Liebe Schwestern und Brüder,
1. Wir kommen hier für die diesjährige Tagung des ÖRK-Zentralausschusses zusammen und es ist nicht mehr lange bis zu unserer Vollversammlung in Busan, die in zwei Jahren und acht Monaten stattfinden wird. Seit der Vollversammlung in Porto Alegre sind vier Jahre vergangen. Wir werden uns immer mehr darauf konzentrieren, die neuen Gegebenheiten zu evaluieren und werden uns fragen, was sie für uns bedeuten und welche Herausforderungen und Verpflichtungen sie mit sich bringen. Dies betrifft unsere Welt, die ökumenische Bewegung, die Bedingungen des Wirkens unserer Kirchen sowie die aktuelle und zukünftige Lage des ÖRK.
I. Die Welt
2. Als wir in Porto Alegre zusammenkamen, waren wir uns bewusst, dass auf politischer, wirtschaftlicher und religiöser Ebene einige Veränderungen stattfanden. Aber wir konnten natürlich nicht alles erkennen. Die schwere internationale Finanzkrise und ihr Ausmaß zum Beispiel konnten wir nicht vorhersehen, obwohl wir den Finanzspekulationen, die die wirtschaftliche Globalisierung mit sich brachte, schon seit einiger Zeit kritisch gegenüberstanden. Im Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung geht es nicht darum, dem Bedürfnis nach einem würdigen Leben für alle Menschen nachzukommen, sondern den Profit zu maximieren und zu privatisieren sowie um die ungerechte Verteilung der Güter – sowohl der Früchte der Erde wie auch der von Menschenhand produzierten Güter.
3. Hinsichtlich der ökologischen Fragen gab es Enttäuschungen, auch wenn uns weder das Scheitern der Verhandlungen in Kopenhagen noch die vorsichtig positiven Ergebnisse der Konferenz in Cancún wirklich überrascht haben. Die verschiedenen nationalen Interessen wurden über die dringenden Forderungen an die ganze Menschheit zu diesem Thema gestellt. Klimaveränderungen wurden nicht nur von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft vorhergesagt und festgestellt, sondern sind für die Menschen durch die offensichtliche Zunahme tragischer Naturkatastrophen wie steigenden Meeresspiegeln, Überschwemmungen und Dürren bereits schmerzlich spürbar.
4. Wenn wir unsere Welt betrachten, sind wir gewiss nicht überrascht, dass in vielen Ländern immer noch schwerwiegende internationale und interne Konflikte herrschen. Um in fast allen Teilen der Welt Frieden einhergehend mit Gerechtigkeit und Versöhnung zu erreichen, muss die internationale Gemeinschaft größere Anstrengungen unternehmen. In Porto Alegre haben wir den Beschluss gefasst, die Internationale ökumenische Friedenskonvokation zu organisieren. Im Mai wird diese nun in Kingston, Jamaika, stattfinden und den Schwerpunkt auf das Kernthema „Gerechter Frieden“ legen.
5. Von einem unerwarteten Phänomen sind wir aber dennoch überrascht worden: der Welle ziviler Proteste in den arabischen Ländern – nicht nur in Porto Alegre hatten wir nicht mit diesen Ereignissen gerechnet, sondern bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihren Lauf nahmen. Präsident Obama brachte sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass der Geheimdienst der Vereinigten Staaten von Amerika die Möglichkeit derartiger Massenproteste, in denen die Menschen ihrem Wunsch nach grundlegenden Veränderungen in der Beziehung der Regierung zum Volk bekundeten, nicht vorhergesehen hat. Und so können wir erfreulicherweise sagen, dass egal wie viel Macht und wie viele Ressourcen in gewissen Ländern geballt sind, doch nicht alles vorhersehbar und programmierbar ist. Die Menschheit hat bewiesen, dass sie Reserven spiritueller Ressourcen und die Kapazitäten hat, die Menschen zu mobilisieren und die Machthabenden herauszufordern. Aber die Ereignisse machen auch auf die Risiken einer Politik aufmerksam, die die Menschenwürde verletzt und ganze Völker unterdrückt.
6. Auch wenn dieses Thema nicht im Zentrum der Demonstrationen in den arabischen Ländern stand, so zeigten diese doch erneut die dringende Notwendigkeit, Frieden im Nahen Osten zu erreichen – einen Frieden, in dem die legitimen Rechte der Menschen garantiert sind, historische Ungerechtigkeiten wieder gut gemacht werden und Berichtigungen stattfinden . Die Unfähigkeit der beteiligten Staaten, dieses wesentliche Ziel zu erreichen, ist nicht nur auf die Komplexität der Situation und die große Anzahl beteiligter Akteure zurückzuführen, sondern auch auf den mangelnden politischen Willen, die für das Erreichen dieses Zieles notwendigen Zugeständnisse zu machen. Wenn der Stillstand anhält, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft noch turbulentere Szenen in dieser Region erleben. Daher ist es richtig, dass der ÖRK unsere Sorge um den Nahen Osten, insbesondere auch um das Heilige Land, noch verstärkter in seine Tagesordnung aufnimmt und nach Möglichkeiten für Dialog und Begegnungen zwischen Juden, Christen und Muslime sucht und so dazu beiträgt, eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und der gegenseitigen Anerkennung zu schaffen und zu erhalten, auf der Frieden einhergehend mit Gerechtigkeit aufgebaut werden kann.
