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21.09.06 15:21

"Die Menschen in der Kirche fragen, warum wir nicht schon jetzt zusammen Gottesdienst feiern, leben und arbeiten können" Interview mit ÖRK-Präsidentin Dr. Mary Tanner

 

Dr. Mary Tanner

Dr. Mary Tanner

 

Von Stephen Webb (*)

 

Dr. Mary Tanner von der Kirche von England ist eine renommierte Theologin und Autorin, die sich seit vielen Jahren in vielfältiger Weise in der ökumenischen Bewegung engagiert. So hat sie unter anderem zentrale Studien und Veranstaltungen geleitet und war Vorsitzende der Fünften ÖRK-Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung in Santiago de Compostela, Spanien (1993).

 

Im nachfolgenden Interview spricht Dr. Tanner, die in Porto Alegre zu einer der acht ÖRK-Präsidenten/innen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) gewählt wurde, über die Hoffnungen und Herausforderungen, die die Zukunft der ökumenischen Bewegung prägen werden, und über die Rolle des ÖRK. Ferner erläutert sie, warum es ihres Erachtens von grundlegender Bedeutung ist, dass die Kirchen sich aktiv für die Verwirklichung der vollen eucharistischen Gemeinschaft einsetzen.

 

 

Wie sind Sie zur ökumenischen Bewegung gekommen?

 

In gewisser Weise hat es nie eine Zeit gegeben, in der ich nicht in der ökumenischen Bewegung gewesen wäre. Die Familie meines Vaters war methodistisch, die Familie meiner Mutter römisch-katholisch und während des Krieges besuchte ich eine baptistische Sonntagsschule. Ich lernte also von ganz klein auf verschiedene christliche Traditionen kennen. An der Universität arbeitete ich aktiv in der christlichen Studentenbewegung mit. Mein erster Kontakt mit dem ÖRK fand 1974 statt, als ich an der Tagung des Plenums der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung in Accra, Ghana, teilnahm. Ich wurde zu dieser Tagung als Stellvertreterin meines Professors, Geoffrey Lampe, eingeladen, eines engagierten Ökumenikers, der sich für die Beteiligung jüngerer Theologen und Frauen in der ökumenischen Bewegung einsetzte. Diese Tagung in Accra war ein Ereignis, das mein Leben veränderte.

 

Sie übernehmen seit vielen Jahren die unterschiedlichsten Aufgaben in der ökumenischen Bewegung. Was hoffen Sie, jetzt als Präsidentin des ÖRK zu erreichen?

 

Ich hoffe, dass ich mich als treue und effiziente Botschafterin der Gemeinschaft der Kirchen erweisen und immer offen für die Erfahrungen anderer bleiben werde. Ich hoffe auch, dass es mir gelingen wird, in der heutigen zerbrochenen und gewalttätigen Welt die Botschaft zu vermitteln, dass Christen ein glaubwürdigeres und authentischeres Zeugnis von der versöhnenden Kraft des Evangeliums ablegen, wenn sie geeint sind, als wenn sie getrennt leben. Wir müssen gemeinsam Zeugnis ablegen, gemeinsam dienen, gemeinsam für die Überwindung von Gewalt eintreten und gemeinsam unseren Beitrag zum Schutz und zur Bewahrung der Schöpfung leisten. Und wir müssen noch härter an der Überwindung der Hindernisse arbeiten, die es uns heute immer noch unmöglich machen, gemeinsam an den Tisch des Herrn zu treten. Der ÖRK hilft den Kirchen dabei in entscheidender Weise, indem er ihnen einen Raum der Begegnung bietet, in dem sie all diese Fragen aufgreifen und einander gleichzeitig aufmerksamer zuhören können, so dass sie nicht alles nur aus ihrer jeweils eigenen Perspektive betrachten.

 

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage der ökumenischen Bewegung? Welche Rolle kommt dem ÖRK zu?

