Ökumenischer Rat der Kirchen
ZENTRALAUSSCHUSS
Genf, Schweiz
26. August - 2. September 2003
Bericht des Generalsekretärs
1. Wie Ihnen sicherlich bewusst ist, wird dies eine ziemlich entscheidende Sitzung des Zentralausschusses sein. Wir werden einen neuen Generalsekretär wählen und anfangen, uns auf die Neunte Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Porto Alegre im Jahr 2006 auszurichten. Auf unserer Tagesordnung stehen Entscheidungen über das Thema der Vollversammlung, die Verteilung der Delegiertensitze und über die Grundstruktur der Vollversammlung. So wichtig diese Themen und die entsprechenden Entscheidungen sind, so wichtig es zugleich, dass wir genug Zeit für wirkliche Beratung haben. Wie Sie der Tagesordnung entnommen haben, konzentrieren sich unsere Beratungen diesmal auf das Thema "Dem Leben dienen". Dies war eines der übergreifenden Themen, die nach der Vollversammlung für die Arbeit des Ökumenischen Rates festgelegt worden sind. Nachdem wir in den vorangegangenen Tagungen den anderen drei Themen Aufmerksamkeit gewidmet haben, wurde entschieden, die Plenarsitzungen und Bibelarbeiten bei dieser Tagung unter dieses Thema zu stellen. Ich werde daher meinen Bericht beginnen mit Überlegungen über die Bedeutung des Themas "Dem Leben dienen" für Leben und Arbeit des Ökumenischen Rates in der gegenwärtigen geschichtlichen Situation. Danach werde ich kurz einige wichtige Entwicklungen im Rat seit unserer letzten Tagung erwähnen und dann im abschlieβenden Teil auf die Diskussion zurückkommen, die sich im Anschluss an meine letztjährigen Reflexionen über "Eine neue Gestalt der ökumenischen Bewegung für das 21. Jahrhundert" entwickelt haben. Die Amtsträger haben mich ausdrücklich ermutigt, meine Überlegungen einige Schritte weiter voranzutreiben.
Dem Leben dienen
2. Dem Leben zu dienen ist seit jeher eine der zentralen Motivationen für die diakonische Arbeit der christlichen Kirchen und ihre Hilfe für Menschen in Not gewesen. Lassen Sie mich das durch einige Beispiele aus dem Umfeld meiner letzten Besuche bei Mitgliedskirchen verdeutlichen. Im März d.J. habe ich eine Reihe von Kirchen in Asien besucht, vor allem Kirchen in Laos, Thailand, Myanmar und Pakistan. Bei den drei Erstgenannten handelt es sich um Länder, die von der sehr alten buddhistischen Tradition und damit zugleich einer Spiritualität geprägt sind, die auf den Dienst am Leben ausgerichtet ist. In Laos taucht die kleine Lao Evangelical Church allmählich aus der langen Periode der Unterdrückung und Verdächtigung von Seiten der Regierung auf. Sie hat sich Respekt und Anerkennung erworben durch ihr Engagement für den Dienst am Gemeinwohl aller Menschen. Wir wurden eingeladen zur Teilnahme an einer Zeremonie für die Übergabe von zehn Krankenhausbetten an den obersten Patriarchen der buddhistischen Gemeinschaft; die Betten waren bestimmt für ein Krankenhaus, in dem buddhistische Mönche behandelt werden sollen. In Thailand hatten die Kirchen für mehr als hundert Jahre eine zentrale Rolle im Bildungs- und Gesundheitswesen des Landes. In Chiang Mai besuchten wir das McKean-Rehabilitationszentrum, das 1908 für die Behandlung von Lepra-Patienten gegründet worden war und nun zu einem spezialisierten Rehabilitationszentrum geworden ist, das Menschen behandelt, die an den verschiedensten Behinderungen oder Verletzungen leiden. Die unkonventionelle Antwort auf diese zunehmende Herausforderung hat exemplarische Bedeutung für das ganze Land.
