Mit meinem Gott überspringe ich Mauern!
Von Pfarrerin Heike Bosien*
„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern!“ (Psalm 18,30)
Issa Hanna Imseeh lacht wenn er diese Worte hört. Schön wär's. Der junge Mann aus der griechisch orthodoxen Kirche in Ramallah wohnt zehn Minuten entfernt von der Mauer, die Israel von den palästinensischen Gebieten trennt. Für den Weg in den anderen Stadtteil, für den er früher eine viertel Stunde brauchte, muss er heute zwei Stunden einrechnen. „Die Mauer in Ramallah geht mitten durch die alte Universität hindurch. Es ist unglaublich.“ Fassungslos hätten sie dagestanden, als man sie baute. Wie sollen sie sich noch wehren außer mit Steinen in der Hand? Issa Hanna Imseeh ist einer von 28 jungen Menschen aus allen Ecken der Welt. Sie sind Anfang September nach Genf gekommen, um bei der Sitzung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen als Freiwillige zu helfen.
Mit großem Interesse verfolgt er die Diskussion über eine Erklärung der Kirchen zum Siedlungsbau in Israel. Auf besetztem palästinensischem Gebiet leben heute rund 450.000 jüdische Siedler in 200 Siedlungen. Eine Tatsache, die die Suche nach Frieden in Israel und Palästina enorm erschwert.
„Die Mauer ist acht oder neun Meter hoch. Drei Mal so hoch wie die Mauer in der DDR,“ so Jonathan Frerichs, Mitarbeiter beim Ökumenischen Rat der Kirchen. „Sie macht menschliche Beziehungen unmöglich. Sie ist eine völlige Zurückweisung deines Nachbarn.“
„Break down the walls that separate us. Reiß die Mauern nieder, die uns trennen.” So beten die 150 Mitglieder des Zentralausschusses am 31. August 2009 in Genf. Diese Männer und Frauen aus 120 Ländern haben dabei sehr, sehr unterschiedliche Situationen vor Augen. Seong-Won Park denkt dabei an die Mauer in seiner Heimat Korea. Moiseraele Prince Dibeela denkt an die noch immer sichtbaren Spuren der Apartheid bei ihm zu Hause in Südafrika.
Wenn wir am 9. November 09 an den Fall der Mauer vor 20 Jahren zurückdenken, dann werden uns auch sehr unterschiedliche Bilder in den Kopf kommen. Einige werden sich an Besuche in der DDR erinnern. An Briefe und Päckchen, die man Verwandten oder Freunden schickte. Anderen sind die Fernsehbilder im Kopf, von Menschen, die jubelnd auf der Mauer mitten in Berlin stehen an jenem 9. November 1989. Für all jene, die unter dreißig sind, mag dieser Tag so weit zurückliegen, wie die Landung auf dem Mond. Die Kirchen mit ihren Montagsgebeten spielten damals eine große Rolle für die friedliche Revolution in der DDR. Über Jahrzehnte hielten Christen daran fest: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern!“ Utopisten waren sie, Träumer, Weltfremde. Viele von ihnen mussten Schikanen und Diskriminierung hinnehmen. Wer den Militärdienst verweigerte, setzte sein Studium aufs Spiel. Doch die Vision vom Aufbruch trug weit. Weiter als ein einzelner zu denken wagte.
Wie gut, dass Jugendliche heute immer wieder diesen Vers aus Psalm 18 als Konfirmationsspruch wählen für ihren Weg in die Zukunft. Mauern gibt es noch genug auf unserer Welt. Sichtbare und unsichtbare. Sie zu entdecken und zu überspringen mit unserer christlichen Hoffnung das ist unsere Aufgabe auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer.
(*) Heike Bosien ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirche in Württemberg. Sie ist auch Mitglied des ÖRK-Zentralausschusses. Ursprünglich schrieb sie diesen Artikel für den Gemeindebrief der Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Ostfildern.