 

Was die gegenwärtige Lage der ökumenischen Bewegung anbetrifft, so gibt es sowohl Zeichen der Hoffnung als auch neue Spannungen und Herausforderungen.

 

Die Versuche zur Erweiterung der Gemeinschaft im Rahmen des vorgeschlagenen Globalen Christlichen Forums, in dem neben den ÖRK-Mitgliedskirchen auch die römischen Katholiken, Evangelikalen und Pfingstkirchen mitarbeiten würden, stellen eine wichtige Initiative dar. Sodann hat der Zentralausschuss die gemeinsame Arbeit zum Nahen Osten und zur Migration in Gang gebracht und mit der für 2011 geplanten Internationalen Ökumenischen Friedensversammlung, die den Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt bilden soll, unser Engagement für den Frieden in den Vordergrund gestellt. Auch der Dialog mit Angehörigen anderer Religionen gewinnt gegenwärtig an Bedeutung. Es gibt einige positive Entwicklungen bei den Gemeinschaftsvereinbarungen zwischen Lutheranern, Reformierten, Methodisten, Altkatholiken und Anglikanern und es sind wichtige Fortschritte bei einigen der bilateralen theologischen Dialoge zu verzeichnen, wie dem Dialog zwischen Lutheranern und römischen Katholiken. Auch die Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Katholiken und Orthodoxen steht bevor. Es gibt also einige positive Anzeichen dafür, dass wir uns nicht in einem ökumenischen Winter befinden, und die Beiträge junger Menschen auf der Vollversammlung in Porto Alegre und auch im Zentralausschuss bringen neues Leben und frische Energie in die ökumenische Bewegung.

 

Aber es gibt auch Anzeichen für die Zerbrechlichkeit der ökumenischen Beziehungen und für neue Herausforderungen. Insbesondere im ethischen Bereich tauchen Probleme auf, die zu neuen Spaltungen sowohl innerhalb als auch zwischen den Kirchen führen könnten. Wir sind alle aufgefordert, darüber nachzudenken, wie wir aus den Quellen der christlichen Tradition schöpfen können, um Christi Willen für die heutige Kirche zu erkennen, und wir alle stehen vor der Herausforderung, uns kritisch mit neuen Formen des Fundamentalismus auseinanderzusetzen. Bei einigen der schwierigsten Probleme, mit denen wir gegenwärtig konfrontiert sind, handelt es sich primär um Fragen der Auslegung der Heiligen Schrift. Eine weitere zentrale Aufgabe bleibt es auch, gemeinsame Anliegen zusammen mit all jenen zu sondieren, die oft relativ wenig an der Einheit, wie sie von der klassischen ökumenischen Bewegung definiert worden ist, interessiert zu sein scheinen, uns dafür aber umso mehr über leidenschaftliches christliches Engagement für die Evangelisation lehren können.

 

Was die Rolle des ÖRK anbetrifft, so steht für mich das grundlegende Ziel des Rates, die Kirchen zur sichtbaren Einheit aufzurufen, an oberster Stelle. Das Streben nach kirchlicher Einheit kann nicht vom Streben nach der Christlichen Einheit der Menschheit und vom Streben nach der Bewahrung und Würde der Schöpfung getrennt werden. Es kann auch nicht getrennt werden von Fragen der Gerechtigkeit, des Terrorismus und von allem anderen, was die Würde des Lebens beeinträchtigt. Eine der Herausforderungen für die Kirchen im ÖRK besteht darin, diese ganzheitliche Vision auch weiterhin zu bekräftigen.

 

In welcher Weise nährt oder stärkt ein Gottesdienst in einer Ortsgemeinde Ihren Glauben und wie bringen Sie diese lokale, eher persönliche Erfahrung in die umfassenderen globalen Anliegen ein, mit denen Sie sich als ÖRK-Präsidentin beschäftigen müssen?