7. In der Welt findet derzeit eine wirtschaftliche Umverteilung statt. In vielerlei Hinsicht kann dies als eine positive Entwicklung gesehen werden, da sie für viele Staaten und Völker Aussichten auf eine bessere Zukunft bietet. Die Erkenntnis, dass diese Staaten eine Wirtschaftspolitik verfolgten, die kohärenter und verantwortlicher war als die der meisten Industrieländer, die es ihnen ermöglichte, die Finanzkrise besser zu verkraften, war in der Tat ein Nebenprodukt der internationalen Finanzkrise. In vielen Ländern auf allen Kontinenten konnte die Zahl der in Armut lebenden Menschen erheblich reduziert werden. Wirtschaftsprognosen deuten für die kommenden Jahre auf ein erheblich größeres Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern als in den Industriestaaten hin.
8. Zahlreiche dieser Staaten haben eine kohärente Sozialpolitik beschlossen. Lassen Sie mich als Beispiel mein eigenes Land nennen: In den vergangenen acht Jahren konnten 37 Millionen in Armut lebende Brasilianerinnen und Brasilianer in die Mittelschicht aufsteigen. Dank der Erhöhung des Mindestlohns, einer Sozialpolitik, die die Ärmsten der Armen unterstützt, und Programmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen – Brasilien hat in den vergangenen acht Jahren 15 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen und die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnung verlässlicher Statistiken – konnte Präsident Lula seine zweite Amtszeit mit der Unterstützung von beeindruckenden 87 Prozent der Bevölkerung abschließen. Seine Nachfolgerin Dilma Roussef, die erste Frau im Präsidentenamt Brasiliens, hat sich die vollständige Beseitigung der extremen Armut zum Ziel ihrer Amtszeit gesetzt.
9. Dennoch hat die internationale Finanzkrise, die offensichtlich nicht von den Armen der Welt verursacht wurde, auch die Ungleichheiten in der Welt verschärft und mehr als eine halbe Milliarde Menschen weltweit in Armut gestürzt. Von einem starken Anstieg der Lebensmittelpreise waren vor allem die ärmsten Bevölkerungsgruppen ernsthaft betroffen, was zu Hungernöten und weltweit zu schweren sozialen Unruhen führte. Die Lage ist umso verabscheuenswerter, da die Art und Weise, wie die reichen Staaten mit der Finanzkrise umgegangen sind, gezeigt hat, dass wenn der notwendige politische Wille vorhanden ist, es auch mehr als genug Finanzmittel zur Lösung des Problems gibt. Ein Bruchteil der finanziellen Mittel, die bereitgestellt wurden, um Banken und Unternehmen zu retten, würde ausreichen, um ein wirksames Programm zur Bekämpfung der weltweiten Armut umzusetzen. Tatsächlich könnten mit einer Summe in Höhe der Subventionen, die reiche Staaten ihren Landwirten zahlen, neue Arbeitsplätze geschaffen, die Nahrungsmittelproduktion erhöht und Armut systematisch reduziert werden, wenn diese Gelder an die ärmsten Länder der Welt gezahlt würden. Daher muss die Beseitigung der Armut, die Kampagne gegen Hunger und die Verpflichtung zu Gerechtigkeit in internationalen Wirtschaftsbeziehungen Teil der Programmgestaltung des ÖRK bleiben.
II. Das Thema der nächsten Vollversammlung
10. Einige der wichtigsten Entscheidungen dieser Zentralausschusstagung stehen im Zusammenhang mit der kommenden Vollversammlung. Mit diesen Entscheidungen wird die Vollversammlung langsam Form annehmen und für Außenstehende sichtbar werden. Der Planungsausschuss für die Vollversammlung wird einen breit gefächerten Bericht vorlegen, der einige konkrete Vorschläge enthält, über die der Zentralausschuss beraten und entscheiden muss. Ich möchte nur auf einen dieser Vorschläge – die Auswahl des Vollversammlungsthemas – eingehen.
11. Der Planungsausschuss für die Vollversammlung legt dem Zentralausschuss zwei Vorschläge zur Prüfung und Abstimmung vor: „Gott des Lebens, führe uns zu Gerechtigkeit und FriedenIn der Welt Gottes zu Einheit berufen“.
12. Zu den zwei vorgeschlagenen Themen gibt es Erklärungen, die dem Zentralausschuss bei seiner Auswahl helfen sollen. Sie erläutern kurz, welche Faktoren hinsichtlich der Auswirkungen, möglichen Nebeneffekte und Bedeutung bei der Entscheidung beachtet werden sollten. Des Weiteren werden Bibelstellen genannt, die bei der Vertiefung der jeweiligen Themen helfen könnten. Ich möchte hier nun ein paar meiner persönlichen Gedanken diesbezüglich ausführen.
13. Die Themenvorschläge sollten nicht als Alternativen verstanden werden, die einander ausschließen. Natürlich haben beide Vorschläge ihr ganz eigenes Profil und ihren eigenen Blickwinkel. Aber wir würden dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der ökumenischen Bewegung keinen guten Dienst erweisen, wenn wir uns auf eine Diskussion über die Interpretation einließen, dass sich das erste Thema auf das soziale Engagement des ÖRK konzentriert, während das zweite Thema ein Aufruf zur Einheit der Kirchen ist. Und dann würden wir uns entsprechend unserer persönlichen Vorlieben hinsichtlich Glauben und Engagement aufspalten.
