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Dokument-Datum: 16.02.2011
Bericht des Generalsekretärs

I.                   Identität und Auftrag des ÖRK

a.      Eine Gemeinschaft von Kirchen mit gegenseitiger Rechenschaftspflicht

Liebe Vorsitzende und Zentralausschussmitglieder, verehrte Gäste, Schwestern und Brüder in Christus,

1. Der Vers aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums, der in den Wandteppich gewebt ist, den Sie hier in  diesem Konferenzsaal sehen, erinnert uns immer wieder daran, wer wir sind und warum wir hier zusammenkommen: heute als ÖRK-Zentralausschuss und die Stabsmitglieder jeden Tag, um der Gemeinschaft der Kirchen im ÖRK zu dienen. „Damit sie alle eins seien“ lautet der Grundsatz, der uns nicht nur leitet, wenn wir in diesem Saal sind; vielmehr steht er hinter allem, was wir als ÖRK tun, begleitet und leitet uns in allen Dingen. Dies war der zentrale Gedanke meiner Ansprache, die ich letztes Mal hier vor Ihnen gehalten habe, und ich sehe den mir erteilten Auftrag aus dieser Perspektive. Die Frage, die mich in meinem ersten Bericht an Sie beschäftigt, lautet daher: „Wie reagieren wir auf diesen Ruf, eins zu sein in allem, was wir als Ökumenischer Rat der Kirchen tun?“ (Im ersten Teil meines Berichts konzentriere ich mich darauf, wer wir als ÖRK sind und warum wir tun, was wir tun; im zweiten Teil setze ich mich mit der Frage auseinander, wie wir versuchen, diesen Ruf in unseren Strukturen umzusetzen, und wie ich in meiner eigenen Arbeit damit umgehe; im dritten Teil geht es hauptsächlich um die Themen, die gegenwärtig im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen.)

 

2. Das Thema, unter dem diese Tagung des Zentralausschusses steht, ist komplex. Auf unserem Weg zur ökumenischen Friedenskonvokation, die im Mai in Jamaika stattfinden wird, beschäftigen wir uns mit der Frage, was es bedeutet, eins zu sein in der Perspektive des „gerechten Friedens“. Wir konzentrieren uns auch darauf, wie dieser gerechte Frieden - in den Gemeinschaften von Frauen und Männern, in denen wir leben, - aus den grundlegenden Beziehungen unter Menschen, in öffentlichen Räumen und auf allen Ebenen  erwachsen muss. Ich glaube, dass wir dieses Jahr die einzigartige Chance haben aufzuzeigen, dass dieser Ruf, eins zu sein, viele Dimensionen in unserer Arbeit für Gerechtigkeit und Frieden hat und dass es einen Unterschied machen kann, dass wir als ÖRK diesen Fokus haben. Wir sind aufgerufen, eins zu sein, damit die Welt glaube – dass Frieden möglich ist.

3. „Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Nach meinem ersten Dienstjahr hier im Rat ist meine Überzeugung noch gewachsen, dass diese sehr klare und starke Basis und Zielsetzung für unsere Arbeit einen großen Vorteil darstellt. Obwohl wir noch keine volle Gemeinschaft haben und das Abendmahl - das höchste Zeichen unserer Einheit in Vielfalt - noch nicht gemeinsam feiern, gibt es doch viele andere Wege, wie wir diese Einheit zum Ausdruck bringen. Das Gebet Christi ist unser Gebet. Dieses Jahr habe ich in der Gebetswoche für die Einheit der Christen an einer Andacht in unserer Kapelle hier und auch im Centro Pro Unione in Rom teilgenommen, einem Zentrum, das bereits vor der Konferenz 1910 in Edinburgh gegründet wurde und die Tradition dieser Woche in ganz besonderer Weise fortführt.

4. Wir haben vereinbart, dass unsere wichtigen Entscheidungen in einem geordneten Konsensverfahren getroffen werden. Wir haben bewiesen, dass es möglich ist, auf diese Weise zu arbeiten, und wir werden dies auch auf dieser Tagung erneut unter Beweis stellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieses Verfahren für die Arbeit, die ich jeden Tag anleite, einen klar definierten Rahmen bereitstellt. Es hilft uns zu sehen, wo wir auf der Grundlage unseres gemeinsamen Glaubens und unserer Berufung Konsens haben. Auf diese Weise können wir uns darauf konzentrieren, wie wir auf das Leben der Kirchen und die Fragen normaler Menschen in dieser Welt eingehen, ohne vor den Herausforderungen und Differenzen in der ökumenischen Bewegung heute zurückzuschrecken. Als ÖRK stellen wir einander einen Raum bereit, in dem wir auf einen Konsens hinarbeiten können, der von uns erfordert, dass wir einander genauer zuhören.

 

5. Wir bieten uns gegenseitig einen geschützten Raum an, der auf differenziertem Konsens basiert.  Das bedeutet, dass wir hart daran arbeiten, noch weiter zu klären, wie wir inmitten unserer Vielfalt Konsens erreichen können, wohl wissend, dass wir nicht in allem übereinstimmen und dass wir dies daher auch nicht anstreben müssen. Wir bieten uns gegenseitig einen Raum an, in dem wir einen strategischen Konsens, wie ich es nennen möchte, erarbeiten können. Wir können uns gegenseitig helfen, uns in angemessener Weise auf die Bereiche zu konzentrieren, in denen die Kirchen und insbesondere die Welt unser gemeinsames prophetisches Zeugnis brauchen. Wir bieten einander einen Konsens in gegenseitiger Rechenschaftspflicht an. Wir setzen uns an denselben Tisch, um uns gegenseitig Rechenschaft zu geben, über unsere Sichtweisen und Anliegen zu diskutieren und zu klären, vor welchen Herausforderungen wir gemeinsam stehen und welche Gaben wir gemeinsam haben. Unser Konsens muss die Nöte und die Wirklichkeit der realen Welt im Blick haben. Als Mitgliedskirchen geben wir uns gegenseitig Rechenschaft über das, was wir gemeinsam erkannt haben, doch der ÖRK entscheidet nicht, was jede Kirche tun sollte. Ich glaube, dass dieses Konsensmodell eine Gabe an die ökumenische Bewegung und an die Kirchen ist – eine Möglichkeit, in unserer heutigen Zeit eins zu sein.

 

6. Was uns vereint, ist, dass durch die Gaben, die Gott uns geschenkt hat, an uns alle derselbe Ruf ergangen ist. Der Ruf, eins zu sein, kommt von unseren Herrn Jesus Christus. Er kommt auch von den Kirchen, die sich gegenseitig zur Einheit aufrufen, und er kommt von der ganzen Menschheit, für die es von zentraler Bedeutung ist, dass die Kirchen gemeinsam Zeugnis von Jesus Christus ablegen, um den Frieden und die Versöhnung zu verwirklichen, die Christus der Welt gebracht hat. Der Ruf, eins zu sein, kommt auch von der Schöpfung, für die es ebenfalls von zentraler Bedeutung ist, dass wir eins sind. Wir müssen in Solidarität mit der Schöpfung, miteinander und mit den nach uns kommenden Generationen leben. Der Ruf verhallt nicht, nur weil das Einssein schwieriger für uns wird oder weil die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen weniger geworden sind. Der Ruf wird von Gott nicht zurückgenommen, wenn wir feststellen, dass wir nicht in allen Angelegenheiten einer Meinung sind und dass wir um Konsens ringen müssen. Der Ruf, eins zu sein, wird nicht zurückgestellt, weil es so viele andere Fragen gibt, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Auf diesen Ruf sollten wir in allem, was wir tun, eingehen.

7. Im Gebet Jesu für seine Jünger in Johannes 17 geht es um deren Beziehung zur „Welt“ und als solches um deren Beziehung innerhalb der Gemeinschaft des dreieinigen Gottes. Sie sind in allem in Gottes Welt. Für die Kirche gibt es keine Möglichkeit, sich selbst in einer kirchlichen Welt zu isolieren. Theologische Reflexion findet immer in Gottes verwundbarer Welt und inmitten der Freuden und Leiden normaler Menschen statt. In diesem letzten Jahr habe ich mehr von dieser Realität gesehen als je zuvor und jetzt, da ich persönlich miterlebt habe, wie Sie auf die Bedürfnisse vieler Menschen in Ihrem eigenen Kontext eingehen, bin ich umso stolzer, dieser Gemeinschaft von Kirchen anzuhören. In den Gebeten, die wir füreinander und miteinander beten, wird dies für uns alle eine gemeinsame Wirklichkeit. Rechenschaftspflicht gegenüber Gott setzt voraus, dass wir der Welt Rechenschaft geben müssen über die Auswirkungen unseres gemeinsamen – oder zerbrochenen – Glaubens, Lebens und Zeugnisses. In der Kritik, die im Lauf der Jahrzehnte gegen den ÖRK vorgebracht wurde, wurde uns u. a. immer wieder vorgeworfen, dass wir uns zu sehr darauf konzentrieren, wie wir die Not in der Welt bekämpfen können. Aber ich bin dankbar für dieses Erbe und ich sehe, dass es heute weithin geachtet und von vielen Akteuren in der ökumenischen Bewegung aufgegriffen wird. Wir haben uns als Kirchen gegenseitig geholfen, klarer zu erkennen, was es bedeutet, Kirche in der Welt zu sein, in der wir – zusammen mit allen anderen – leben. Der ÖRK hat es durch seine Arbeit jeder Kirche oder Bewegung schwer, wenn nicht sogar unmöglich gemacht, ernst genommen zu werden, wenn sie sich nicht der grundlegenden Herausforderung stellt, die Grundbedürfnisse der Menschen und der Schöpfung Gottes zu befriedigen: das Bedürfnis nach Nahrung, Gerechtigkeit, Frieden, Würde, Hoffnung und Liebe. Dies ist Teil des gemeinsamen Zeugnisses von Jesus Christus, das die Welt dazu bewegen kann, an Christus zu glauben.

