroristen überfallen werden.“

 

„Wo sehen Sie Hoffnung für all die gläubigen Menschen, die Frieden suchen“, fragte Moukheiber. „Hoffnung gibt es für mich, wenn Menschen im Libanon einander vergeben, für all das, was sie einander angetan haben.“

 

In den Straßen von New Orleans

 

Nur wenige Stunden nach den Begegnungen auf der United Nations Plaza fand sich die Delegation im französischen Quartier von New Orleans wieder, einer Stadt, die vor zwei Jahren zu zwei Dritteln überschwemmt wurde, als Hurrikan Katrina die Dämme durchbrach. Sie wurde dort von Pfrin. Dr. Bernice Powell Jackson, der ÖRK-Präsidentin für Nordamerika, empfangen, die Pfarrerin der Beecher Memorial United Church of Christ ist.

 

„New Orleans ist der Ground Zero jeder rassistischen sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit in den USA“, erklärte Powell Jackson. Während des 24-stündigen Besuchs trafen die Teammitglieder mit Geistlichen und lokalen Künstlern/innen zusammen und beteten gemeinsam mit der Gemeinde in der Beecher Memorial-Kirche, die während des Hurrikans evakuiert werden musste, dann aber von den Gemeindegliedern trotz aller Widrigkeiten wiederaufgebaut wurde. Inmitten der Gewalt, die auf New Orleans Straßen herrscht, hörten die Teammitglieder auch Geschichten von mutigen christlichen Zeugen und Zeuginnen, die wöchentliche Nachbarschaftstreffs, Jugendbegegnungen, Obdachlosenbetreuung, Versöhnung unter den Rassen und Gemeinschaftsaufbau organisieren.

 

Die Delegation lernte die herausragende Katastrophen- und Nothilfearbeit kennen, die von verschiedenen Koalitionen lokaler Kirchen geleistet wurde und wird, hörte aber auch Appelle an die Kirchen auf nationaler Ebene, sich nachdrücklicher für staatliche Maßnahmen zur Unterstützung der Menschen bei dem Wiederaufbau ihrer Häuser und Wohnungen einzusetzen.

Eine Lektion Liebe: Amish-Gemeinschaft vergibt Attentäter

Das Team der „Lebendigen Briefe“, das die Vereinigten Staaten im Rahmen der Dekade des ÖRK zur Überwindung von Gewalt besuchte, lernte die christliche Gastfreundschaft der Amish-Gemeinschaft bei einem Mittagessen auf einem Bauernhof in der Nähe von Paradise, Pennsylvania, kennen. Die Teammitglieder aus Südafrika, dem Libanon, Pakistan und Brasilien erfuhren von der Tragödie, die die Gemeinschaft vor einem Jahr heimgesucht hatte. Ein Amish-Diakon berichtete in allen Einzelheiten, wie der Fahrer eines Milchwagens, der nie zuvor als Gewalttäter aufgefallen war, sich im einzigen Klassenraum einer Amish-Schule verbarrikadierte, alle Jungen freiließ und auf zehn Schulmädchen schoss, von denen fünf starben, bevor er sich selbst tötete.

 

Viele Menschen in der ganzen Welt waren zutiefst erschüttert über dieses Blutbad in einer Gemeinschaft, die traditionell für Gewaltlosigkeit und Frieden eintritt, und spendeten mehr als $4 Millionen, um zur Deckung der Krankenhaus- und Beratungskosten für alle betroffenen Familien beizutragen, da die Amish nicht krankenversichert sind. Innerhalb weniger Tage besuchten Mitglieder der Amish-Gemeinschaft die Witwe und Kinder des Amokschützen und boten der Familie Vergebung und finanzielle Unterstützung an.

 

„Ihre Bereitschaft zu Vergebung und Versöhnung war uns eine große Lehre“, sagte Dr. Marcelo Schneider aus Porto Alegre, Brasilien, dem Leiter der Amish-Gemeinschaft. Er fügte hinzu, dass die Menschen in seinem Land eher „Rache und noch mehr Blutvergießen“ wollten, weil sie glaubten, dass dies für das Wohl der brasilianischen Gesellschaft notwendig sei. „Ich komme aus einem Teil der Welt, in dem Gewalt an der Tagesordnung ist, und als ich von den Einzelheiten der Tragödie hörte, hat mich die Reaktion der Amish tief berührt. Ihr Verhalten ist eine große Inspiration“, erklärte Lina Moukheiber aus Beirut, Libanon, die Mitglied der Griechisch-Orthodoxen Kirche ist (Patriarchat von Antiochien).

 

„Diese Geschichte stimmt doch sehr nachdenklich“, erklärte Pfr. Hansulrich Gerber, ÖRK-Koordinator der Dekade zur Überwindung von Gewalt. „Wir sprechen über Vergebung, aber unsere staatlichen Systeme der Strafverfolgung lassen normalerweise keinen Raum für Vergebung“.

 

Der Diakon, der nach Amish-Tradition darum bat, weder fotografiert noch namentlich genannt zu werden, erklärte, die Amish hätten sich in ihrer Reaktion auf die Tragödie dieselben Fragen gestellt, wie andere Christen es in solchen Momenten auch täten. „Wir haben gefragt ‚Warum lässt Gott das zu?’“ Der Bauer, der das Team der „Lebendigen Briefe“ in seinem Haus willkommen hieß, sagte, die Amish kämpften sehr darum, den hohen Erwartungen gerecht zu werden, die andere in sie setzten: „Aber wir sind nicht vollkommen.“ Der Diakon fügte hinzu: „Wir können nur hoffen, dass wir das, was andere von uns glauben, in unserem Leben wirklich zum Ausdruck bringen.“

 

In Paradise, Pennsylvania, „haben wir erkannt, was es in letzter Konsequenz heißt, Christus nachzufolgen“, schrieb Schneider später in seinem Blog auf der Internetseite der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Zu den Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Bereitschaft der Amish, dem Todesschützen zu vergeben, zitierte Schneider den Diakon: „Sagt Jesus uns denn nicht die ganze Zeit, dass wir genau das tun sollen?“

„Wir haben mit einem gemieteten Kleinbus so viele Orte besucht, und allmählich wurde der Bus zu klein“, schreibt Schneider, der ein Internet-Tagebuch, ein Blog, über den Besuch geführt hat. „Unser Bus war zu klein für all die Menschen, die uns am Ende unserer Reise begleiteten: die zehn (Amish-) Mädchen und der Mann, der die Gewalttat in Nickel Mines in Pasadena verübt hat; der Mann, der in der Nacht, in der wir in Philadelphia waren, ermordet wurde; die Opfer menschlichen Fehlverhaltens in New Orleans und so weiter. Wir brauchen jedoch keinen größeren Bus, sondern nur längere Arme, um mehr Menschen unsere Solidarität zu zeigen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind.“

 

(*) Jerry Hames ist Religionsjournalist und hat 40 Jahre lang für kanadische und US-amerikanische Kirchenpublikationen geschrieben. Bis vor kurzem arbeitete er als Herausgeber der Zeitschrift der Bischöflichen Kirche in den USA.

 

Hintergrundinformationen zu den Lebendigen Briefen (auf Englisch)

 

Blog über die Lebendigen Briefe in den USA von Teilnehmer Marcelo Schneider (auf Englisch)

 

Feature über die ersten Begegnungen des Teams "Lebendige Briefe" in den USA (auf Englisch)