14. Beide Blickwinkel sind Teil des umfassenden Verständnisses der ökumenischen Berufung und des ökumenischen Engagements, das uns in unserer Gemeinschaft eint. Ich konnte diese holistische Sichtweise bereits in früheren Ansprachen an Sie hervorheben. Wir sollten nicht trennen, was zusammen gehört. Ein Vollversammlungsthema sollte uns durch seine besondere Schwerpunktsetzung in unserer Berufung ermutigen und unser ökumenisches Engagement insgesamt stärken.
15. Außerdem hat der Planungsausschuss für die Vollversammlung sorgfältig ausgewählte Unterthemen vorgelegt, die das Hauptthema in all den Aspekten, die für die ökumenische Bewegung und die künftige Ausrichtung des Ökumenischen Rates der Kirchen wichtig sind, weiterentwickeln:
- Glauben gemeinsam leben: Einheit und Mission
- Hoffnung gemeinsam leben: für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung in der Welt
- Liebe gemeinsam leben: für eine gemeinsame Zukunft.
16. Die Tatsache, dass diese Vorschläge für Unterthemen für beide Hauptthemen gleichermaßen gemeint sind, stärkt ein gemeinsames Verständnis der beiden Themen. Ich möchte die beiden Themen nun genauer untersuchen und dabei ihren biblischen Hintergrund berücksichtigen.
17. „Gott des Lebens, führe uns zu Gerechtigkeit und Frieden
18. Immer noch unter dem Joch des Exils schaut der Prophet nun aber in die Zukunft und verkündigt, dass die Zeit der Prüfung ein Ende haben wird. Seine Verkündigung beruht nicht auf der unmittelbaren Beobachtung von Tatsachen, sondern auf der göttlichen Verheißung, dass der Frevel der Menschen „vergeben ist“ (Jes 40,2). Gottes Barmherzigkeit ist größer als sein Zorn und auf dieser Grundlage können die Menschen beruhigt und ermutigt in der Gegenwart und in Hoffnung auf eine neue und bessere Zukunft leben.
19. Eine glorreiche Zukunft liegt vor ihnen, aber der Weg wird auch weiterhin steinig sein. Der Text ist der erste der so genannten „Lieder des leidenden Gottesknechtes“, von denen das bekannteste in Jesaja 53 steht und in dem der Gottesknecht „um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen“ ist (Vers 5) und „wie ein Lamm […] zur Schlachtbank geführt wird“ (Vers 7). In Jesaja 42 verkündigt der Prophet, dass Gott seinen Geist gegeben hat, damit er allen Völkern Recht und Gerechtigkeit verkündige. Dies ist nicht ein Gott unter vielen, der Gott nur eines Volkes (oder in unserer heutigen Zeit, ein privatisierter Gott), sondern der Gott aller Völker, der Gott der ganzen Menschheit.
20. Es gab unendliche exegetische Diskussionen darüber, wen der Prophet meint, wenn er von dem „leidenden Gottesknecht“ spricht. Es gibt verschiedene Auslegungen: Er könnte den Propheten selbst meinen, den verheißenen Messias oder eine Gruppe von Menschen, das Volk Israel selbst. Es ist hilfreich, anzumerken, dass diese Zweifel nicht durch eine einfache Definition beseitigt werden können. Seit den frühen Christen hat die christliche Gemeinschaft Jesus Christus als den hier beschriebenen leidenden Gottesknecht bestimmt, da sie in ihm die perfekte Erfüllung aller vom Propheten beschriebenen Merkmale sahen. Als Überbringer des Friedens und der Gerechtigkeit hat er Vergebung verkündigt und das Reich Gottes in die Welt gebracht, in dem er eine neue Beziehung zwischen Gott und den Menschen hergestellt hat.
21. Dennoch ist auch das Verständnis des Gottesknechtes als Gruppe von Menschen eine begründete Interpretation. Die christliche Gemeinschaft erkennt durch die Gnade Gottes an, dass ihre Berufung ist, „den Aufruf des Gottesknechtes als einen Aufruf zu verstehen, die eigene Knechtschaft als aktive bekennende Gemeinschaft zu praktizieren.“[1] Die Nachfolger des von Gott gesandten Knechts haben die Berufung, Teil seines Auftrags zu sein, Vermittler der Wahrheit und der Versöhnung, der Gerechtigkeit und des Friedens zu sein, Vermittler der Fürsorge des Lebens – und sie sind berufen, ihr Leben dazu zu nutzen, dieses Leben in seiner ganzen Fülle zu leben.
22. Und dies ist auch für uns, die wir in der ökumenischen Bewegung aktiv sind, unsere Berufung. Es ist daher angemessen, dass wir unser Thema als Gebet formulieren: „Gott des Lebens, führe uns zu Gerechtigkeit und Frieden“.
23. Der zweite Themenvorschlag des Planungsausschusses für die Vollversammlung, „In der Welt Gottes zu Einheit berufen
24. In Kapitel 17 des Johannesevangeliums stehen die letzten Worte Jesu an seine Jünger vor seiner Verhaftung, Verurteilung und Kreuzigung. Sie sind mehr als eine „Abschiedsrede“ und enthalten das „Testament“, das Jesus seinen Jüngern hinterlässt. Genau wie Vater und Sohn eins sind, betet Jesus, dass auch seine Jünger eins seien damit die Welt glaube. Einheit ist also nicht das Ergebnis menschlicher Bemühungen, auch wenn sie Beharrlichkeit im Streben nach Einheit erfordert. Auch ist sie nicht das Ergebnis der Schaffung von institutionellen Strukturen, auch wenn sie in diesen Strukturen Form annimmt. Einheit ist eine Wirklichkeit im Herzen Gottes, in der Ökonomie der Heiligen Dreieinigkeit.