8. Vor dem Hintergrund der Unterscheidung, die das vierte Evangelium im Blick auf die „Welt“ trifft – von Gott erschaffenes Universum wie auch sündige, gefallene Menschheit – sollten wir in Demut und Solidarität über unsere „Weltlichkeit“ nachdenken. Wir stehen nicht außerhalb der Welt, sondern sind Stellvertreter und Stellvertreterinnen Christi und als solche dazu berufen, in dieser Welt gemeinsam die Schranken der Sünde und Ungerechtigkeit zu durchbrechen. Wir sind dazu berufen, nicht von dieser Welt zu sein und nicht weiter das sündhafte Denken und Tun gegen den Willen Gottes, unseres Schöpfers, zu legitimieren. Aus diesem Grund rufen wir zu einer Gemeinschaft des gerechten Friedens für Frauen und Männer auf. Wir sind Teil der Wirklichkeit dieser sündigen Welt, aber wir sind nicht von dieser Welt in dem Sinne, dass wir durch unsere Taufe und unseren Glauben an Jesus Christus auch zur neuen Schöpfung und zur neuen Menschheit gehören und Zeichen und Vorgeschmack der neuen Wirklichkeit in Christus sind. Wenn wir unsere Taufe gegenseitig anerkennen (eine Herausforderung, die ein Dokument von Glauben und Kirchenverfassung an uns richtet), so bedeutet das daher auch, dass wir das Werk der neuen Schöpfung und Hoffnung des dreieinigen Gottes anerkennen.

9. Wir sind eine globale Gemeinschaft von Kirchen und durch diese Gemeinschaft sind wir – wir alle – uns bewusst geworden, dass die Kirche eine globale Wirklichkeit ist und eine globale Identität hat. Diese Wirklichkeit und diese Identität sind mir im Lauf der letzten Monate – durch meine Besuche, Begegnungen und Gebete mit und für Menschen aus allen Teilen der Welt – sehr viel klarer geworden. Wir sind eine Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig aufrufen, unterstützen, herausfordern. Wir sind keine lockere Gemeinschaft von Einzelpersonen, die bestimmte Überzeugungen, Verpflichtungen und Präferenzen miteinander teilen; wir sind eine Gemeinschaft von Kirchen. Wir sind eine Gemeinschaft, die ständig gestärkt werden muss, indem wir weltweit gezielt ökumenische Ausbildungsmöglichkeiten schaffen und uns auch darauf konzentrieren, eine umfassende und sinnvolle Beteiligung junger Menschen auf jeder Ebene zu gewährleisten.

b.      Eine Organisation, viele Herausforderungen

10. Worin besteht der einzigartige Mehrwert des ÖRK? Ich stelle meinen Kollegen und Kolleginnen diese Frage jedes Mal, wenn wir an unseren Plänen arbeiten, und ich stelle sie auch Ihnen und unseren Partnern, wenn immer wir über die Rolle und Leitungsstrukturen des ÖRK in verschiedenen Kontexten diskutieren. Welchen Mehrwert bringt es, dass wir uns als Gemeinschaft von Kirchen so organisieren, wie wir das tun, mit unseren Leitungsgremien, Kommissionen, unserem Sekretariat, unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, unseren Programmen, Tagungen, unserer Kommunikationsarbeit und unseren Veröffentlichungen? Mit dieser Frage setze ich die Reflexion fort, die in mehreren Prozessen stattgefunden hat – dem CUV-Prozess („Gemeinsames Verständnis und gemeinsame Vision des ÖRK“), der Neugestaltung der ökumenischen Bewegung, der Arbeit der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK, Ökumene im 21. Jahrhundert –, wie die letzte Vollversammlung und die darauf folgenden Tagungen des Zentralausschusses es uns nahe gelegt haben. Unsere Berufung besteht darin, eine globale, ökumenische Gemeinschaft von Kirchen zu sein, deren Mitglieder einander verpflichtet sind und sich gegenseitig Rechenschaft ablegen. Unsere Berufung ist es auch, eine Organisation zu sein, die gegründet wurde, um konziliare Beziehungen zwischen den Mitgliedskirchen herzustellen und ihre Zusammenarbeit zu fördern. Die zwischen beiden Zielen bestehende Dynamik stellt unsere Stärke und Einzigartigkeit dar. Wir können uns zwar auf die Lebenswirklichkeit unserer 349 Mitgliedskirchen, unserer 560 Millionen Mitglieder, das tägliche Leben mit seinen Freuden und Leiden konzentrieren und uns die Last der Realität in allem, was wir tun und diskutieren, vor Augen halten. Wir stellen jedoch keine hierarchische Struktur dar, die von Genf aus eine Vielzahl von Entscheidungen treffen und den Kirchen vorschreiben würde, was sie zu tun haben. Gemeinsam (mit ökumenischen Partnern und Organisationen) dienen, erbauen, stärken und verbessern wir diese Beziehungen, die wir untereinander und mit anderen Kirchen – und mit Angehörigen anderer Religionen – haben. Wir tun das, indem wir Ergebnisse dank verbesserter Beziehungen erreichen wollen; wir tun das, indem wir beieinander bleiben, damit wir gemeinsam handeln können.

11. Unsere Beschreibung des ÖRK als „privilegiertes Instrument der ökumenischen Bewegung“ hat mich auch dazu bewogen, Fragen zur Art der strategischen Leitung des ÖRK in der ökumenischen Bewegung zu stellen: Wie tun wir unsere Arbeit, mit wem arbeiten wir zusammen und was steht im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit? Während des letzten Jahres habe ich herausgehört, dass unsere Mitgliedskirchen, ökumenischen Partner, Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, und andere, die die ökumenische Bewegung gut kennen, vom Rat erwarten, dass er diese Art von Fragen stellt. Wir können und werden diese Rolle gemäß unserer Berufung und mit der Demut, die in Anbetracht der obigen Überlegungen geboten ist, erfüllen. Die strategische Rolle kommt nicht nur der Zusammenarbeit leitender Kirchenvertreter/innen und ihren Initiativen zu. Als besondere Herausforderung erlebe ich die Frage, wie wir als ÖRK unsere Aufgabe, die Stimme für diejenigen zu erheben, die besonders der Aufmerksamkeit der weltweiten Gemeinschaft von Kirchen bedürfen, weiter erfüllen und stärken können. Wir sind aufgerufen, an die Mächtigen heranzutreten und uns dafür zu engagieren, dass sie die Schreie nach Gerechtigkeit und einer besseren gemeinsamen Zukunft hören. So hatte ich zum Beispiel das Privileg zu sehen, wie wir gemeinsam dazu beitragen, HIV-und AIDS-kompetente Kirchen und theologische Institutionen aufzubauen. Ich habe dies sowohl auf den Straßen von Nairobi (Kenia) gesehen als auch in den öffentlichen Stellungnahmen zweier ÖRK-Mitgliedskirchen in Äthiopien und habe auf internationalen Tagungen in Utrecht und Wien mit religiösen Führungspersönlichkeiten aus aller Welt über diese Rolle diskutiert.

12. Es ist wichtig, darüber nachzudenken, wer wir sind. Aber auf den Aufruf, eins zu sein, folgt immer eine Bezugnahme auf den Zweck unserer Existenz, ein „damit“, das unsere Aufmerksamkeit auf jemand anderen lenkt, jemanden, für den wir hier sind. Unsere hart arbeitenden und loyalen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben im vergangenen Jahr viel geleistet, sie haben unsere Basis und unsere Berufung in den Mittelpunkt unserer Arbeit gestellt, dafür gesorgt, dass wir intensiver mit unseren Partnern zusammenarbeiten, haben sich mit den Schwierigkeiten von Mitgliedskirchen auseinandergesetzt und sich darauf konzentriert, was wir als Kirchen jeden Tag in aller Welt tun. In einer Zeit finanzieller Zwänge in der ökumenischen Bewegung sind wir gezwungen, uns unablässig zu fragen: Wie können wir dies zusammen mit den Mitgliedskirchen, den ökumenischen Partnern und anderen Partnern, mit deren (Ihren) Einrichtungen und personellen, finanziellen und geistlichen Ressourcen tun? Wir versuchen, unsere Fähigkeit zu stärken, Sie als Kirchen und Partner in unsere Arbeit einzubeziehen und Kompetenzen unter uns und für die Kirchen aufzubauen. Daher muss die Arbeit des Ökumenischen Instituts Bossey zusammen mit anderen Ausbildungsaktivitäten auch weiterhin einen hohen Stellenwert in unserer Arbeit behalten. Von zentraler Bedeutung ist auch die Frage, wie es uns besser gelingen kann, unsere Programmarbeit zu organisieren und ihre Weiterführung zu gewährleisten, damit sie in enger Zusammenarbeit mit den Kirchen und den Finanzierungspartnern durchgeführt werden kann und nicht nur ein finanzieller Mitteltransfer stattfindet. Vielleicht kann der ÖRK sogar noch an Stärke gewinnen, wenn das, was wir tun, als etwas angesehen wird, das in der Verantwortung der Kirchen liegt und institutionell und lokal solide verwurzelt ist, das aber doch wesentliche Dimensionen aufweist, die die einzelnen Kirchen nicht alleine gewährleisten können und die eine Stärkung unserer Identität als globale ökumenische Gemeinschaft von Kirchen bewirken.

13. In der Zeit seit der letzten Zentralausschusstagung haben wir große Anstrengungen unternommen, um unsere Arbeit finanziell nachhaltiger zu gestalten, verantwortlich für die nächsten Jahre zu planen und eine umsichtige Haushaltspolitik zu betreiben. Wir haben sehr intensiv mit Stabsmitgliedern und dem Exekutivausschuss zusammengearbeitet, um mit den negativen finanziellen Entwicklungen, die uns alle in den letzten Jahren getroffen haben, adäquat umzugehen. Für uns in der Schweiz lag eines der größten Probleme in der relativen Stärke des Schweizer Franken. Die Hälfte der Programmbeiträge und ein großer Teil der Mitgliedsbeiträge werden in Euro gezahlt. Verglichen mit 2009 waren diese Zahlungen in Schweizer Franken um circa 10 % gesunken. Dies ist einer der Faktoren, der uns gezwungen hat, schwierige Entscheidungen zu treffen, unsere Haushaltsmittel für Aktivitäten zu reduzieren und für 2011 einen niedrigeren Personalstand einzuplanen.


