Kircheneinheit auf Weltreise
Vorbereitung der "theologischen Weltreise".Von links: Minna Hietamäki (verdeckt), Marianela de la Paz Cot, Schwester Maria Ko, Maake J. Masango, der Direktor für Glauben und Kirchenverfassung John Gibaut und Metropolit Gennadios.
Von Christoph Urban (*)
Wie die gespaltene Christenheit wieder mehr zusammen rücken kann – damit beschäftigt sich derzeit die Plenartagung der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung auf der griechischen Insel Kreta. Unter dem Leitwort "Berufen, die eine Kirche zu sein" nahmen fünf Theologen und Theologinnen die Delegierten dieses weltweit repräsentativsten Forums für theologische Fragen mit auf eine große Reise rund um den Globus.
Erste Station der Gedankenreise: der hohe Norden Europas, Finnland. Minna Hietamäki ist Doktorin der Theologie und Religionslehrerin. Bei ihren Schülerinnen und Schülern stößt sie auf Unverständnis, wenn sie klassische Themen der Lehre von der Kirche behandelt (Ekklesiologie), wie sie sagt. "Das ganze Konzept der Einheit der Kirche hat für diese jungen Menschen nur sehr selten irgendeine Relevanz - warum sollte die Einheit für uns wichtig sein?" Für die Jugendlichen bedeute Einheit Uniformität und Anpassung, erzählt die Finnin. "Ist es nicht interessant, so fragen sie mich, dass es so unterschiedliche Menschen in der Welt gibt?"
Hietamäki betrachtet die Kircheneinheit aus der Perspektive der Vielfalt. "Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist nicht so sehr, wie viel Vielfalt die Einheit der Kirche verträgt, sondern vielmehr, wie viel Vielfalt die Einheit der Kirche braucht." Die lutherische Theologin geht aus von dem griechischen Begriff koinonia (Gemeinschaft). Der schließe beide Aspekte ein - "die wesenhafte Einheit der Kirche als Gemeinschaft und die wesenhafte Vielfalt derer, die Teil der Gemeinschaft sind". Wichtig seien für die Ökumene vor allem die Begegnungen, "bei denen wir uns, in die Vorstellungswelt des anderen hineindenken, ohne unsere eigene Identität zu verlieren, bei denen wir uns um intellektuelle Klarheit bemühen können, ohne die Unordnung des Lebens aus den Augen zu verlieren", so Minna Hietamäki.
Weiter geht die Reise, 10.000 Kilometer nach Süden an die Spitze Afrikas. Prof. Maake J. Masango sagt: Der Ruf zur Einheit der Kirche sei "integraler Bestandteil des Rufes nach politischer, wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit". Der Südafrikaner erinnert an Kolonialismus, Rassismus und Apartheid in seinem Land und zitiert den Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu: "Apartheid ist zu stark für untereinander gespaltene Kirchen." Die Presbyterianische Unionskirche im südlichen Afrika, der Masango angehört, hat sich 1999 zusammengeschlossen aus der Presbyterianischen Kirche im südlichen Afrika (PCSA) und der Reformierten Presbyterianischen Kirche (RPC).
Masango bekräftigt, es sei nichts weniger gefordert als "die organische Einheit als Zeichen sichtbarer Einheit in dem einen Glauben und in der einen eucharistischen Gemeinschaft". Das sei freilich ein langer Weg. Die Gespräche hätten 60 Jahre gedauert, sagt der Südafrikaner. "Wenn ich an unsere Unionsverhandlungen zurückdenke, würde ich sagen, der ökumenische Weg zur Einheit ist ein existentieller Dialog. Bevor er zum Dialog über theologische Fragen werden kann, muss er zunächst als lebendige Begegnung von Menschen Ereignis werden." Ein zäher, aber erfolgreicher Prozess, wie der Professor von der Universität Pretoria beschreibt. Nun stünden Verhandlungen mit den anderen beiden presbyterianischen Kirchen an.
Vielfalt der Offenbarung, "Bonsai-Kirche" und Mysterium
12.000 Kilometer nordwestlich liegt die Karibik, die Versammlung macht Station auf Kuba. Pfarrerin Dr. Marianela de la Paz Cot erzählt, wie ihre Bischöfliche Kirche von Kuba (IEC) den Dialog mit afrokubanischen Religionen führt. Wie Priester mit Anhängern von Geister-Religionen ins Gespräch kommen über gemeinsame Riten wie Handauflegen. Und wie die kubanische Bevölkerung kein Problem damit hat, sowohl die Sonntagsmesse als auch ein Feier für die Götter der Yoruba-Religion zu besuchen. De la Paz Cot plädiert dafür, in der Ökumene stärker den interreligiösen Dialog zu berücksichtigen. "Die Kirche ist dazu berufen, eine Kirche zu sein, aber sie kann diesen Ruf nicht hören, wenn sie andere ausgrenzt und auf sich selbst bezogen bleibt. Die Offenbarung ist vielstimmig. Gott hat sich den Urvölkern auf vielfältige Weise offenbart und unsere Aufgabe in diesem Dialog ist es, dass wir es lernen, dies zu erkennen."