25. Es ist daher eine Gabe für uns und die Grundlage für unsere eigene Einheit, die immer wieder durch die menschliche Sünde zunichte gemacht wird. Dennoch ist unsere Berufung mehr als nur die Schaffung von Einheit. Unsere Berufung besteht vielmehr darin, in dieser Einheit zu verbleiben und uns nicht von ihr zu entfernen, nicht gegen Gott zu rebellieren und nicht die Beziehungen untereinander abzubrechen. Unser ökumenisches Engagement – und dafür ist Einsatz vonnöten – besteht also darin, geleitet durch den Heiligen Geist, die Hindernisse und Schranken zu überwinden, die wir im Laufe der Geschichte zwischen uns aufgebaut haben. So sind wir zur Einheit berufen.
26. Wir nehmen das Geschenk der Einheit im Glauben an. Die Beseitigung dieser Schranken ist ein Werk der Liebe. Glauben führt zu Liebe. Es wäre daher vollkommen falsch, zu versuchen, unser ökumenisches Engagement für Einheit von unserer Praxis des Mitgefühls, der Solidarität, der Gerechtigkeit, des Stiftens von Frieden und der Fürsorge für die Schöpfung zu trennen.
27. In einem homiletischen Leitfaden untersucht Gottfried Brakemeier, der ehemalige Präsident des Lutherischen Weltbundes, Johannes 17,20-23 und berücksichtigt auch die nachfolgenden Verse bis Vers 26. Die Verse 20 bis 23 untersuchen die „Art der Gemeinschaft“, ihre Berufung, eins zu sein. Jesu Worte waren zwar an die Apostel gerichtet, doch sie berücksichtigten „die Kirche aller Zeiten und Orte. Jesus wünscht, dass sie ihrer Berufung treu bleibt, Gottes Wort verkündigt und die Einheit erhält, ‚damit die Welt glaube’“.[2] Im Anschluss daran ist das Thema der Verse 24 bis 26 das „Ziel der Gemeinschaft“, d. h. „die eschatologische Gemeinschaft mit ihrem Herrn. Christi Wille für seine Gemeinschaft ist, dass sie dort ist, wo er, der Auferstandene, ist, damit sie ganz an seiner Herrlichkeit teilhaben kann“.[3]
28. Falls der Zentralausschuss das zweite der vorgeschlagenen Thema wählt, wird der Ökumenische Rat der Kirchen nicht nur die Grundlage für sein ökumenisches Engagement erneut aufgreifen, sondern das Thema der Einheit in Verbindung mit der Praxis der Liebe untersuchen und eschatologisch die Aufmerksamkeit auf die Herrlichkeit Gottes richten.
29. Lassen Sie mich an dieser Stelle noch ein paar Worte zum Entscheidungsprozess bezüglich des Themas für die nächste Vollversammlung anmerken. Die Entscheidung muss im Konsensverfahren getroffen werden. Daher ist es wichtig, dass wir nicht denken, die beiden Themen schlössen einander aus, sondern dass wir die Themen als unterschiedliche Ansätze für unsere ökumenische Berufung und unser ökumenisches Engagement verstehen. Ich appelliere daher an Sie, die Mitglieder des Zentralausschusses, sich dem Planungsausschuss für die Vollversammlung anzuschließen und beide Themen als relevant in Betracht zu ziehen. Basierend auf diesem ersten Konsens kann jeder und jede von Ihnen für den Vorschlag eintreten, der Ihnen persönlich am geeignetsten erscheint, aber wir alle werden darauf hinarbeiten, die gemeinsame Meinung des Zentralausschusses herauszustellen und diese dann frei und von ganzem Herzen akzeptieren.
III. Leitungsstrukturen des Ökumenischen Rates des Kirchen
30. Ich möchte auch ein paar Worte zu den Leitungsstrukturen sagen. Eines der Dokumente, die wir während dieser Tagung beraten werden, ist der umfassende Bericht der Fortsetzungsgruppe für Leitungsfragen. Wie der Name dieser Gruppe verrät, setzt sie den andauernden Prozess zu einer wichtigen und gleichzeitig heiklen Frage bezüglich der Funktionsweise des Ökumenischen Rates der Kirchen fort. Sie ist zudem eine Reaktion auf die vom Zentralausschuss während seiner letzten Tagung im September 2009 getroffenen Entscheidungen. Sie unterbreitet Entscheidungsvorschläge zu bestimmten Themen, ersucht um Wegweisung bezüglich anderer Themen und macht Vorschläge für die Zukunft.
31. Der Prozess wird jedoch nicht während dieser Tagung, sondern erst während der Vollversammlung in Busan zum Abschluss kommen, da letztere das einzige Gremium ist, das befugt ist, die notwendigen Änderungen an Verfassung und Satzung vorzunehmen. Auf der nächsten Tagung des Zentralausschusses im September 2012 werden die letzten Schritten unternommen werden müssen, damit die Vorschläge an die Kirchen geschickt und der Vollversammlung zur Beschlussfassung vorgelegt werden können. Was wir allerdings größtenteils während dieser Tagung erledigen sollten, ist, Form und Inhalt für die noch zu erledigende Arbeit festzulegen und ihr eine Richtung zu geben.