14. Andererseits möchte ich jedoch auch auf einige sehr wichtige und hoffnungsvolle Entwicklungen hinweisen. Im Berichtszeitraum ist es uns gelungen, den Haushalt für 2010 in den Griff zu bekommen und mit einer Steigerung der nichtzweckgebundenen Mittel abzuschließen, die über dem erforderlichen Zielbetrag liegt. Der Haushalt 2011 hat uns vor viele Herausforderungen gestellt und der vorgeschlagene Lösungsansatz wird Ihnen im Verlauf dieser Woche im Finanzausschuss zur Prüfung und Annahme vorgelegt werden. Wir stellen mittlerweile fest, dass mehrere unserer Finanzierungspartner ihren Beitrag für den ÖRK anpassen mussten, da sie selbst mit einer schwerwiegenden Reduzierung ihrer Einnahmen konfrontiert sind. Dennoch sehe ich, dass das Engagement für eine weitere Unterstützung der Arbeit des ÖRK sehr stark bleibt. Trotzdem müssen wir uns gemeinsam dieser Realität stellen. Im Berichtszeitraum haben ÖRK-Mitgliedskirchen positiv auf die Mitgliedschaftskampagne reagiert, was zu einer Steigerung der Zahl der Beitrag zahlenden Kirchen um ca. 35 % geführt hat. Wir haben auch gesehen, dass Kirchen und Partner auf die Herausforderung, engagierte Partner dieser Gemeinschaft zu sein, mit Sachleistungen reagiert haben. Sie richten z. B. Tagungen aus, bieten Arbeitskräfte an und zahlen Reisetickets. Einige von Ihnen haben Geber gefunden, die Beiträge leisten können, oder haben uns geholfen, Geber zu finden. Ich möchte Ihnen allen, die Sie unsere Mitgliedskirchen und andere Finanzierungspartner vertreten, meine tiefe Anerkennung aussprechen. Ihre Unterstützung und Ihr Engagement machen uns großen Mut.

II.                Unsere Antwort auf den Ruf, eins zu sein – und unsere Agenda des letzten Jahres, die uns zu dieser Tagung hingeführt hat

15. Die Rolle des ÖRK ist im Laufe meines ersten Dienstjahres hier im Rat immer wieder diskutiert und auf verschiedene Weise erfüllt worden. In unseren Plenarsitzungen und Ausschüssen werden wir darüber diskutieren, wie es uns gelingen kann, eins zu sein – in unserer Arbeit, unseren Strukturen, unserem Erscheinungsbild und unserer gegenseitigen Stärkung und Unterstützung. Gleichzeitig wissen wir, dass unsere gemeinsame Arbeit im ÖRK bereichert wird, weil wir verschieden sind und vielfältige Erfahrungen, Traditionen, Meinungen und Gaben an den gemeinsamen Tisch mitbringen. In den Programmhöhepunkten seit der letzten Zentralausschusstagung finden Sie einige der Ergebnisse der Arbeit, die wir im Berichtszeitraum geleistet haben. Meine Kollegen und Kolleginnen haben die hier vorgestellte Arbeit zusammen mit vielen von Ihnen, Vertretern/innen von Mitgliedskirchen, ökumenischen Partnern und kirchlichen Diensten und Werken etc., geleistet. Ich möchte einige der Anliegen und Bereiche erwähnen, in denen ich mitgewirkt habe und denen wir uns in diesen Tagen gemeinsam widmen werden, im Bemühen, unsere Berufung, eins zu sein, als Auftrag des ÖRK zu bekräftigen.

16. Die fortgesetzte Arbeit an der Struktur, den Aufgaben und dem Zuständigkeitsbereich unserer Leitungsgremien wird uns allen jetzt im Bericht der Fortsetzungsgruppe für Leitungsfragen vorgelegt werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam einen Weg finden werden, wie wir uns besser für die Aufgaben und Herausforderungen der kommenden Jahre organisieren und rüsten können. Dieser Bericht ist auf der Grundlage der vielen Fragen, die im ÖRK seit zahlreichen Jahren angesprochen und diskutiert werden, sorgfältig ausgearbeitet worden. Er hat Signale, die Sie und der Exekutivausschuss (auf zwei seiner Tagungen) gegeben haben, sowie die vielen Stellungnahmen von Kirchen und Partnern zu Fragen der Leitung und der Rolle des ÖRK berücksichtigt. Ich hatte im letzten Jahr Gelegenheit, an vielen verschiedenen ökumenischen Zusammenkünften teilzunehmen und in Sitzungen, die speziell diesen Fragen und der künftigen Ausrichtung des Rates gewidmet waren, mit zu diskutieren. Ich habe viel darüber gehört, warum wir das tun müssen, und ich stelle fest, dass viele unserer Partner aufmerksam zuhören und die Frage stellen, ob sie in dieselbe Richtung gehen sollten. Ich bin überzeugt, dass der ÖRK immer noch als wichtigste ökumenische Arena angesehen werden kann, dass wir unser Arbeitsmanagement klarer und effizienter gestalten und Strukturen schaffen können, die unsere Rechenschaftspflicht und das Vertrauen auf allen Ebenen und in die gesamte Struktur stärken können.

17. In unserem Bemühen, unserer Gemeinschaft von Kirchen angesichts der sich ständig verändernden, dynamischen ökumenischen Landschaft umfassenderen Ausdruck zu verleihen, ist es wichtig, dass unsere Strukturen den Herausforderungen dieser Wirklichkeit gewachsen sind. In den Diskussionen, die ich mit Kirchen und ökumenischen Partnern in aller Welt geführt habe, ging es immer wieder darum, wie wir unser Anliegen einer verantwortlichen Haushalterschaft ernst nehmen können, wie wir ein Gleichgewicht zwischen „die Gemeinschaft leben“ und „die Organisation führen“, zwischen Leitung (governance) und Management finden können. Daher sind die im Bericht zu Leitungsfragen unterbreiteten Vorschläge von entscheidender Bedeutung für die künftige Nachhaltigkeit des Rates und de facto auch für unsere Arbeit innerhalb der umfassenderen ökumenischen Bewegung. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf dieser Tagung gemeinsam einen Weg nach vorne skizzieren können, der uns Klarheit im Blick auf das Management unserer Arbeit schenkt und unsere gegenseitige Rechenschaftspflicht stärkt.

 

18. Laut der Planung für die 10. ÖRK-Vollversammlung im Oktober 2013 in Busan (Korea) wird die nächste Vollversammlung durch eine breitere Beteiligung und komplexere Rolle in der ökumenischen Bewegung gekennzeichnet sein. Wir treten jetzt in die Phase ein, in der die Entscheidung über das Thema der Vollversammlung ansteht, die es uns ermöglichen wird, unsere Vorbereitungen stärker zu fokussieren. Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Diskussion in gutem Geiste führen werden und dass wir uns darauf einigen können, was im Fokus der Vollversammlung stehen sollte. Ich glaube, dass beide Vorschläge des Planungsausschusses für die Vollversammlung (APC) uns Wegweisung für unsere Arbeit geben können, aber wie Sie aus dem Bericht ersehen, muss der ÖRK lernen und sich darauf konzentrieren, wie wir dem Ruf, eins zu sein, immer und überall in unserer Aufgabe, Versöhnung und Frieden in alle Lebensbereiche zu bringen, Folge leisten können. In der Arbeit des sehr breit und repräsentativ zusammengesetzten APC wie auch in all unserer Programmarbeit bemühen wir uns weiter darum, unserer Rolle, eins zu sein,  in den vielen Dimensionen unserer Arbeit immer mehr gerecht zu werden. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, durch diese Vollversammlung etwas Neues in die ökumenische Bewegung einzubringen. Wie kann der einzigartige Mehrwert, den der ÖRK erbringt, in der Art und Weise deutlich werden, wie wir diesen Prozess durchführen? Nach der Tagung des Zentralausschusses werde ich Korea besuchen und freue mich darauf, gemeinsam mit den dortigen Kirchen darüber nachzudenken, wie die Vollversammlung zu Versöhnung und Einheit auf der koreanischen Halbinsel beitragen kann.

19. In den Diskussionen, die ich bei Treffen mit unseren vielen ökumenischen Partnern über unsere Rolle geführt habe, habe ich deren Erwartungen und Fragen an den ÖRK kennen gelernt. Diese Diskussionen fanden mit den regionalen und nationalen Räten statt, den weltweiten christlichen Gemeinschaften, die Beziehungen zum ÖRK unterhalten, den kirchlichen Diensten und Werken – von denen viele jetzt im ACT-Bündnis organisiert sind –, der Weltweiten Evangelischen Allianz und der Lausanner Bewegung, unseren Partnern in Mission und Evangelisation, Jugendorganisationen wie dem Christlichen Studentenweltbund, CVJM und CVJF, den Einrichtungen, die hier in Genf in unserer Nähe angesiedelt sind, und anderen. In vielen dieser Gespräche ging es um unsere Vision von der Einheit und um die verschiedenen Beiträge, die wir dazu leisten können. Es wurde oft bekräftigt, dass der ÖRK die einzigartige Rolle hat, Kirchen und Partner zu versammeln, Tagungen im gemeinsamen ökumenischen Raum einzuberufen, Sichtweisen und Interessen der ökumenischen Partner zusammenzubringen.

20. Einige Partner sehen den ÖRK als den distinkten und „signifikanten Anderen“, mit dem sie sich nicht identifizieren. Aber ich bin überzeugt, dass der ÖRK eine Rolle spielen kann, die weit über die Gemeinschaft der Mitgliedskirchen hinausgeht, indem er der Andere ist, der einschließt und nicht ausschließt. Ich glaube nicht daran, dass das Konzept des „Feindes“ ein hilfreiches Modell bietet, um zu verstehen, wie christliche Kirchen und Gruppen miteinander umgehen. Ich weiß sehr wohl um die Differenzen und Spaltungen, aber ich glaube nicht, dass das Feindkonzept uns in unserem Bemühen, Gottes Ruf Folge zu leisten, hilft, unseren Weg nach vorne zu finden. Hier geht es um mehr als diplomatische Arbeit. Gefordert sind herausragende Fähigkeiten, Menschen zusammenzubringen, gut zuzuhören, Gemeinsamkeiten zu erkennen und die gemeinsamen Aufgaben, die wir zusammen angehen können und sollten, herauszuarbeiten.