 

Meine Familie lebt seit mehr als dreißig Jahre in einer Pendlerstadt außerhalb Londons. Das Leben in der Gottesdienstgemeinschaft gibt mir Kraft und die Gemeinde hat meine ökumenische Arbeit seit jeher durch ihre Gebete unterstützt. Sie hat großes Interesse an meinen Reisen und Erfahrungen mit anderen Christen in aller Welt gezeigt und ich konnte ihr in meinen Predigten und Texten etwas über meine ökumenischen Erfahrungen berichten. Im Gegenzug habe ich in den vielen unterschiedlichen Gemeinden überall auf der Welt, wo ich an Gottesdiensten teilgenommen habe, Grüße von meiner eigenen Gemeinde überbracht. Ich sage mir oft, dass wir zwar durch Ozeane getrennt sind, dass die Eucharistie uns aber jeden Sonntag von neuem vereint - und genau deshalb ist es so wichtig, dass wir an der Verwirklichung der vollen eucharistischen Gemeinschaft arbeiten. Wir haben bei uns das Forum Churches Together, in dem römische Katholiken, Anglikaner, Methodisten und andere regelmäßig zusammenkommen. Ökumenische Zusammenarbeit auf lokaler Ebene ist von grundlegender Bedeutung, aber sie muss in Verbindung mit den Anliegen der größeren ökumenischen Gemeinschaft sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene gebracht werden.

 

Was werden Sie aus Genf mit nach Hause nehmen, das für die Kirchen in England oder Europa hilfreich sein oder ihnen neue Perspektiven eröffnen könnte?

 

Auf der letzten Tagung des Zentralausschusses gab es viele Dinge, die für die Kirchen in England hilfreich sein können bzw. Herausforderungen für sie darstellen. Die zwei Schwerpunkte, die der Generalsekretär Dr. Samuel Kobia in seiner Rede gesetzt hat - Migration und der Nahe Osten -, stellen ganz sicher Bereiche dar, in denen die Kirchen in England davon profitieren würden, wenn sie den Reaktionen und Erfahrungen von Kirchen aus anderen Regionen ein offenes Ohr schenkten. Der Zentralausschuss hat sich auch mit einer Reihe globaler Anliegen befasst - Kinder in Konfliktsituationen, gerechter Handel, unsere Antwort auf HIV/AIDS, der Konflikt im Sudan, in Sri Lanka, auf den Philippinen -, die alle unsere Aufmerksamkeit erfordern. Es ist so leicht, eine Inselmentalität zu entwickeln und Innenschau zu betreiben, und der ÖRK ist der Raum, der uns dazu bringt, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen und uns nicht nur auf uns selbst und unsere unmittelbaren Anliegen und Prioritäten zu konzentrieren. Sodann wird der siebenjährige Studienprozess, der zu dem Dokument Berufen, die eine Kirche zu sein geführt hat, besonders wertvoll sein. Ich hoffe auch, dass die britischen Kirchen sich als Teil des Europafokus 2007 aktiver an der Dekade zur Überwindung von Gewalt und an der Weltversammlung beteiligen werden, die zum Abschluss der Dekade stattfinden wird.

 

Der Zentralausschuss gibt Erklärungen ab, die sich an die Ortskirchen wenden. Geben Mitglieder Ihrer Gemeinde Ihnen umgekehrt manchmal auch Botschaften mit, die sie den Kirchenleitern und -leiterinnen auf Weltebene ausrichten sollen?

 

Ja und die Botschaft ist immer dieselbe: "Sagen Sie ihnen, dass sie endlich vorankommen sollen ... warum können wir nicht schon jetzt zusammen Gottesdienst feiern, leben und arbeiten?" Viele Laien sehen nicht ein, warum Kirchenleiter und Theologen dafür so lange brauchen.

 

[1402 Wörter]

 

(*) Stephen Webb ist Medienbeauftragter der New South Wales Synod der Unionskirche in Australien.

 

Biographische Informationen und ein kostenloses, hochauflösendes Foto von Dr. Tanner sind verfügbar unter:

www.wcc-coe.org/wcc/press_corner/tanner-bio-g.html