32. Insgesamt wird die Ausrichtung durch die Entscheidungen, die wir hier treffen werden, recht klar deutlich werden und wir werden den groben Entwurf der zukünftigen Struktur und Funktionsweise des Ökumenischen Rates der Kirchen schon erkennen können. Unabhängig von dem Inhalt der Vorschläge, die die Fortsetzungsgruppe uns präsentiert, möchte ich ihnen für die schwierige und sachkundige Arbeit danken, die sie bis heute schon erledigt haben. Ich danke auch dem Generalsekretär, dass er diesem Thema in seinen Kontakten mit Kirchen, Räten und ökumenischen Gremien im ersten Jahr seiner Amtszeit hohe Priorität beigemessen hat. Dieser Konsultationsprozess, an dem auch ich bei verschiedenen Gelegenheiten – wie der Edinburgh 2010 Konferenz und der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart 2010 – teilgenommen habe, hat einen großen Beitrag hinsichtlich der Klarheit und Einheitlichkeit dessen geleistet, was uns hier vorgelegt wird.
33. Die Erwägungen und Vorschläge in diesem Dokument, so wird erklärt und wir können es nicht übersehen, berücksichtigen, dass sich die finanzielle Situation des Ökumenischen Rates der Kirchen verändert hat, dass viel weniger Ressourcen zur Verfügung stehen als in der Vergangenheit. Die Vorschläge, wenn sie angenommen und umgesetzt werden, ermöglichen jedoch erhebliche Einsparungen für den Ökumenischen Rat der Kirchen. Dies ist nicht nur in der gegenwärtigen Situation, da uns geringe finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, wichtig, sondern auch um einer verantwortungsvollen Haushalterschaft Willen.
34. Es wäre jedoch falsch, zu glauben, dass diese Arbeit nur durch finanzielle Überlegungen motiviert und bestimmt ist. Im Gegenteil, wird in dem Bericht, letztendlich inspiriert durch das Dokument zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Vision (CUV) und durch die ökumenische Vision, die dieses enthält, klar zwischen Leitung und Management unterschieden und die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Er versucht daher auf eine entscheidende Frage, die lange Zeit ungelöst blieb, zu antworten – und ich würde eher sagen, sie wird beantwortet –, die Frage nach der Bestimmung der spezifischen Verantwortlichkeiten und Befugnisse der einzelnen Organisationselemente des Ökumenischen Rates der Kirchen. Ich durfte dies in meiner Funktion als Vorsitzender des Zentralausschusses selbst erleben und möchte es hier wiederholen. Unsere aktuellen normativen Dokumente legen nur fest, dass der Zentralausschuss aus seiner Mitte eine/n Vorsitzende/n und stellvertretende Vorsitzende wählt; stillschweigend wird als gegeben angenommen, welche Funktionen und Verantwortlichkeiten sie genau haben. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Erwartungen an diese Positionen sehr unterschiedlich sind. Sie können sehr hoch, aber auch sehr gering sein! Und das ist nur ein Beispiel. Unsere aktuellen normativen Dokumente müssen außerdem die Verantwortlichkeiten und Hauptfunktionen praktisch aller Organisationselemente des Ökumenischen Rates der Kirchen – Präsident/innen, Zentralausschuss, Exekutivausschuss und Generalsekretär – besser und klarer definieren.
35. Das Fehlen einer besseren Definitionen und größerer Klarheit hat die Schwierigkeiten und Schmerzen in Momenten der Spannung, die wir durchstehen mussten, erheblich vergrößert. Die Fortsetzungsgruppe liefert eine klare diagnostische Beschreibung der Situation und macht ebenso deutliche Lösungsvorschläge. Während dieser Tagung des Zentralausschusses werden wir diesen Vorschlägen die gebührende Aufmerksamkeit schenken und sie dort verbessern, wo wir es für angemessen und notwendig erachten. Hierbei wird der Zentralausschuss auch über seine eigene Rolle und sogar über seine eigene Bezeichnung, über seine Größe und die Häufigkeit seiner Tagungen nachdenken. Um darüber nachdenken zu können, wie dieses Organ die Institution „Ökumenischer Rat der Kirchen“ im Namen der Mitgliedskirchen besser leiten kann, wird es wichtig sein, dass wir in gewissem Maße einen Schritt zurücktreten von dem konkreten Schema, nach dem wir unsere Arbeit als Zentralausschuss erledigt haben, an das wir uns gewöhnt haben und nach dem natürlich auch diese Tagung abläuft.
36. Ich denke, dass es auch wichtig ist, zu betonen, dass die Fortsetzungsgruppe einen klaren Vorschlag unterbreitet, wie die zentrale Rolle, die die vier historischen Strömungen der ökumenischen Bewegung (Mission, Praktisches Christentum, Glaube und Kirchenverfassung sowie Bildung) bei der Gründung und im Leben des ÖRK spielten, wieder in die Struktur des Ökumenischen Rates der Kirchen eingegliedert werden kann. Es ist auch kein Geheimnis, dass die jeweiligen Kommissionen über den Verlust ihrer Sichtbarkeit in den ÖRK-Strukturen und den Verlust ihrer direkten Beteiligung an den ÖRK-Beratungsgremien verstimmt sind. Daher haben wir, wenn auch nicht vorsätzlich, dazu beigetragen, eine Divergenz in Verständnis und Wahrnehmung des ökumenischen Auftrags, den wir immer in holistischer Weise ausführen müssen, zu schaffen. Auch zu dieser Frage gibt es einen Vorschlag für eine wirksame Beteiligung des ACT-Bündnisses, der neuen ökumenischen Organisation, am Leben des Ökumenischen Rates der Kirchen.