21. In meinen vielen Begegnungen mit Mitgliedskirchen und ihren Vertretern/innen in verschiedenen ökumenischen Kontexten hatte ich als neuer Generalsekretär das enorme Privileg, von Ihnen zu hören, warum Sie Mitglieder sind und die ÖRK-Basis mit allen anderen Mitgliedskirchen teilen, warum Sie viel von mir und meinen Kollegen und Kolleginnen erwarten. Ich bin zum Beispiel sehr dankbar für die offenen Diskussionen mit den regionalen ökumenischen Organisationen (REOs), wie der, die wir in Nairobi auf der Tagung des Allgemeinen Ausschusses des AACC, auf der Vollversammlung der Asiatischen Christlichen Konferenz in Kuala Lumpur and der des NCCUSA in New Orleans geführt haben. Ich hatte auch mehrfach Gelegenheit, diese Art von Diskussionen mit Führungspersönlichkeiten und anderen Vertretern/innen der REOs in Lateinamerika, der Karibik, Europa, dem Nahen Osten und dem Pazifik zu führen. Besonders ermutigt hat mich, dass Sie mich eingeladen haben, mit Ihnen darüber zu diskutieren, welches Ihre Berufung in Ihrem Kontext ist, und dabei natürlich auch zu überlegen, wie wir einander als Kirchen helfen können, indem wir vertrauensvoll und ehrlich miteinander umgehen und diskutieren. Ich hoffe, dass wir dies in den nächsten 18 Monaten fortsetzen und sehr fruchtbare Beziehungen zwischen der globalen Organisation des ÖRK und den regionalen ökumenischen Einrichtungen entwickeln können. Ganz besonders schätze ich meine Beziehungen zu den Generalsekretären der REOs. Letztes Jahr hatte ich die Ehre, einer der ersten Frauen und gegenwärtig der einzigen in dieser Position, Pfarrerin Dr. Henriette Hutabarat-Lebang von der Asiatischen Christlichen Konferenz, meine Glückwünsche zu ihrer Wahl auszusprechen.

22. Während meiner Besuche bei Mitgliedskirchen und in Kontexten, in denen ökumenische Solidarität, Begleitung, gegenseitiges Miteinanderteilen und Ermutigung von größter Bedeutung sind, habe ich positive Rückmeldungen über die Bedeutung der Präsenz des ÖRK bekommen, die ich Sie auch gerne erfahren lassen möchte. Orthodoxe Kirchenleitende, die ich besucht habe, haben mir gesagt, dass sie mich in ihre Gebete einschließen und möchten, dass ich neue Initiativen ergreife. Afrikanische Kirchenverantwortliche bekräftigten, dass wir Teil ihrer Gemeinschaft sind, obwohl wir aus verschiedenen Ländern kommen und verschiedenen Rassen angehören. Signifikant war auch die Reaktion der Kopten hier in Genf, nachdem wir ihnen nach dem tragischen Anschlag am Neujahrstag in Alexandria einen Besuch abgestattet und mit ihnen in ihrer Kirche und hier in der Kapelle zusammen gebetet haben. Die Liste ist lang, und ich habe Informationen über wichtige Besuche, Veranstaltungen, an denen ich teilgenommen habe, usw. im Anhang beigelegt. Bei Besuchen der verschiedenen Delegationen, der „Lebendigen Briefe“ und bei anderen Gelegenheiten ist mir aufgefallen, wie wichtig es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die Anteil nimmt, wenn man als Kirche in Not gerät und mit großen Herausforderungen konfrontiert ist. Wir müssen sicherstellen, dass der Rat über die nötigen Mittel verfügt, um diese Rolle auch in Zukunft erfüllen zu können.

23. In Begegnungen mit politischen Führungspersönlichkeiten, Botschaftern, Leitern/innen und Vertretern/innen anderer internationaler Organisationen, mit Teilnehmenden am Weltwirtschaftsforum, in der UNO und ihren Sonderorganisationen und vielen anderen stand ich vor der Herausforderung, das Profil des ÖRK klar zu präsentieren und deutlich zu machen, dass der Rat mit einer Stimme für die Kirchen spricht und sie repräsentiert. Durch die Neubesetzung und den Ausbau des ÖRK/UN-Verbindungsbüros in New York, die wir in Zusammenarbeit mit dem ACT-Bündnis vornehmen, behält dieses Büro auch weiterhin seine Funktion, unsere ganze Mitgliedschaft zu vertreten, die vielen ökumenischen Herausforderungen anzusprechen und die Erfahrungen Ihrer Kirchen einzubringen.

24. In Begegnungen mit Vertretern/innen anderer Religionen und interreligiöser Organisationen ist die Rolle des ÖRK im Hinblick darauf diskutiert worden, wie wir diesen einen gemeinsamen Beitrag und ein gemeinsames Zeugnis unserer Mitgliedskirchen bringen können. In diesen Diskussionen ging es auch um die wichtige Frage, wie wir als Gemeinschaft von Kirchen Solidarität miteinander üben und insbesondere wie wir uns gegenseitig stützen, wenn wir in Minderheitssituationen leben. Wir müssen jetzt gemeinsam darüber nachdenken, welche Art von Partner andere religiöse Gruppen und Institutionen im ÖRK finden und wie der ÖRK dazu beitragen kann, die Kirchen zu einem gemeinsamen Christuszeugnis hin zu führen, und in ihnen die neue Bereitschaft zu wecken, Christi Gebot, unseren Nächsten so zu lieben, wie uns selbst, zu befolgen.

25. In Interviews, Pressemitteilungen, öffentlichen Erklärungen usw. hatte ich oft Gelegenheit, unsere gemeinsame Stimme zu Gehör zu bringen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf zu lenken. Ich glaube, dass wir sehr viel mehr tun können, um sicherzustellen, dass unser Beitrag gehört und sogar diskutiert wird. Da wir einige sehr gravierende Kürzungen in unserem Kommunikationshaushalt und in unserer Unterstützung für gemeinsame Projekte der ökumenischen Bewegung, wie ENI, vornehmen mussten, ist die Herausforderung noch klarer: Wie können wir auf unterschiedlichen Wegen und durch verschiedene Kanäle noch intensiver kommunizieren, was wir tun und welche Positionen wir vertreten? Wie formulieren wir unsere Botschaft so, dass sie klar und relevant ist? Lassen Sie mich auch festhalten, dass der ÖRK sich auch weiterhin für eine unabhängige ökumenische Nachrichtenagentur engagiert und dass wir im Fall von ENI nach wie vor der größte Beitragszahler sind.

26. Ich bin jedoch nicht der einzige, der Verantwortung dafür trägt, den ÖRK bekannt zu machen; wenn Sie das Wort ergreifen, so sprechen Sie auch als Teil dieser Gemeinschaft. Nichtsdestotrotz bin ich mir meiner eigenen Verantwortung, unsere gemeinsame Stimme zu Gehör zu bringen, sehr bewusst und ich weiß, dass ich auf dem aufbauen muss, was der ÖRK gesagt und als unsere gemeinsamen Position festgelegt hat. Aber ich muss dies auch im Vertrauen darauf tun, dass es uns gelingt, gemeinsam darauf zu hören, wie der Geist uns hilft, auf die Veränderungen in der Welt und die Realitäten des Lebens zu reagieren.

27. Wir setzen diese wichtigen Prozesse auf unserer jetzigen Tagung des Zentralausschusses fort. Lassen Sie mich daher etwas näher auf Beobachtungen und Feststellungen eingehen, die ich bereits während des vergangenen Jahres gemacht habe. Sie werden sehen, dass einige eine Fortführung der Gedanken darstellen, die Sie in der beiliegenden Zusammenstellung einiger meiner Reden und Predigten aus den ersten 14 Monaten meines Dienstes nachlesen können. Ebenfalls im Anhang zu diesem Bericht finden Sie eine Liste meiner wichtigsten Besuche und Begegnungen, die Ihnen einen Überblick darüber gibt, wo ich Sie und diese Gemeinschaft vertreten habe.

III.             Eins sein – in einigen unserer Arbeitsschwerpunkte

a.      Eins sein im Streben nach Frieden – IöFK

28. Vom ersten Tag meiner Wahl an habe ich mit vielen von Ihnen darüber diskutiert, wie wir die Internationale ökumenische Friedenskonvokation im Mai in Kingston (Jamaika) Wirklichkeit werden lassen können, wenn wir von der Vision zur konkreten Veranstaltung übergehen. Wir werden jetzt gemeinsam helfen, dass wir den Weg von den Diskussionen und Veranstaltungen in Jamaika zu klaren neuen Schritten in Richtung auf ein gemeinsames Engagement für einen „gerechten Frieden“ finden.

29. Diese Konvokation wird unsere gemeinsamen Anstrengungen auf dem Weg zu unserem ehrgeizigen Ziel der Überwindung von Gewalt zum Ausdruck bringen und stärken. Die Ausrufung der Dekade zur Überwindung von Gewalt war ein sehr mutiger Schritt, der 2001 in Berlin gegangen wurde. Wir wissen, dass die Dekade einen großen Beitrag zu den Diskussionen und Maßnahmen gegen unmenschliche, entwürdigende und sündhafte Akte der Gewalt geleistet hat. Wir wissen auch, dass in all unseren Kontexten und auch in unseren Kirchen noch so viel mehr getan und überwunden werden muss. Es ist äußerst schwierig und stellt uns vor hohe Anforderungen, für eine Tagung dieser Größe und dieser Natur eine gemeinsame Basis und ein Profil zu entwickeln und die logistischen Vorkehrungen zu treffen.

30. Wenn wir Entscheidungen wie die Einberufung einer solchen Konvokation treffen – wie wir es vor einigen Jahren im Zentralausschuss getan haben –, so macht dies deutlich, welche potenziellen Rollen der ÖRK ausfüllen kann, um unserer Berufung, eins zu sein, Ausdruck zu verleihen. Allerdings macht es auch deutlich, wie schwer die Aufgabe für die ÖRK-Gemeinschaft – für Sie als Zentralausschussmitglieder und für die Mitarbeiterschaft – ist, dafür zu sorgen, dass die Idee nicht nur eine Idee bleibt. Wir haben uns darauf konzentriert, wie die Kirchen ihre Berufung, eins zu sein, gemeinsam mit vielen Partnern guten Willens in unseren zahlreichen Initiativen und Anstrengungen für das Ziel eines gerechten Friedens realisieren können. Wir als ÖRK haben eine historische Chance, die Berufung zur Einheit und die Berufung, Friedensstifter zu sein, in einer neuen Agenda zusammenzuführen. Die Kirchen sind immer aufgerufen, sich aktiv zu engagieren, um einen gerechten Frieden herbeizuführen – egal, was geschieht, und egal, auf welcher Ebene wir uns engagieren.