3. Den tiefsten Eindruck während dieser Reise hat wahrscheinlich der Besuch von zwei Schulen für Blinde bzw. Taube in Rangoon, Myanmar, hinterlassen. Auch diese Schulen sind einzigartig im ganzen Land, und junge Menschen kommen von weit her, um hier die Fertigkeiten zu erlernen, die ihnen helfen, ihr Leben zu meistern. Die Taubstummenschule hat Pionierarbeit geleistet in der Entwicklung von Braille und Zeichensprache für den burmesischen Kontext. Der hingebungsvolle Dienst der Lehrer und der dem Leben zugewandte Geist in beiden Schulen sind eine Form des christlichen Zeugnisses, die in dieser buddhistischen Gesellschaft sehr wohl verstanden wird. Und lassen Sie mich noch eine frische Erfahrung während meines Besuchs in Weißrußland im Juli d.J. anfügen. Mit Hilfe von ökumenischen Partnern hat die orthodoxe Kirche im letzten Jahr ein "Haus der Barmherzigkeit" in einem Vorort von Minsk eröffnet. Unter den vielen Aktivitäten, die von dort ausgehen, sind auch Programme zur Rehabilitation von Kindern, die Strahlenschäden nach der Katastrophe von Tschernobyl davongetragen haben. So ist in diesem Haus ein genialer Stuhl entwickelt worden, der es möglich macht, die vom Körper aufgenommene Strahlendosis zu messen und so die Therapie festzulegen. Ein anderes Projekt hilft Rollstuhlfahrern dabei, die nötige Geschicklichkeit zu erwerben, um selbständig ihr Leben fortzuführen. Andere Beispiele könnten angefügt werden, besonders im Blick auf die Antwort der Kirchen und lokalen christlichen Gemeinden auf die Situation der wachsenden Zahl von Menschen, darunter auch Kindern, die HIV-positiv sind. Ich erinnere mich insbesondere an ausgezeichnete Initiativen in Namibia oder Botswana. Ich bin sicher, dass jeder und jede von Ihnen noch weitere Beispiele anfügen könnte, die zeigen, wie zentral die Aufgabe "dem Leben zu dienen" für das Verständnis der Mission der Kirche heute ist.
4. Bei dieser Tagung gehen wir das Thema "Dem Leben dienen" aus einer spezifischeren Perspektive an, d.h. im Blick auf die Diskussion über Fragen der Biotechnologie und die Arbeit unter Menschen mit Behinderungen. Die beiden anderen Plenarsitzungen zum Thema Jugend und über die Region Lateinamerika werden einen eigenen Beitrag zum Nachdenken über das Hauptthema liefern. Das Thema "Dem Leben dienen" nötigt uns, vor allem wenn es in dieser Weise entfaltet wird, zum Nachdenken über viele der grundlegenden geistlichen und ethischen Fragen unserer Zeit, so wie sie vom Zentralausschuss bei seiner Sitzung im Jahr 1999 benannt worden sind. Darüber hinaus könnte sich diese Diskussion als ein Lernfeld erweisen, um ein neues "Ethos" des Ökumenischen Rates zu entwickeln. Auf allen Seiten, nicht zuletzt unter Menschen mit gesellschaftlicher oder politischer Verantwortung, wächst die Erwartung, dass die Kirchen den Mut finden, sich der geistlichen und moralischen Grundfragen unter den Menschen heute anzunehmen. Dies zeigte sich deutlich bei der Zusammenkunft des Weltsozialforums in Porto Alegre im Januar d.J. Und an dieser Stelle kann der ÖRK einen erkennbaren eigenen Beitrag leisten und tut es auch bereits; aber das nötigt dazu, eine Kultur des Dialogs und ein auf die Unterscheidung der Geister ausgerichtetes Ethos voranzutreiben und so über die tagespolitischen Auseinandersetzungen hinaus zu gelangen.
5. Die zwei spezifischen Beispiele, die ausgewählt worden sind, um die Diskussion über das Thema "Dem Leben dienen" zu eröffnen, konzentrieren sich auf menschliches Leben. Und in der Tat erheben sich heute grundsätzliche Fragen im Blick darauf, was es heißt, Mensch zu sein. Aber die Herausforderungen, die sich aus der Anwendung von Gentechnologie auf den Menschen und auch aus den Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen ergeben, sind nicht auf menschliches Leben allein begrenzt. Die Verwendung von Lebewesen für technologische Zwecke und die Manipulation von Lebensprozessen im Dienst von wirtschaftlichen Interessen sind ja bereits zu akzeptierten Verfahren geworden im Blick auf das Leben von Tieren und Pflanzen. Aber auch menschliches Leben ist nicht länger durch jene grundlegenden ethischen Überzeugungen geschützt, welche die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Lebens festhalten. Das geschieht immer dann, wenn Leben schlicht als ein Produkt des Evolutionsprozesses angesehen wird gemäß dem Darwinschen Prinzip der natürlichen Selektion und wenn diese Anschauung popularisiert wird durch die Behauptung, dass im Überlebenskampf nur der Stärkste gewinnen kann.