37. Analog dazu versuchen die Vorschläge, den engen Beziehungen der ökumenischen Zusammenarbeit, die sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt haben oder die in jüngerer Vergangenheit entstanden sind, gerecht zu werden. Dies geschieht, indem Räume und Möglichkeiten der Beteiligung von Nicht-Mitgliedskirchen und anderen ökumenischen Gremien geschaffen werden.
38. Die Frage, welche Bezeichnung in Zukunft für den Zentralausschuss selbst gewählt wird, kann als sekundär betrachtet werden und unter all den Vorschlägen ist sie das auch. Wichtiger als der Name ist, wie der Zentralausschuss verstanden und welche Rollen er haben wird. Dennoch sollten wir seine Bedeutung hinsichtlich der Sichtbarkeit für unsere Kirchen und Partner und deren Identifikation damit nicht unterschätzen. Ich kenne keine Kirche, die ein Leitungsgremium hat, das „Zentralausschuss“ heißt, und wenn es doch Kirchen mit einem solchen Leitungsgremium geben sollte, werden es Ausnahmefälle sein. Ich weiß aber, dass es politische Parteien gibt, die ihr Leitungsgremium „Zentralausschuss“ nennen. Es ist mit Sicherheit nicht die beste Bezeichnung für eine Organisation wie der Ökumenische Rat der Kirchen.
39. Wie der Bericht nahelegt, wird es nicht einfach, eine angemessenere Bezeichnung zu finden. Daher wird in dem Bericht auch mit Bedacht wiederholt die Formulierung „umbenannter Zentralausschuss“ gewählt. Der aus den verschiedenen möglichen Alternativen ausgewählte Vorschlag ist daher „ÖRK-Konferenz“. Unabhängig von den verschiedenen Präferenzen, die wir sicherlich haben werden, schlage ich vor, dass unser grundlegender Konsens darin besteht, dass die schlechteste Entscheidung, die wir bei der allgemeinen Überarbeitung unserer Strukturen treffen können, ist, den alten Namen beizubehalten, weil wir uns auf keinen neuen einigen können.
40. Es gibt natürlich noch eine Reihe weiterer Punkte, denen der Zentralausschuss große Aufmerksamkeit wird schenken wollen, wie zum Beispiel die Aufrechterhaltung der breiten Beteiligung der Mitgliedskirchen und die vom ÖRK eingeführte Ausgewogenheit in der Repräsentation. Ich schließe diesen Teil meiner Ansprache aber mit dem Vorschlag, den Bericht der Fortsetzungsgruppe unvoreingenommen zu prüfen, dort, wo es angemessen und notwendig ist, Verbesserungen vorzunehmen und die Schritte zu unternehmen, die es uns ermöglichen, unsere Bemühungen in Zukunft klarer und wirksamer – und auch weniger mühsam – zu gestalten.
IV. Unsere ökumenischen Beziehungen erweitern und vertiefen
41. Im ersten Teil dieser Ansprache habe ich von den sich verändernden Bedingungen gesprochen, unter denen wir leben. Auf die religiöse Landschaft bin ich nicht weiter eingegangen oder habe sie gar erwähnt. Die Entwicklungen der letzten Jahre setzen sich fort: zunehmende Säkularisierung vor allem in der westlichen Welt, in großen Städten und unter Intellektuellen auf der einen Seite und eine Erneuerung des religiösen Eifers an vielen anderen Orten auf der anderen Seite, eine starke religiöse Mobilität in einigen Gegenden und strenge Kontrolle der Religionsausübung in anderen, wachsender religiöser Pluralismus auf globaler Ebene, eine Verschiebung des Schwerpunkts des Christentums in den Süden, insbesondere nach Afrika und Asien, Wachstum und Ausbreitung von evangelikalen Kirchen, insbesondere der Pfingstkirchen und in jüngerer Zeit der so genannten neupfingstlichen Kirchen.
42. Diese Situation stellt für Verständnis und Umsetzung der Ökumene – und auch der Mission – eine große Herausforderung dar. Einheit oder Zersplitterung? Zusammenarbeit oder Konkurrenz?
43. Die Herausforderung, unsere Beziehungen zu erweitern und zu vertiefen, habe ich erwähnt. In diesem Sinne ist es wichtig, dass wir die Beziehungen zwischen „erweitern“ und „vertiefen“ so gut wie möglich definieren. Der Erweiterungsprozess darf nicht auf Kosten des unerlässlichen Vertiefens der Beziehungen gehen. Und das Vertiefen wiederum darf keine Entschuldigung sein, Möglichkeiten für die Erweiterung der Beziehungen zu vernachlässigen. Es darf keine Konkurrenz zwischen den beiden Konzepten entstehen; sie müssen vielmehr in kreativer Spannung zu einander stehen, in der wir nach beiden, sich ergänzenden Dimensionen streben. Genau wie Mission und Ökumene sich ergänzen und sich nicht gegenseitig ausschließen (die zwei Seiten der Medaille), gilt dies auch für das „Erweitern“ und „Vertiefen“ von Beziehungen. Wenn diese beiden Konzepte in Konkurrenz zu einander stehen, ist dies eine Versuchung und eine falsche Darstellung unseres ökumenischen Engagements. Sie als sich gegenseitig ergänzend zu verstehen, ist ein erfolgversprechendes Unternehmen.