31. In Kairo bin ich im letzten Monat in beeindruckender Weise daran erinnert worden, wie wir in diesen Anstrengungen vereint sein können. In einer Weihnachtspredigt ging Seine Heiligkeit Papst Shenouda auf das Massaker in Alexandria ein, das einige Tage zuvor stattgefunden hatte, und sprach vom Frieden. Seine Worte hatten in Ägypten und weit darüber hinaus große Wirkung. Er forderte Gerechtigkeit und gleichzeitig rief er die Gläubigen dazu auf, der Weihnachtsbotschaft von Liebe und Frieden für alle Menschen und nicht der Logik der Rache und des Hasses zu folgen. Diese Predigt wird ein herausragendes Beispiel für die prophetische Botschaft der Kirche vom gerechten Frieden bleiben, die alle gläubigen Menschen zur Überwindung von Gewalt aufruft. Mir wurde auch berichtet, dass diese Worte positive Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen in Ägypten gehabt hätten. Die Kirchen sollten sich an den Diskussionen darüber beteiligen, wie jeder Mensch vor Gewalt geschützt, wie Ungerechtigkeit überwunden und wie ein gerechter Friede für die Zukunft aufgebaut werden kann. Besonders in diesen Zeiten sehen wir, wie wichtig es ist, dass wir uns gegenseitig im Gebet begleiten und unterstützen, so dass jede Kirche ihren eigenen Weg finden kann, wie sie zu Gerechtigkeit und Frieden in ihrem eigenen Kontext beitragen kann. Im Nahen Osten sind diese Herausforderungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt von besonders großer Dringlichkeit. In den letzten Wochen haben wir gesehen, wie das ägyptische Volk gemeinsam aufgestanden ist, um Gerechtigkeit und Demokratie einzufordern. Für uns alle ist es ein Wunder und ein ermutigendes Zeichen, dass Gerechtigkeit und Freiheit durch friedliche und gewaltfreie Aktionen erreicht werden können. Gerechter Friede ist der beste Weg vorwärts. Uns als Gemeinschaft von Kirchen kommt eine wichtige Rolle dabei zu, die Reflexion über demokratische Prozesse und unseren Beitrag zur Stärkung demokratischer Prozesse fortzusetzen und nachhaltige Gerechtigkeit und Frieden aufzubauen. Die Rolle der Kirchen und der ökumenischen Akteure bei den gegenwärtigen Entwicklungen im Sudan ist ein weiteres bedeutsames Beispiel. Hier sehen wir ebenfalls ganz klar die Notwendigkeit interreligiöser Initiativen.

32. Die Konvokation in Jamaika stellt ebenfalls eine einzigartige Gelegenheit für Kirchenleitende (in den letzten Monaten haben viele von ihnen ihr Interesse bekundet und ihre Teilnahme angekündigt) und für Friedensaktivisten/innen vieler Organisationen dar, einen Beitrag dazu leisten, dass wir in einer gemeinsamen Arena einen gemeinsamen Aufruf an die Welt richten können. Die vielen Initiativen und Partner werden eine sichtbare Rolle spielen und unser gemeinsames Ziel wird uns leiten. Der traditionelle CCIA-Ansatz in Friedensfragen, mit seiner Beeinflussung politischer Prozesse wird kombiniert werden mit dem Engagement sozialer Bewegungen und den Gebeten der Gläubigen. Ich muss zudem die Perspektive der Jugendlichen erwähnen, denn viele Veranstaltungen auf der IöFK werden sich mit der Rolle junger Menschen in verschiedenen Gewaltsituationen beschäftigen. Das Stewards-Programm, eine Jugendkonferenz im Vorfeld der IöFK, ein besonderer Abend und eine Friedenswache bei Sonnenaufgang am Weltfriedenssonntag konzentrieren sich alle auf die Beiträge junger Menschen bei der Behandlung dieser Fragen.

33. Die IöFK ruft nicht nur uns zu größerer Einheit im Interesse des Friedens auf, sondern erinnert die Welt und die Kirchen mit ihren vier Themen zum gerechten Frieden auch daran, dass wir alle aufgerufen sind, gemeinsam nach Frieden zu streben. Die vier Themen laden uns ein, uns auf internationaler Ebene, in der Wirtschaft, mit der Erde und in unseren lokalen Gemeinschaften für Frieden in Gerechtigkeit zu engagieren. Diese Themen zum gerechten Frieden spiegeln ein tieferes Verständnis von Gewalt und Ungerechtigkeit in unserem Leben und in unseren Beziehungen mit anderen, zwischen Völkern und mit der ganzen Schöpfung sowie von deren Ursachen wider und entwickeln dieses Verständnis weiter. Gerechter Friede ist ein Friede, zu dem viele beitragen und für den viele sich engagieren können.

 

34. In den engsten Beziehungen in unseren Familien, unserer Nachbarschaft und unseren Gemeinden wie auch in Situationen nationaler und internationaler Spannungen, Konflikte und Ungerechtigkeiten sind wir als Kirchen präsent. Wir sind dort jedoch auch präsent als einzelne Gläubige, als Frauen und Männer, als Bürgerinnen und Bürger mit unseren Pflichten und Rechten, als Mütter und Väter. Die vielen Dimensionen unseres Bedürfnisses nach Saalam, Shalom, Frieden, Fred, Pace, Peace rücken in unseren Fokus, wenn wir uns in dieser Weise mit der Notwendigkeit eines gerechten Friedens auseinandersetzen.

b.      Eins sein als Gemeinschaft von Frauen und Männern

35. Unser Fokus auf dem gerechten Frieden ist auch in unserer Reflexion darüber relevant, wie wir als Gemeinschaft in unseren Dörfern, in unseren Städten und in unseren Kirchen zusammenleben – und zwar als Gemeinschaft von Frauen und Männern. Wir sollten darüber diskutieren, wie Geschlechterfragen und die Reflexion über die Beziehungen zwischen Frauen und Männern in den Kirchen die Aufmerksamkeit bekommen können, die sie in unserer Gemeinschaft verdienen. Daher haben wir diese Perspektive ins Thema, die Bibelstudien und die Gebete dieser Zentralausschusstagung eingebracht. Ich bin froh, dass wir diese Fragen im Kontext unseres Strebens nach Einheit, in unserer Reflexion über Gewalt und in unserem Engagement für Gerechtigkeit und Frieden aufgreifen können. Sie sind Teil dieser sehr grundlegenden Fragen menschlicher Beziehungen und wenn wir der Gender-Dimension dieser Fragen nicht auch unsere ganze Aufmerksamkeit schenken, so nehmen wir sie nicht ernst. Das trifft zu in lokalen Kontexten, in den Kirchen, in den nationalen und internationalen Kontexten, in denen wir arbeiten, und auch in der ökumenischen Bewegung. Eines der Anliegen,  die mich beschäftigen, ist, wie wir als ÖRK durch unsere Arbeit und Praxis einen angemessenen Beitrag zu einer offenen und gerechten Gemeinschaft von Männern und Frauen leisten können.

36. Ich bin nicht davon überzeugt, dass wir auf dieser Zentralausschusstagung genügend Zeit und Möglichkeiten haben, um diese Fragen so zu behandeln, wie wir könnten oder sollten. Allerdings glaube ich, dass es wichtig ist, dass wir über unser Verständnis von der gegenseitigen Rechenschaftspflicht als Gemeinschaft von Kirchen, unsere Identität als ÖRK, unsere Berufung, eins zu sein, die sich verändernde ökumenische Landschaft, Rolle und Inhalt der Diakonie, die Beziehungen zu Angehörigen anderer Religionen, unseren theologischen Beitrag zur Einheit, unseren Beitrag zum Aufbau einer Gesellschaft des gerechten Friedens auch aus dieser wichtigen Perspektive heraus diskutieren. Die Gender-Dimension ist untrennbar mit all diesen Fragen verbunden. Ein wichtiges Beispiel aus dem letzten Jahr war die internationale Beteiligung an der Diskussion, die Frauen in Bethlehem über die Bedeutung und die Wirkung des Kairos-Dokument geführt haben.

37. Gemäß meiner Überzeugung, dass eine ausgewogene Vertretung von Frauen und Männern in der Mitarbeiterschaft und bei den leitenden Stabsmitgliedern für alle von Vorteil ist, habe ich versucht, hier einen Schwerpunkt zu setzen – auch inspiriert durch den Beitrag der Präsidentinnen auf der letzten Tagung des Zentralausschusses im September 2009. Wir brauchen hier, wie immer, eine kurzfristige und langfristige Perspektive, aber wir dürfen diese Dimension bei Neueinstellungen nie aus den Augen verlieren.

38. Bei der Planung meiner Reisen habe ich immer versucht, sowohl Männer als auch Frauen in meinem Team zu haben. Ich habe auch stets klar zum Ausdruck gebracht, dass ich bei meinen Besuchen bei Kirchen und Partnern Begegnungen mit beiden Geschlechtern haben will. Das bedeutet, dass manchmal separate Treffen notwendig sind, damit ich nicht nur den männlichen Führungspersönlichkeiten einiger Kirchen begegne. Ich habe zudem meinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, mit jungen Menschen zusammenzutreffen, was für mich immer eine große Inspiration darstellt und mich davon überzeugt, dass wir wirklich eine Bewegung sind. Dadurch hatte ich weitere Gelegenheiten, mit Männern wie auch mit Frauen über die künftigen Herausforderungen für die Kirchen zu diskutieren, wie ich es während der Vollversammlung der Asiatischen Christlichen Konferenz in Kuala Lumpur gemacht habe.

c.      Jerusalem – Quelle und Paradigma für unsere Berufung, eins zu sein

39. Der Ruf, eins zu sein, stellt den Kern des Erbes Christi dar, das er in seinem Gebet in Jerusalem zum Ausdruck gebracht hat. Wir sollten Jerusalem zumindest in dreifacher Hinsicht als heilige Stadt für Christen in aller Welt ansehen. Erstens ist es an der Zeit, Jerusalem als Stadt des Gebets in den Mittelpunkt zu rücken, als Stadt, in der gläubige Menschen Seite an Seite leben und beten – und ihre heiligen Stätten sollten frei zugänglich sein. Dies sollte für Angehörige aller drei abrahamitischen Religionen gelten, Juden, Muslime und Christen. Jerusalem hat einen zentralen Platz im Leben Jesu Christi und in unseren heiligen Texten. Wo immer wir das Wort Gottes lesen oder hören, wird es daher eine Verbindung zu dieser Stadt geben, in der Gottes große Offenbarung und sein Wirken für die ganze Menschheit stattgefunden hat. In der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen haben wir diese Stadt, in der wir die Früchte von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi empfangen, in den Mittelpunkt gestellt.