6. Die Fortschritte im Bereich der auf Menschen bezogenen Gentechnologie, d.h. pränatale Diagnostik, therapeutisches Klonen, Stammzellenforschung usw., aber auch die moralischen und spirituellen Auseinandersetzungen von Menschen mit Behinderungen im Blick auf ihren Platz in der menschlichen Gemeinschaft fordern die Kirchen in der ökumenischen Gemeinschaft heraus, ihr Verständnis des Menschen als von Gott geschaffen und des menschlichen Lebens als eine Gabe Gottes neu zu überdenken. Daraus ergeben sich zwei spezifische Fragen im Blick auf das biblische und theologische Verständnis von Leben. Erstens: Was ist die Bedeutung der Vorstellung, dass Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind? Und zweitens: Wie sollen wir die biblische Aussage verstehen, dass alle geschaffenen Lebewesen "gut" sind? Die vorläufige vom EDAN-Netzwerk unter dem Titel "Kirche aller" (Dok. PLEN 1.1) vorbereitete Erklärung, die Ihnen zugegangen ist, geht diese Fragen in neuartiger und eindringlicher Form an auf dem Hintergrund der Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen. Die hier entwickelten theologischen Überlegungen haben auch direkte Konsequenzen für die ethischen Herausforderungen, die sich im Bereich der Biotechnologie ergeben.
7. Ich erlaube mir daher einige Anmerkungen zu diesen beiden Aspekten der Diskussion. Erstens: Ich denke, dass wir die kritischen Fragen sehr ernst nehmen sollten, die aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen an die modernen Interpretationen der Erschaffung des Menschen nach dem Bilde Gottes gestellt werden. Diese Interpretationen dienen als Grundlage für die Anerkennung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen und damit zugleich als Ermutigung, die menschlichen Rechte in der Gesellschaft zu behaupten. Die Erklärung sagt dazu: "Diese Tendenz hat positive Auswirkungen gehabt, indem sie Menschen Achtung verschafft hat, die nicht weiß, nicht männlich, nicht frei von Behinderungen und nicht klug sind. Aber sie verstärkte auch das Vorurteil, dass wir eigentlich alle vollkommen sein müssten, weil wir doch nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Hier zeigt sich die Problematik des offenkundigen Mangels an begrifflicher Klarheit. Wie kann ein Mensch, der augenscheinlich körperliche oder geistige Defizite hat, nach Gottes Ebenbild geschaffen sein? Der modernistische Ansatz, der von den Menschenrechten ausgeht, mag zwar Einstellungen traditioneller Gesellschaften der Vergangenheit in Frage stellen, doch befördern die erfolgsorientierten Wertvorstellungen des modernen Individualismus eine Deutung des Ebenbildes Gottes, die, wie wir meinen, die Kernelemente christlicher Theologie außer Acht lässt" (Para. 25).
8. Da die meisten Bemühungen der Kirche um eine theologische Begründung der Menschenrechte von dieser Interpretation der Gottesebenbildlichkeit ausgehen, ist es wichtig, dass wir die Herausforderungen aufnehmen, die sich aus dem Nachdenken unter Menschen mit Behinderungen ergeben. Ihre Erklärung weist darauf hin, dass die biblische Tradition unsere moderne Vorstellung vom Individuum nicht kennt. Wenn die biblische Schöpfungsgeschichte von "adām" spricht, dann hat sie das ganze Menschengeschlecht im Auge. Und auch, wenn sie erklärt, dass alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, so sieht sie zugleich die ganze Menschheit gezeichnet durch den Ungehorsam des ersten Menschen, durch den "Sündenfall". In der mythologischen Sprache ihrer ersten Kapitel bringt die Bibel zum Ausdruck, dass die Beziehung zwischen den Menschen und ihrem Schöpfer grundlegend gestört ist. Die Frage, was es heißt, Mensch zu sein, kann erst dann beantwortet werden, wenn diese lebenspendende Beziehung zu Gott wiederhergestellt ist. Dies ist daher auch die Botschaft des Apostels Paulus in seinem typologischen Vergleich zwischen Adam und Christus (Röm. 5,12ff): Christus ist das wahre Ebenbild Gottes; in ihm ist die volle Bedeutung und Bestimmung menschlichen Lebens in Beziehung zu Gott wiederhergestellt worden.