Die Kirche müsse vom Reden zum Handeln übergehen, sagte die Kubanerin."Unsere verwundete und gespaltene Welt braucht keine Religionen, die Gräben aufreißen, sondern Religionen, die Brücken bauen; sie braucht Wege und Menschen, die bereit sind, sich auf den Weg zu machen – zu einem neuen Exodus, zu einer neuen Pilgerreise." Die Kirche sei zur Diakonie berufen – sie solle das Volk Gottes auf seiner Wanderschaft begleiten und ihm dienen. "Sie verkündet Jesus im Dialog und im praktischen Engagement und setzt sich mit aller Kraft für Gerechtigkeit und Frieden, Gastfreundschaft und Liebe, Solidarität und Barmherzigkeit ein", so die Theologin.
Nun geht es einmal über den Pazifik, rund 15.000 Kilometer weiter westlich liegt das Reich der Mitte. Die chinesische Salesianer-Schwester Ha Fong Maria Ko betrachtet die Situation der Christen in Asien. Die machen nicht mehr als drei Prozent der Einwohner der bevölkerungsreichsten Kontinents aus. Obwohl das Christentum seine Wiege in Asien hat, sei es dort nur eine "Bonsai-Kirche", wie Ko sagt. Eine überreiche religiöse und philosophische Tradition auf dem Kontinent stelle das Christentum vor die Herausforderung der Inkulturation. Ko: "Traditionell wurden die Menschen in Asien hauptsächlich als potenzielle Konvertiten gesehen. Die Missionare kamen nach Asien, um Seelen zu retten." Das habe der Kirche wenig Erfolg beschert.
Die Schwester empfiehlt, sich in Mission und Ökumene nicht so sehr auf den Begriff der Kirche zu konzentrieren. "Dies liegt in der theologischen Überzeugung begründet, dass nicht die Kirche und all ihre institutionellen Elemente das Herzstück des christlichen Glaubens und der christlichen Praxis sind, sondern vielmehr die Herrschaft des dreieinigen Gottes." Ihre Einheit erhalte die Kirche also durch ihre Mission, meint Ha Fong Maria Ko. "In dieser Ekklesiologie, die auf das Reich Gottes ausgerichtet ist, wird die Kirche sowohl in ihrem Sein als auch in ihrer Praxis durch das Reich Gottes definiert, das ihr höchstes Ziel darstellt."
Die Versammlung ist noch nicht ganz wieder am Ausgangspunkt angekommen. Weitere 7.000 Kilometer westlich liegt die türkische Hauptstadt Istanbul. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das hier seinen Sitz hat, ist das historische Zentrum der orthodoxen Welt. Metropolit Prof. Dr. Gennadios von Sassima argumentiert von der Tradition der Ostkirche her. Die sei ganzheitlich, sagt er, und erlaube es nicht, dass Einheit und Vielfalt der Kirche getrennt würden. Die Kirche sei beides gleichzeitig, sie sei ein Mysterium.
Gennadios plädiert dafür, zu den Ursprüngen der Kirche zurück zu gehen. Die Kirche sei eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, wie es in dem altkirchlichen Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel festgehalten sei, erinnert er. Dieser Glaubenstext aus dem vierten Jahrhundert ist das am weitesten verbreitete in der Ökumene. Die sichtbare Einheit der Kirche sei die gemeinsame Eucharistie, sagt der Metropolit, und fragt in die Runde: "sichtbare Einheit in dieser gespaltenen Welt überhaupt eine Möglichkeit dar?" Seine Antwort: Gott werde die Kirche einen, er hat es versprochen.
Nur ein paar hundert Kilometer, und die Plenartagung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung ist wieder auf der griechischen Insel Kreta angekommen. Sie ist einmal um Gottes Erdball gereist und hat fünf verschiedene Sichten gehört, wie die Kirchen mehr zusammen kommen können. Bis zum 13. Oktober hat sie Zeit, etwas daraus zu machen.
(*) Christoph Urban ist Journalist und Theologe. Er arbeitet derzeit als Auslandsvikar der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Antwerpen, Belgien.
Mehr über die Versammlung in Kreta
Vollständiger Text des Vortrags von Dr. Minna Hietamäki
Vortrag von Prof. Maake J. Masango
Vortrag von Dr. Marianela de la Paz Cot
Vortrag von Schwester Maria Ko Ha Fong