44. Im Übrigen wird die Trennung von Mission und Ökumene allmählich überwunden, dies auch außerhalb der institutionellen Grenzen des ÖRK, wie man auf der Edinburgh 2010 Konferenz erleben konnte. Das Thema „Einheit“ wird immer häufiger gemeinsames Programm, auch wenn das Verständnis manchmal diffus ist und wir selbst uns kontinuierlich damit beschäftigen müssen.
45. Die religiöse Landschaft, die ich angesprochen habe, eröffnete neue Möglichkeiten für unser Engagement und unsere Beziehungen. Bereits in den 1990er Jahren versuchte der Ökumenische Rat der Kirchen, die Ökumene und ihre Rolle in diesem Kontext zu verstehen und besser zu definieren. Das wichtigste Ergebnis dieser Diskussion war das Dokument „Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Vision des Ökumenischen Rates der Kirchen“, besser bekannt als CUV. Dort heißt es:
Es ist unmöglich, vom Ökumenischen Rat der Kirchen zu sprechen, ohne gleichzeitig die ökumenische Bewegung zu erwähnen, aus der er hervorgegangen ist und zu der er als weithin sichtbarer Teil gehört. Zwar ist die ökumenische Bewegung umfassender als ihre organisatorische Ausdrucksform, und der Rat ist im Wesentlichen die Gemeinschaft seiner Mitgliedskirchen, doch dient er der ökumenischen Bewegung gleichzeitig als ein herausragendes Instrument und als Ausdrucksform. In dieser Eigenschaft setzt er sich nachdrücklich für den Erneuerungsimpuls ein, der die Bewegung seit ihren Anfängen charakterisiert hat. (CUV 2.1)
46. Mit diesem Verständnis und auch wenn betont wird, dass es nur eine ökumenische Bewegung gibt, zu der auch der ÖRK als Teil gehört, wird in dem Dokument eine Vision für den Ökumenischen Rat der Kirchen entwickelt und seine Beziehung zu anderen ökumenischen Räten und Konferenzen, anderen ökumenischen Gremien (insbesondere der Weltweiten christlichen Gemeinschaften, internationale ökumenische Organisationen, christliche Gemeinschaften und Bewegungen), Nicht-Mitgliedskirchen (insbesondere die römisch-katholische Kirche und die evangelikalen und Pfingstkirchen) sowie anderen ökumenischen Organen beschrieben.
47. Seit der Veröffentlichung dieses Dokuments gab es verschiedene neue Möglichkeiten für Kontakte, Beziehungen und Kooperationen. Das „Globale Christliche Forum“, in dem praktisch alle Ausprägungen des Christentums vertreten sind, veranstaltete seine erste weltweite Tagung im Jahr 2007 in Kenia und seine zweite weltweite Tagung wird in diesem Jahr in Indonesien stattfinden. Auch wenn diese Forum nicht über das institutionelle Engagement der Kirchen verfügt, das für den Ökumenischen Rat der Kirchen charakteristisch ist, ist es doch eine wichtige Tagung der christlichen Familie, um zu sich in spiritueller Hinsicht auszutauschen, gemeinsam zu lernen, nachzudenken und zu beten.
48. Das Jahr 2010 war diesbezüglich besonders symbolträchtig. Eine Repräsentation so breit wie im „Globalen Christlichen Forum“ war auch in dem Studienprozess im Vorfeld der Edinburgh 2010 Konferenz sichtbar. Darüber hat uns die Kommission für Weltmission und Evangelisation (CWME) eine detaillierte, objektive und transparente Studie geschickt, die die Grenzen des Prozesses und der Ereignisse von Edinburgh 2010 hervorhebt, aber auch deren Bedeutung und Relevanz sowie die Konvergenz im Verständnis von Mission bekräftigt, die im Gemeinsamen Aufruf am Ende der Konferenz spürbar wurde.
49. In diesem Zusammenhang sollte ich mit Blick auf das Jahr 2010 auch erwähnen, dass der ÖRK-Generalsekretär, Olav Fykse Tveit, eingeladen wurde, auf wichtigen globalen Ereignissen zu sprechen: der 22. Welt-Pfingst-Konferenz in Stockholm, Schweden, und der dritten Lausanner Konferenz in Kapstadt, Südafrika. In beiden Fällen war es die erste Ansprache dieser Art und bot sehr öffentlich Möglichkeiten für respektvolle und brüderliche Beziehungen sowie für die Überwindung des distanzierten oder sogar konfliktreichen Verhältnisses der jüngeren Vergangenheit. Natürlich gibt es noch viele grundsätzliche Fragen, die noch geklärt werden müssen, aber von Verzerrungen und Vereinfachungen wird zunehmend abgesehen. Wo einst Schranken waren, sind heute offene Fenster und manchmal sogar offene Türen.