40. Zweitens ist Jerusalem eine heilige Stadt für die Menschen in den lokalen Kirchen, denn hier beten und feiern sie ihre Gottesdienste. Trotz vieler tragischer Ereignisse in der Geschichte hat es in Jerusalem und der ganzen Region stets Christen gegeben, die dort gelebt und Zeugnis abgelegt haben. Die Christen haben Kirchen, Klöster, Einrichtungen usw. in Jerusalem und Umgebung gebaut und ihre heiligsten Gebetsstätten liegen in Jerusalem. Es ist eine Aufgabe von allerhöchster Bedeutung, diese wichtigen Bauten für die Kirche von heute und morgen zu bewahren, und die Kirchen und Kirchenleitenden, die dafür Sorge tragen, stehen bei der Erfüllung dieser Aufgabe vor großen Herausforderungen. Zu den einheimischen Christen kommen fortwährend Pilger aus verschiedenen Teilen der Welt hinzu, insbesondere an christlichen Feiertagen. Die Pilger sollten auch Zeugen der Lebenswirklichkeit der christlichen Kirchen und Gemeinden sein. Die Zahl der lokalen Christen in Jerusalem, im Heiligen Land und in den umgebenden Regionen und Ländern nimmt in einem solchen Ausmaß ab, dass alle Christen in der ganzen Welt dieser Problematik ihre Aufmerksamkeit schenken sollten.

41. Drittens sollte Jerusalem eine heilige Stadt im Sinne einer Stadt der Gerechtigkeit und des Friedens sein. Jerusalem ist eine heilige Stadt für Juden, Christen und Muslime. Die drei Religionen sollten diese Stadt miteinander teilen und gleichermaßen freien Zugang zu den dort liegenden heiligen Stätten haben. Die Gläubigen aller drei Religionen müssen Wege finden, wie sie in Gerechtigkeit und Frieden zusammenleben können, so dass die Wiege unserer Religionen ein Zeichen der Hoffnung für die ganze Menschheit sein kann. Mit diesem Verständnis von Jerusalem als heiliger Stadt sollten wir in aller Welt fortwährend einen effektiven Beitrag zu Gerechtigkeit und Frieden leisten. Ich glaube, dass die christliche Anerkennung Jerusalems als heilige Stadt aller drei Religionen einen Beitrag dazu leisten kann, dass Juden und Muslime diese Stadt als heilige Stadt für die anderen wie auch für sich selbst verstehen.

42. Die Faszination, die Jerusalem durch seine religiöse Bedeutung ausübt und die manchmal mit starken eschatologischen Vorstellungen einhergeht, hat Christen aller Generationen nach Jerusalem geführt. Leider hat ein falsches christliches Verständnis von Jerusalem und seiner Bedeutung bisweilen zu destruktiven Vorstellungen und grausamen Gewalttaten geführt. Das war zur Zeit der Kreuzzüge, aber auch darüber hinaus der Fall. In der heutigen Zeit werden von bestimmten christlichen Kreisen Ideen unterstützt, die die Anerkennung der Besatzung implizieren und Jerusalem zu einer Stadt der Ungerechtigkeit machen, wo ihre Berufung doch darin besteht, die Stadt des Friedens und der Gerechtigkeit par excellence zu sein.

43. Unterschiedliche Partner, Juden, Muslime und Christen, haben sich im letzten Jahr an mich gewandt, um mit mir über das von palästinensischen Theologen und Theologinnen geschriebene Kairos-Dokument zu diskutieren. Die Kirchen haben sich damit auseinandergesetzt und viele von ihnen sind in der Debatte über die Frage, wie wir uns im Blick auf Jerusalem verhalten sollten, in eine neue Phase eingetreten. Ich bin überzeugt, dass dieses Dokument uns tatsächlich eine Realität in Erinnerung gerufen hat, die manchmal vergessen oder verdeckt wird. Die Palästinenser leben immer noch unter der Besatzung, die mittlerweile schon seit mehr als 60 Jahren andauert. Es gibt eine palästinensische christliche Gemeinschaft, die für die Zukunft des palästinensischen Volkes und ein Zusammenleben mit dem Volk Israel in Frieden und Versöhnung betet und sich engagiert. Ich lade daher die ÖRK-Mitgliedskirchen ein, den palästinensischen Christen in diesem Dokument zuzuhören und ihnen so zu antworten, wie es uns das Gebot teurer Solidarität und unsere Gebete für einen gerechten Frieden abverlangen.

44. Der ÖRK hat immer den international anerkannten Rechtsstatus des Staates Israels, wie er vom UN-Sicherheitsrat definiert wurde, anerkannt. Der ÖRK war nie und wird nie eine antijüdische Organisation sein. Und ich glaube, dass wir noch sehr viel mehr zusammen mit repräsentativen jüdischen Partnern tun können, um Frieden für alle in dieser Region zu fördern. Aber zu unseren Mitgliedern gehören auch jene, die von der Besatzung betroffen sind. Unsere Schwestern und Brüder dort gehören auch vielen anderen Kirchen in aller Welt an. Und zu unseren Freunden zählen auch die Juden und Muslime, die in diesem Gebiet leben und nachhaltigen Frieden brauchen, Frieden ohne Besatzung, Frieden ohne jedwede Gewalt – egal, von welcher Seite sie kommt –, Frieden ohne Angst vor Zerstörung und ohne ständiges Misstrauen und Hoffnungslosigkeit. Jede theologische Denkweise oder Stellungnahme, die die Diskriminierung oder Angriffe auf eine bestimmte Gruppe oder ein bestimmtes Volk legitimiert, muss überwunden werden. Allerdings üben wir auch theologische Kritik an jeder Theologie, die die Besatzung und die Annektierung von Land und Eigentum, die es in diesem Gebiet gegeben hat, verteidigt.

45. Die Kirchen in Jerusalem sind Teil der Gemeinschaft der Kirchen und des Christentums im Nahen Osten. Zusammen mit den Kirchen in Syrien, Libanon, Jordanien und Ägypten gehören sie zum Heiligen Land, hier im weiteren Sinne verstanden. Diese Region steht, zusätzlich zu den Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern, vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die in den politischen Krisen, die sich in den letzten Wochen beschleunigt und intensiviert haben, noch deutlicher geworden sind. Die Region ist mit vielen Herausforderungen konfrontiert – Herausforderungen wirtschaftlicher, politischer, geopolitischer Natur sowie im Blick auf die Beziehungen zwischen Glaubensgruppen innerhalb ein und derselben Religion und zwischen Religionen, Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen usw. Die Kirchen der Region gehören in diese Region, sie haben dort ihre Wurzeln, ihre Geschichte, ihren Auftrag. In der heutigen Zeit befinden sich viele von ihnen in einer sehr schwierigen Position und wir sehen, dass viele von ihnen einen bedeutsamen Teil ihrer Mitglieder verlieren, weil diese aus der Region wegziehen. Die Koptische Orthodoxe Kirche und andere Kirchen in Ägypten leben gegenwärtig in einer Zeit großer Herausforderungen für ihr Land und ihr Volk. Kirchliche Führungspersönlichkeiten aus dem Irak werden uns im Lauf dieser Tagung wichtige Informationen aus erster Hand über ihre Lebenswirklichkeit geben.

46. Der ÖRK ist eine Gemeinschaft von Kirchen, der viele Kirchen im Nahen Osten angehören; daher sind wir dort – wir sprechen nicht nur über sie.  Der Rat der Kirchen im Mittleren Osten (MECC) ist Ausdruck der Ökumene und ein kostbares ökumenisches Werkzeug in der Region. Wir sind eine weltweite Gemeinschaft, die dazu berufen ist, eins zu sein – in Solidarität, gegenseitiger Begleitung und Unterstützung in unserer Mission. Das Verständnis von der Mission der Kirche in dieser Region wurde von den lokalen Kirchen über viele Jahre hinweg entwickelt und es ist ganz besonders wichtig, dass wir sie dies auch weiterhin tun lassen. Dass Kirchen in anderen Regionen der Welt sie unterstützen und begleiten, ist ein Zeichen des Einsseins. Wir müssen uns als Gemeinschaft von Kirchen jedoch allem widersetzen, was als Fortführung jeglichen kolonialen Denkens in dieser Region verstanden werden kann. Gegenwärtig ist es eine Priorität, mit den Kirchen im Nahen Osten zusammenzuarbeiten und dafür zu beten, dass alle Völker des Nahen Ostens in Zukunft in gerechtem Frieden leben können.

d.      Eins sein im „Wandel der Zeiten“ - oder im Wandel der ökumenischen Landschaft?

47. Im letzten Jahr haben wir das 100-jährige Jubiläum der Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh gefeiert. Diese historische Konferenz beschäftigte sich vor allem mit der Frage, in welcher Weise die Berufung, eins zu sein, und die Berufung, der Welt das Evangelium zu bringen, zusammengehören, und inwieweit die fehlende Einheit ein Hindernis für das Zeugnis von Jesus Christus darstellt. Im September letzten Jahres besichtigte der ÖRK-Exekutivausschuss den Konferenzsaal, in dem sich die Delegierten 1910 versammelt hatten. Es überraschte mich, wie groß dieser Saal war, und ich überlegte mir, wie kompliziert die logistischen Vorkehrungen für die Konferenz gewesen sein müssen, wie viel Zeit die Teilnehmenden für die Reise aufbringen mussten und wie viele Impulse sie der Ökumene und der Mission gegeben haben! Auf unserer jetzigen Zentralausschusstagung werden wir die Jubiläumsfeierlichkeiten von 2010 und den Beitrag des ÖRK zu dieser Versammlung auswerten. Es gibt wichtige Fragen, die wir stellen müssen: Hat diese Konferenz eine ausreichend breite Vorstellung vom heutigen Christentum vermittelt? Gelang es der Tagung 2010, die Perspektiven der Kirchen und unser Verständnis von unserer Berufung, eins zu sein, klar genug zum Ausdruck zu bringen? Ich glaube fest, dass diese Veranstaltung ein Segen für uns war und dass wir von ihr lernen können, indem wir uns fragen, ob unsere Rolle, die sichtbare Einheit in der Mission zu stärken, zum Wohle aller am besten erfüllt wird, wenn der ÖRK eine unterstützende statt leitende Rolle übernimmt.