9. Für Christen heißt das, dass sich ihr Verständnis von menschlichem Leben grundsätzlich an Jesus Christus orientiert als dem einen Menschen, in dem das wahre Ebenbild Gottes offenbart worden ist. Aber was durch Christus in Erscheinung tritt, ist nicht das vollkommene, erfolgreiche und mächtige Individuum, sondern vielmehr ein Bild der Verletzlichkeit, Schwäche und sogar Gebrochenheit menschlichen Lebens. Oder in positiver Wendung die Bekräftigung von Liebe und Gegenseitigkeit als Kennzeichen wahren menschlichen Lebens. Die Verletzlichkeit menschlichen Lebens ist eine Folge des Umstandes, dass es abhängig ist von Beziehungen wechselseitigen Vertrauens. Was wir die Heiligkeit und Unverletzlichkeit menschlichen Lebens nennen, verweist darauf, dass menschliches Leben seinen Sinn nicht in sich selbst trägt, sondern sich selbst und seine Würde letztlich nur in Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zu allem geschaffenen Leben erhalten kann. Diese Einsicht wird noch verstärkt, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass der Gott, dessen Bild alle Menschen tragen, der dreieinige Gott ist, d.h. die Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Das Wesen Gottes und daher auch das Bild Gottes ist Beziehung. Menschliches Leben als Leben in Beziehung ist eine Gabe Gottes wie alles geschaffene Leben. Sein Gabecharakter, in dem seine Heiligkeit wurzelt, bezieht sich nicht nur auf den Anfang des Lebens, sondern verwirklicht sich jeden Tag neu durch das Wirken des Geistes Gottes, den wir als den "Lebensspender" bekennen.
10. Dieses Verständnis der Heiligkeit menschlichen Lebens aufgrund seines Bezogenseins hat unmittelbare Konsequenzen für den Bereich der Biotechnologie. Es bedeutet, dass Menschen nicht einfach für andere Menschen verfügbar sind; sie dürfen nicht zu Mitteln für andere Zwecke gemacht oder rein wirtschaftlichen Interessen unterworfen werden. Wir sind heute unter den Einfluss eines ökonomistischen Wertesystems geraten, in dessen Rahmen alles zur Ware wird. Dies ist der entscheidende Punkt in der Diskussion in vielen Ländern und Kirchen über die ethischen Probleme im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Embryonen, die als Ergebnis einer In-vitro-Befruchtung entstanden sind, um daraus embryonale Stammzellen zu erhalten. Hier wird beginnendes menschliches Leben wie eine Ware behandelt, deren Wert sich bemißt im Vergleich zum Wert, der dem Schutz anderen menschlichen Lebens durch neue Formen der Therapie zugemessen wird. Ein anderes Beispiel ist die Patentierung menschlichen Lebens oder menschlicher genetischer Information. Für den Weisungsausschuss II ist ein Dokument unter dem Titel "Dem Leben dienen - Humangenetik" vorbereitet worden. Hier findet sich die kategorische Feststellung: "Alles Leben gehört letztlich Gott. Die Patentierung menschlichen Lebens steht im Widerspruch zu dieser Überzeugung."
11. Die zweite Frage, die in diesem Zusammenhang auftaucht, betrifft unser Verständnis der biblischen Aussage, dass alles geschaffene Leben "gut" sei. Angesichts von dualistischen oder apokalyptischen Neigungen zur Abwertung irdischen Lebens ist es wichtig, dass der christliche Glaube an der Aussage festgehalten hat, dass in den Augen Gottes die ganze Schöpfung unter Einschluss menschlichen Lebens "sehr gut" ist. Wo jedoch dieses Zeugnis des Glaubens umgewandelt wird zu einem Maßstab der Vollkommenheit, dem alles Leben entsprechen sollte, wird Gottes Wille verkehrt zu einer Quelle menschlicher Macht über das Leben. Menschen werden dann beurteilt, wieweit sie diesem Maßstab der Vollkommenheit entsprechen, ob ästhetisch, moralisch oder körperlich. Diejenigen, die aufgrund einer Behinderung oder eines anderen "Defektes" diesem gesellschaftlichen Maßstab vollkommenen menschlichen Lebens nicht entsprechen können, werden daher als überflüssig angesehen. Auf Eltern, die bereit sind, behinderte Kinder aufzuziehen, wird moralischer Druck ausgeübt. Neue Selektionstechniken, wie z.B. die pränatale genetische Diagnostik, bereiten den Weg für neue Formen von Eugenik. Wir müssen dringend eine neue lebensdienliche und lebensfördernde Kultur entwickeln, welche auch diejenigen einbezieht, die von anderen als behindert betrachtet werden.