50. Diese neuen Beziehungen entstehen auf der Grundlage gegenseitigen Respekts und Sensibilität, die unentbehrlich sind für den Aufbau von Vertrauen, auf dessen Grundlage sich Dialoge in konstruktiver Weise entwickeln können. Auf respektvolle Begegnungen sollte eine Vertiefung der Beziehungen folgen und dies sollte auf der Grundlage geistlicher Urteilsbildung und theologischer Reflexion stattfinden und die dringenden Fragen, bei denen unsere Vorstellungen und Positionen auseinandergehen, nicht außer Acht lassen. Andernfalls würden wir all das, was dem ökumenischen Engagement zugrunde liegt, vergeuden. Es würde zu einer schrittweisen Auflösung des ökumenischen Engagements führen, zu einer Reduzierung seines Inhalts und, hinsichtlich aller wesentlich Themen, zu dem Rückzug der Kirchen oder Konfessionen in sich selbst, was eine Reduzierung der Ökumene auf eine reine Politik des gutnachbarlichen Verhaltens bedeuten würde.
51. Aufrichtiges ökumenisches Engagement sehnt sich und strebt nach der sichtbaren Einheit der Kirchen und während wir diesen Weg gehen, streben wir danach, uns brüderlich zu begegnen und Willens zu sein, einander mit Respekt zuzuhören, aber auch nach praktischer Zusammenarbeit und „Gemeinsamkeiten“ bei der Entdeckung einer „anderen“ Kirche, die über unerwartete Reichtümerverfügt, die es in „unserer“ Kirche nicht gibt, d.h. Reichtümer, die uns selbst fehlen. Dies aber erfordert Offenheit, eine vom Gebet getragenen Einstellung und konsequente theologische Arbeit.
52. Aus diesem Grund ist – und sollte es auch immer bleiben – der Ökumenische Rat der Kirchen ein besonderes Instrument unserer Kirchen für ökumenische theologische Reflexion, die unser Engagement und unsere Programme begleitet und ihnen eine Grundlage gibt. Dies gilt zwar für alle unsere Programme, doch haben wir zu diesem Zweck in der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung ein wichtiges Instrument, das sich danach sehnt, im Leben des ÖRK mehr Wertschätzung zu erfahren.
53. Angesichts all dieser Möglichkeiten für Begegnung, Dialog und Zusammenarbeit, die sich ergeben haben, lohnt es sich, sich die bedeutende Bekräftigung aus dem CUV-Dokument in Erinnerung zu rufen:
„Wann immer Menschen im Namen Jesu Christi zusammengeführt werden, ist dies das Werk des Heiligen Geistes. Das bedeutet, dass alle Anstrengungen, die die Einheit der Kirche zum Ziel haben, und alle Initiativen, durch die Christen versuchen, an Gottes Heilshandeln in der Schöpfung teilzuhaben, grundsätzlich und in ihrem Innersten miteinander verbunden sind.“
54. Wir sind daher dankbar für die neuen Möglichkeiten, die Gott uns gegeben hat.
V. Fazit
55. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich meine Ansprache nicht beschließen ohne in meiner Funktion als Vorsitzender ein paar kurze, aber wichtige Worte des Dankes zu sagen. In vielfältiger Weise haben wir schwierige und spannungsgeladene Zeiten hinter uns, die von uns allen besonderen Einsatz verlangten, begleitet von einem unentbehrlichen Geist des Gebets. Gewissermaßen befinden wir uns zwar immer noch in einer Übergangszeit, aber wir können bereits heute mit neuem Vertrauen in die Zukunft blicken. Der Ökumenische Rat der Kirchen mit all seinen Einschränkungen und seiner Unvollkommenheit ist ein Instrument Gottes, um in dieser Welt Seinen Willen zu verwirklichen. Wir haben Glück, dass er uns gestattet, daran Teil zu haben.
56. Ich danke Ihnen allen – den Mitgliedskirchen und ökumenischen Partnern, den Mitgliedern des Zentralausschusses und des Exekutivausschusses, den stellvertretenden Vorsitzenden – für Ihre Zusammenarbeit. Ich danke den Mitarbeitenden für ihr Feingefühl und ihr Engagement während des Übergangsprozesses, der natürlich komplex war und durch die deutliche Reduzierung der finanziellen Ressourcen, die schwierige Entscheidungen im Hinblick auf Programme und den Mitarbeiterstab erforderlich machten, noch erschwert wurde. Derartige Anpassungen gehen nicht ohne Spannungen vonstatten und auch nicht ohne dass hier und da Gefühle verletzt werden. Ich danke Ihnen, Herr Generalsekretär, dass Sie in Ihrem ersten Jahr in diesem Amt hart daran gearbeitet haben, intern wie extern transparente Beziehungen, Dialoge und Zusammenarbeit aufzubauen. Ich danke Ihnen allen, dass sich der Geist des ökumenischen Engagements, der uns zusammenbringt und uns auf unserem gemeinsamen Weg begleitet, durchgesetzt hat.
57. Dennoch und vor allem: .
[1] Wanda Deifelt: „1. Domingo após a Epifania“, in: „Proclamar Libertação 25“, Editora Sinodal, São Leopoldo, 1999, S. 84. (in portugiesischer Sprache)
[2] Gottfried Brakemeier: „7.o Domingo da Páscoa“, in: „Proclamar Libertação 29“, Editora Sinodal, São Leopoldo, 2003, S. 168. (in portugiesischer Sprache)
[3] Ebd.