 

48. Mehrere Bewegungen sind aus Edinburgh 1910 hervorgegangen, davon inspiriert worden oder danach entstanden. Die ökumenische Bewegung ist eine von ihnen. Die Edinburgher Konferenz hat mir wichtige Hinweise darauf gegeben, dass wir von einer ökumenischen Bewegung sprechen können. Besonders ermutigt hat mich, dass ich diesen Eindruck in Edinburgh und bei anderen Gelegenheiten bei Begegnungen mit führenden Persönlichkeiten der sog. evangelikalen Bewegung hatte, wie z. B. auf dem Weltevangelisationskongress der Lausanner Bewegung in Kapstadt (Südafrika), zu dem ich eingeladen worden war. Ich stelle eine Konvergenz fest, die es vor 35 Jahren definitiv so nicht gab; die Entfernung zwischen Lausanne und Genf wird heute nicht mehr als so groß empfunden. Es gibt eine Konvergenz in den Themen, die uns beschäftigen; die meisten Punkte, die seit Jahrzehnten auf unserer Tagesordnung stehen, werden heute auch aktiv von evangelikalen Einrichtungen aufgegriffen (z. B. Fürsprachearbeit, Menschenrechte, Friedensarbeit, Umweltfragen und Beziehungen zu Angehörigen anderer Religionen). Mehrere unserer Mitgliedskirchen unterhalten viele Beziehungen oder identifizieren sich sogar in großem Maße mit beiden Bewegungen. Wir alle wissen, dass wir vor der Herausforderung stehen, das Evangelium zu leben und mit anderen zu teilen, und es wächst immer mehr die Einsicht, dass wir dies jeden Sonntag, jeden Tag tun.

 

49. Ich glaube, dass es in dieser Landschaft offene Türen gibt und Veränderungen, derer wir uns bewusst sein sollten, und der ÖRK sollte bereit sein, seine Berufung zu erfüllen, die Einheit in umfassenderem Sinne als zuvor zu fördern. Das von uns eingeführte Konsensverfahren hilft uns, zu einer breiten Reflexion und Beteiligung in Gebet und Mission zu ermutigen, ohne unsere Berufung zur Einheit in unserer Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden, Menschenwürde und Menschenrechte aufzugeben.

50. Ein weiteres wichtiges Signal in dieser Hinsicht ist, dass ich eine Einladung erhalten habe, auf der Weltpfingstkonferenz eine Ansprache zu halten. Die Pfingstbewegung entstand zu Beginn des letzten Jahrhunderts, indem sie Menschen verschiedener Klassen und Hautfarbe in Gebet, geistgeleiteten Gottesdiensten und im Dienst an Jesus Christus zusammenführte. Ich war zutiefst bewegt, als mir jemand sagte, dass heute viele leitende Vertreter/innen der Pfingstkirchen in unserer Gemeinsamen Beratungsgruppe des ÖRK und der Pfingstkirchen ihren Platz im Verhältnis zur ökumenischen Bewegung und dem ÖRK anders sehen als früher. Sie sprachen von „changing tides“, einem Wandel der Zeiten. Diese gemeinsame Arbeit, die auf ÖRK-Seite von Pfarrerin Jennifer S. Leath geleitet wird, trägt heute neue Früchte.

51. In mehreren Begegnungen, die ich mit der römisch-katholischen Kirche hatte, bin ich durch die tiefe Bereitschaft, dem Ruf Christi zur Einheit Folge zu leisten, reich gesegnet und ermutigt worden. Dies war die Botschaft, die ich während meines offiziellen Besuchs bei Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI und bei den zwei offiziellen Besuchen empfangen habe, die ich dem scheidenden und dem neuen Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen abgestattet habe. Sehr inspiriert haben mich auch Gespräche mit Vertretern/innen römisch-katholischer Bewegungen, die die Vision von der Einheit aktiv unterstützen und vorantreiben, wie z. B. Sant’ Egidio und Focolare. Bei Begegnungen mit katholischen Führungspersönlichkeiten aus Irland, dem Vereinigten Königreich, Norwegen, Deutschland, Israel/Palästina, Malaysia, USA, Nigeria und mehreren anderen Ländern ist mir sehr eindrucksvoll vermittelt worden, wie wichtig die gemeinsamen Anstrengungen mit unseren Mitgliedskirchen auf lokaler und nationaler Ebene sind.

52. Wir haben während dieser Tagung eine doppelte Plenarveranstaltung eingeplant, die uns Gelegenheit geben wird, gemeinsam darüber nachzudenken und uns auszutauschen, wie die vor uns liegende Landschaft aussieht. Auf Reisen verändert sich die Landschaft, durch die man fährt, oder zumindest verändert sich unsere Wahrnehmung dieser Landschaft. Aber wir können uns auch vorstellen, dass wir die Form der Landschaft ändern können, indem wir dort etwas pflanzen. Wir beobachten wichtige Veränderungen, über die wir diskutieren müssen, und Veränderungen, die wir selbst initiieren oder unterstützen wollen. Ich glaube, dass die zukünftige Rolle der Zentralausschusstagungen – die Gemeinschaft zu leben –, bedeutet, dass es hilfreich wäre, dieses Thema als ständigen Punkt auf der Tagesordnung zu haben.

e.      Eins sein in unserem praktischen Engagement und unserer Fürsprachearbeit – ÖRK und ACT-Bündnis (ACT)

53. Wenn wir von sich verändernder Landschaft sprechen, so verwenden wir natürlich ein drastisches, gefährliches Bild voller Dramatik. Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, steigende Meeresspiegel infolge der Auswirkungen des Klimawandels, Erdrutsche, Überschwemmungen, extreme Veränderungen der Wetterbedingungen und schmelzende Gletscher sind genau das, was so viele von Ihnen in den letzten Jahren und Monaten erlebt haben. Viele von Ihnen haben an der Bewältigung dieser Krisen in Ihrem eigenen Land, in Ihrer eigenen Nachbarschaft mitgearbeitet und viele von Ihnen haben sich durch die Unterstützung humanitärer Hilfeleistungen engagiert. Das neue ökumenische ACT-Bündnis (ACT – Kirchen helfen gemeinsam) hat seine Arbeit genau zu dem Zeitpunkt aufgenommen, als ich mein Amt angetreten habe, im Januar 2010. Sofort mussten die Kollegen/innen und Partner im ACT-Bündnis die Maßnahmen und die Nothilfe ihrer eigenen Partner, die bereits in Haiti präsent waren, koordinieren,  als die Insel am 11. Januar von einem Erdbeben erschüttert wurde – und sie zeigten, dass sie dazu in der Lage sind. Wie ich im Juni, als ich Haiti gemeinsam mit einer ökumenischen Delegation besucht habe, mit eigenen Augen sehen konnte, war das Ausmaß der Katastrophe und der Zerstörungen unvorstellbar und die Resilienz des haitianischen Volkes geradezu unglaublich. Ich sah auch, dass die politische Fähigkeit zur Bewältigung der Katastrophe sehr gering und die internationale Gemeinschaft sehr hilfsbereit, aber doch nicht wirklich in der Lage war, diese Herausforderungen zu meistern. Ich glaube, wir haben bei dieser Gelegenheit gesehen, dass das ACT-Bündnis unser Hauptwerkzeug ist, um Nothilfemaßnahmen zu ergreifen und gleichzeitig Entwicklungsarbeit zu leisten, die in Haiti zu nachhaltigen Veränderungen führen können. Wir stellten jedoch auch fest, dass die Kirchen selbst sehr schwer getroffen waren, dass sie sich zusammenschließen und in ihren Beziehungen miteinander und mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen gestärkt werden müssen. Das ACT-Bündnis hat bereits unter Beweis gestellt, dass es ein wichtiges Instrument für die Koordinierung von Nothilfe und Entwicklungsarbeit in vielen Teilen der Welt darstellt. Die Gründung und Arbeit des ACT-Bündnisses sind eng an den ÖRK gebunden und so sollte es um der Glaubwürdigkeit beider Organisationen und zu ihrem beiderseitigen Nutzen auch in Zukunft bleiben.

54. Die große Sehnsucht nach Veränderungen, die derzeit in vielen Ländern des Nahen Ostens zum Ausdruck gebracht wird, ist ein Zeichen dafür, wie wichtig es ist, politische und demokratische Rechte zu achten und gleichzeitig die Bedürfnisse der Menschen im Blick zu haben – ihr Recht auf Nahrung, auf Arbeit und auf freie Religionsausübung in Sicherheit und ohne Angst. Initiativen zur Bereitstellung humanitärer Hilfe und zur Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung müssen begleitet werden von Hilfsmaßnahmen für bessere Regierungsführung, bessere Beziehungen zwischen Völkern verschiedener Kulturen und Religionen, Fürsprachearbeit für Menschenrechte, Engagement für Frieden und Versöhnung und gegen Gewalt usw. Daher gibt es wichtige Verbindungen zwischen der operativen Arbeit, wie das ACT-Bündnis sie leistet, und der Rolle des ÖRK, insbesondere jetzt, da der ÖRK nicht mehr in derselben Weise operativ arbeitet wie früher. Diese müssen durch die Koordinierung unserer Fürsprachearbeit erfolgen, wie wir es bereits gemeinsam in unserem UN-Verbindungsbüro in New York geplant haben.

