Streben nach christlicher Einheit in einem orthodoxen Umfeld
von Juan Michel (*)
"Das Streben nach christlicher Einheit ist aufwändig, langsam und schmerzlich," erklärt Metropolit Gennadios von Sassima vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, "und doch gibt Gott uns in seiner Gnade Grund zur Hoffnung."
Gennadios, einer der Vize-Vorsitzenden des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), spricht aus langjähriger ökumenischer Erfahrung. Sein Engagement in der ökumenischen Bewegung begann 1968 auf der Vollversammlung in Uppsala, an der er als junger Steward teilnahm.
Als Schlüsselfigur in der Organisation der Plenartagung der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, die vom 7.-13. Oktober in der Orthodoxen Akademie in Kreta stattfindet, zeigt Gennadios sich zufrieden mit dem Arbeitsumfeld, in dem die Kommission ihre Beratungen abhalten kann.
"Kreta hat eine lange Tradition als Gastgeberin großer ökumenischer Veranstaltungen. Dank der Aufgeschlossenheit des Ökumenischen Patriarchats herrscht hier eine positive Atmosphäre", sagt Gennadios. Aus historischen Gründen gehört Kreta zur Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel (des heutigen Istanbul,Türkei).
Für Gennadios besteht das "Charisma", die "besondere Gabe" der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung darin, dass sie in der Lage ist, sich mit schwierigen Fragen und einer großen Vielfalt theologischer Sichtweisen auseinanderzusetzen. Dies sei dank der Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Geist der "Freundschaft und gegenseitigen Unterstützung" erreicht worden.
Die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung gilt als das weltweit repräsentativste theologische Forum. Diesen Ruf verdankt sie der großen Zahl christlicher Konfessionen, die in ihr mitarbeiten, der Regionen, die in ihr vertreten sind, und der Tatsache, dass ihre Mitglieder offizielle Vertreter/innen ihrer jeweiligen Kirchen sind. Sie setzt sich zusammen aus den Mitgliedskirchen des ÖRK, der römisch-katholischen Kirche und anderen Kirchen.
Die gegenwärtige Kommission besteht zu achtzig Prozent aus neuen Mitgliedern, sondern es hat auch ein Generationenwechsel stattgefunden. "Es gibt viele neue Gesichter, die ältere Generation macht allmählich den Jüngeren Platz", stellt Gennadios fest. Das Durchschnittsalter der 120 Mitglieder liegt bei 48 und rund 50 Mitglieder kommen aus der südlichen Hemisphäre.
Streben nach Einheit aus orthodoxer Sicht
"Von Anfang an haben die Orthodoxen intensiv mitgearbeitet", sagt Gennadios, der selbst an der Arbeit der Kommission bereits als Vize-Vorsitzender und Vorsitzender mitgewirkt und früher im ÖRK-Sekretariat für Glauben und Kirchenverfassung gearbeitet hat. "Wichtige Persönlichkeiten, Pioniere der ökumenischen Bewegung in der orthodoxen Welt sind Mitglieder gewesen."
Unter den orthodoxen Beiträgen zum ökumenischen theologischen Dialog nennt Gennadios den Begriff der "Konziliarität", bei dem es um die zwischenkirchlichen Beziehungen in Gemeinschaft und Einheit im Glauben geht, sowie die Theologie des Heiligen Geistes und die Betonung des trinitarischen Wesens Gottes.
Die orthodoxe Kirche habe diese Beiträge trotz ihrer Schwierigkeiten im ökumenischen Dialog geleistet. Eine der größten Schwierigkeiten sei, "dass sich ihre Denkweise und ihr 'Bezugsrahmen' von denjenigen des Westens unterscheiden". Da die ökumenische Bewegung hauptsächlich durch westliche Denkstrukturen geprägt worden sei, "waren die orthodoxen Teilnehmenden von Anfang an gezwungen, ihre Standpunkte und Ansichten innerhalb eines theologischen Rahmens zum Ausdruck zu bringen, der der orthodoxen Tradition fremd ist".
Gennadios räumt ein, dass es eine gewisse "Stagnation" oder "Krise" in der modernen ökumenischen Bewegung gebe, was zu einem "Gefühl der Frustration" führe. Aber, so stellt er fest, "wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, seit wie vielen Jahrhunderten wir bereits gespalten sind!"
Es habe wirkliche Fortschritte gegeben. Der 1982 von Glauben und Kirchenverfassung angenommene Text zu Taufe, Eucharistie und Amt (BEM) "war eine Revolution für die Kirchen", erklärt er. "Es ist der am meisten übersetzte ökumenische Text und wird auch heute noch verwendet, wenn auch weniger als früher."
In der orthodoxen Welt sei der BEM-Text zusammen mit anderen Ergebnissen der Arbeit von Glauben und Kirchenverfassung als Grundlage in bilateralen Gesprächen mit anderen christlichen Konfessionen, wie Katholiken, Lutheranern und Anglikanern, und selbst zwischen den beiden orthodoxen Kirchenfamilien (der östlich-orthodoxen und der orientalisch-orthodoxen) verwendet worden.
Für Gennadios ist das zentrale Thema in der aktuellen theologischen Diskussion "zweifelsohne die Ekklesiologie", mit anderen Worten unser Verständnis dessen, was es bedeutet, die Eine Kirche zu sein, und das Wesen dieser Einen Kirche.
Der Dialog über die unterschiedlichen Ekklesiologien habe es den Kirchen in den letzten Jahrzehnten ermöglicht, zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und Selbstverständnis zu gelangen. Was wir heute bräuchten, sei eine Erneuerung, die es uns ermögliche, "eine Ekklesiologie zu fördern, die mehr Konvergenz aufweist".
Laut Metropolit Gennadios besteht das Ziel für die Orthodoxen nicht darin, "dass die Kirchen einander in naiver Weise näher kommen, sondern in der Einheit in Christus". Sie "hoffen auf eine Situation, in der es ihnen innerhalb ihres ekklesiologischen Raumes und ihrer kirchlichen Grenzen möglich ist, die ekklesialen Traditionen der 'Anderen' anzuerkennen".
Gennadios sieht die Notwendigkeit einer "raumgebenden Ekklesiologie" – eines erweiterten Verständnisses von der "Einen Kirche Christi". Die Kirchen seien "heute dazu berufen, einen neuen ökumenischen 'ekklesialen Raum der Zusammengehörigkeit' zu schaffen, damit (sie) eines Tages am Tisch des Herrn gemeinsam seinen Leib und sein Blut miteinander teilen können". In einem solchen Raum würden die Kirchen in ihrer Vielfalt zusammenkommen, "unter der Voraussetzung allerdings, dass sie alle zusammen ihre Berufung, die eine Kirche zu sein, ernst nehmen".
"Die Einheit der Kirche wird nur erreicht werden, wenn wir voller Reue, Demut und Einsicht zu unseren gemeinsamen Quellen zurückkehren." Die Hoffnung auf die Verwirklichung dieses Ziels basiere auf der Überzeugung der Kirchen, dass "Gottes Verheißung an uns trotz dieser Spaltung weiter besteht."
"Wir sind alle Gottes Volk", erklärt Gennadios, "Und trotz unserer Spaltung schenkt Gott seine Gnade allen seinen Kindern."
(*) Juan Michel ist ÖRK-Medienbeauftragter.
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