55. Die Kirchen haben Jahrhunderte lang diakonische Arbeit geleistet, schon lange bevor es den ÖRK oder das ACT-Bündnis überhaupt gab. Überall in der Welt werden viele Gesundheitseinrichtungen von Kirchen oder kirchlichen Organisationen betrieben. Der ÖRK als Gemeinschaft von Kirchen kann dem ACT-Bündnis helfen, überall dort, wo ACT-Mitglieder aktiv sind, seine Rolle gemeinsam mit den Kirchen zu finden. Wir sollten das ACT-Bündnis unterstützen, indem wir ihm mit unserer Reflexion über die Werte, die dieser Art von Arbeit, dem Kapazitätsaufbau und der Heranbildung kirchlicher Führungskräfte für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Mitgliedern des ACT-Bündnisses zugrunde liegen, konzeptionelle Hilfestellung leisten. Der ÖRK kann dazu beitragen, dass die lokalen Kirchen den Sinn ihrer Rechenschaftspflicht klarer in einer Verbesserung der Qualität der lokalen und nationalen Verwurzelung ihrer Arbeit erkennen, damit die Kirchen auch über die operative Dimension der Arbeit hinaus mit dem ACT-Bündnis zusammenarbeiten. Daher müssen wir das Verständnis von der Diakonie der Kirchen, der prophetischen Diakonie für den Wandel und für eine bessere Welt sowie von der Rolle der Diakonie, die uns zeigen kann, dass wir eins sind, weiter entwickeln.

f.        Notwendigkeit neuer theologischer Initiativen in unserem Streben, eins zu sein

56. Mein Besuch in Santiago de Compostela im letzten Dezember gab mir Gelegenheit, darüber nachzudenken, inwiefern wir unterschiedliche Ausdrucksformen der ökumenischen Bewegung brauchen. Selbst im Dezember war die Kathedrale voller Pilger, unter ihnen liebe Freundinnen und Freunde, die ich im Hauptsitz der Armenischen Kirche in Jerusalem kennen gelernt hatte und die ihren Schwestern und Brüdern einen Besuch in einer anderen heiligen Pilgerstätte abstatteten. In einem Gespräch mit dem Erzbischof von Santiago, bei dem auch der Bischof der Bischöflichen Kirche von Spanien (eines unserer Zentralausschussmitglieder) zugegen war, sprachen wir darüber, dass die Pilgerreisen der heutigen Zeit auch zu einer ökumenischen Bewegung geworden sind und dass die Pilger in Santiago de Compostela allen Menschen dienen, die auf ihrem Weg Frieden mit Gott suchen.

57. Ich war in Santiago, um eine Ansprache auf einer Konferenz zu halten, deren Ziel es war, eine Erklärung über das Menschenrecht auf Frieden zu verabschieden. Unsere Partner, die diese Konferenz zusammen mit dem ÖRK organisiert haben, wussten, wie die ökumenische Bewegung die verschiedenen Dimensionen dieses menschlichen Grundbedürfnisses in Theorie und Praxis in den Mittelpunkt rücken kann und gerückt hat. Und auch dieses Jahr wird der ÖRK dies wieder auf der IöFK in Jamaika tun. Allerdings wurde ich auch an meinen ersten Besuch 1993 in Santiago de Compostela erinnert, als ich als Journalist an der Weltkonferenz von Glauben und Kirchenverfassung akkreditiert war. Es gab damals einen Presseartikel, der mit einem Zitat von Erzbischof Desmond Tutu überschrieben war: „Lasst die Theologen dieses Durcheinander aufräumen!“ Tutu zeigte auf, dass der Kampf gegen die Apartheid eine ernsthafte und gemeinsame theologische Reflexion über unseren Glauben und unsere Ekklesiologie vor dem Hintergrund unseres konkreten Kontextes erfordert, dass die Dringlichkeit des Kampfes gegen die Apartheid aber wenig Zeit lässt, zu versuchen, Kirchen trennende Meinungsverschiedenheiten in Fragen des Glaubens, des Amtes und der Sakramente zu überwinden – wobei diese Differenzen sogar Kirchen spalten, die in ihrem Kampf für Gerechtigkeit vereint sind. Wir waren in der ökumenischen Bewegung und in unserer Arbeit als ÖRK auf theologische Arbeit angewiesen und werden in Zukunft definitiv noch mehr dieser ernsthaften, engagierten, qualifizierten theologischen Reflexion brauchen.

 

58. Partner wie die römisch-katholische Kirche und einige Pfingstkirchen beteiligen sich umfassend an dieser Arbeit und ich bin besonders interessiert daran, dass wir Arbeitsprojekte, wie die gegenwärtig laufende Studie zur gegenseitigen Anerkennung der Taufe und die ekklesiologische Studie zu Wesen und Auftrag der Kirche, die wir bald abschließen werden, fortführen können. Ich bin sicher, dass die theologische Reflexion über unsere gemeinsamen Wurzeln in den Schriften der Alten Kirche (z. B. auf einer Konsultation von Glauben und Kirchenverfassung dieses Jahr in Moskau) auf  wichtigen Arbeiten aus früheren Perioden aufbauen wird, die von großer Bedeutung für die ökumenische Bewegung waren, wie die Zeit vor und während dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Theologische Reflexion über Ekklesiologie und Einheit, die auf den Beziehungen und der gegenseitigen Rechenschaftspflicht unter den Mitgliedskirchen wie auch den zunehmenden Beziehungen mit anderen Kirchen aufbaut, ist dringend erforderlich. Diese Reflexion muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie wir de facto in den vielen verschiedenen Bereichen, die ich skizziert habe, dem Ruf, eins zu sein, Folge leisten.

g.      Eins sein in unserer gemeinsamen christlichen Haltung in einer Welt interreligiöser Beziehungen – angesichts wachsender Spannungen in einigen Bereichen

59. Der ÖRK hat mehr als vierzigjährige Erfahrungen im Bereich interreligiöser Beziehungen. Das bedeutet, dass wir nicht nur als Institution Erfahrungen gesammelt haben, sondern auch, dass der ÖRK eine wichtige Rolle dabei gespielt hat, Reflexion und Praxis der interreligiösen Beziehungen an den Punkt zu bringen, wo sie heute angelangt sind. Diese Pionierarbeit war eine der große Herausforderungen in der Arbeit des ÖRK und die Diskussionen, die unsere Leitungsgremien im Lauf der Jahre über dieses Thema geführt haben, beweisen das.

60. Heute stellt praktisch kaum noch jemand in Frage, dass der ÖRK und die Mitgliedskirchen die Aufgabe haben, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Dafür gibt es mindestens drei wichtige Gründe. Erstens sind die interreligiösen Beziehungen zu einer Realität geworden, die allen Kirchen – in mehr oder weniger großem Maße – gemeinsam ist. Für viele Kirchen war dies seit jeher wichtiger Bestandteil ihrer Identität und für niemanden von uns handelt es sich dabei um einen optionalen Luxus. Zweitens ist die Reflexion in vieler Hinsicht reifer geworden – auf theologischer, praktischer wie auch politischer Ebene. Wir müssen unsere christliche Identität nicht aufgeben, aber wir müssen mit Angehörigen anderer Religionen oder Menschen, die keinen Glauben haben, gemeinsam darüber nachdenken, was diese Identität bedeutet. Wir sehen auch, wie wichtig diese Fragen für unser tägliches Zusammenleben sind. Die grundlegenden ethischen Fragen, die Christen sich stellen müssen, lauten: Wie kann ich meine Nächsten lieben und wie können wir die guten Nächsten sein, die andere brauchen? Drittens kommt dem Ökumenischen Rat der Kirchen auf internationaler Ebene eine Rolle in dieser interreligiösen Landschaft zu. Wir werden angefragt und man erwartet einen Beitrag von uns. Wir haben jetzt Zeit, über die Art der Arbeit nachzudenken, die der ÖRK in den nächsten Jahren leisten sollte. Mit diesen Fragen befassen sich viele Experten/innen und Professoren/innen, die unseren Kirchen angehören oder mit ihnen in Verbindung stehen. Es gibt auch viele engagierte und hoch qualifizierte Personen, deren Aufgabe es in den Kirchen und unseren Partnerorganisationen ist, sich mit diesen speziellen Fragen zu beschäftigen. Als ÖRK  sollten wir ein globaler Partner für andere sein. Wir repräsentieren Werte und Erfahrungen aus allen Kulturen und Kontexten und haben eine besondere Sensibilität dafür, wie die Kirchen selbst Menschen anderer Religionen in ihrem Kontext erleben und mit ihnen umgehen. Wir haben auch die besondere Verantwortung, diese Fragen in eine fruchtbare ökumenische Diskussion einzubringen. Wir stellen die Frage nach den Menschenrechten im Kontext des religiösen Dialogs. Der ÖRK sollte in besonderer Weise dafür qualifiziert sein, diese Anliegen ganzheitlich zu betrachten und einen multidimensionalen Ansatz zu verfolgen.

61. Lassen Sie mich mit einigen persönlichen Bemerkungen schließen. Ich habe diesen Bericht noch einmal mit dem verglichen, was ich damals, als Sie mir das Amt des Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen übertragen haben, gesagt und gedacht habe. Und ich bin der Meinung, dass das, was ich damals als wichtige Themen und Herausforderungen benannt habe, sich in großem Maße als richtig erwiesen hat. Für die gute Zusammenarbeit mit meinem Kollegen/innen, mit den anderen leitenden Amtsträgern/innen, mit Ihnen als Leitungsgremium und mit den Kirchen und ihren Vertretern/innen bin ich zutiefst dankbar. Manchmal bin ich ganz überwältigt von der positiven Haltung, mit der Sie mich unterstützen. Ich bin überzeugter denn je, dass die Arbeit, die wir leisten, wichtig ist, dass sie hohe Anforderungen an uns stellt und dass sie segensreiche Früchte für die Kirchen und für die Welt trägt. Ich glaube ganz sicher, dass Gott uns Türen öffnet und dass wir aufgerufen sind, Christus in den neuen Beziehungen, die wir herstellen, nachzufolgen. Das letzte Jahr war für mich das arbeitsreichste, intensivste und gesegnetste Jahr meines Lebens. Besonders inspiriert haben mich die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit jungen Menschen – sie sind die Zukunft und die Bausteine der ökumenischen Bewegung. Ihre Beteiligung ist immer sehr inspirierend und ich weiß ihre Beiträge zu Gegenwart und Zukunft der ökumenischen Bewegung sehr zu schätzen.

62. Möge Gott uns allen weiterhin Kraft und Freude in dieser Arbeit und in dieser Gemeinschaft schenken!

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