12. Die Aussage, dass das Leben "gut" ist, soll den Wert und die Würde aller Menschen schützen. Sie kann jedoch gleichzeitig zur Quelle von tiefen inneren Qualen werden, insbesondere für Menschen mit Behinderungen. Behinderung ist traditionell als ein Mangel, eine Schwäche angesehen worden und daher als eine gewisse Minderung des vollen Menschseins. Die verschiedensten theologischen und gesellschaftlichen Interpretationen sind entwickelt worden, um Behinderungen zu verstehen und mit ihnen fertig zu werden. Aber sie alle beantworten nicht die quälende Frage: "Warum ich?" Die bereits zitierte vorläufige Erklärung enthält die folgende wichtige Beobachtung: "Eine Behinderung ist eine menschliche Befindlichkeit und als solche nicht eindeutig definierbar. Menschsein bedeutet, ein Leben führen, das von der guten Gabe der göttlichen Schöpfung, aber auch von der Gebrochenheit geprägt ist, die zum menschlichen Leben dazu gehört. In Behinderungen erfahren wir diese beiden 'Seiten' des menschlichen Lebens. Wenn wir Behinderungen aus einer dieser Perspektiven allein definieren wollen, leugnen wir die Uneindeutigkeit des Lebens und spalten unser Verständnis von Behinderungen in ontologischem Sinne künstlich in seinem Kern auf" (Para. 20).
13. Das "Gutsein des Lebens" sollte daher verstanden werden im Sinne einer Aussage über das, was Leben nach Gottes Willen sein und werden soll. Alle Menschen haben potenzielle Gaben, aber auch Grenzen. Die Schöpfung ist gut, aber endlich; gutes Lebens schließt seine Endlichkeit ein, denn alles Leben wird sterben. Aufgrund von Beziehungen durch das Leben in Gemeinschaft kann das, was für den Einzelnen eine Begrenzung oder Einschränkung ist, zu einer Gabe für andere in der Gemeinschaft werden. Wir sind für die Gemeinschaft geschaffen und dazu bestimmt, unsere jeweiligen Gaben wechselseitig zu fördern und anzuregen, so dass die von Gott gegebenen Möglichkeiten jedes Mitgliedes der Gemeinschaft verwirklicht werden und damit das Leben sich als gut erweisen kann. Wenn sie von der unerträglichen Vorstellung befreit sind, dem von Gott gewollten Gutsein menschlichen Lebens nicht zu genügen, dann können Menschen mit Behinderungen anfangen, sogar ihre Einschränkung als potenzielle Gabe für die Gemeinschaft zu verstehen. Sie können vor allem anderen dabei helfen, ihre Begrenzungen und ihre Endlichkeit anzuerkennen und zu akzeptieren, denn sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben erschüttert und auf den Kopf gestellt ist.
14. Dies ist daher auch das wichtigste Zeugnis über den Sinn des Lebens in der Perspektive des christlichen Glaubens, denn es erinnert uns daran, dass Gott in Jesus Christus die menschliche Wirklichkeit in ihrer Gebrochenheit und Verletzlichkeit angenommen hat, um sie zu erlösen. Der Tod Jesu am Kreuz, das Gebrochensein seines Leibes, ist für uns zum zentralen Symbol des Lebens geworden. Er kam, damit wir Leben in seiner ganzen Fülle haben (Joh. 10,10). Aber dieses Leben bleibt Gottes Gabe und wird niemals zu unserem Besitz. Wir empfangen und behalten diese Gabe, wie Paulus sagt, "in irdenen Gefäßen" (2. Kor. 4,7), in unseren sterblichen Leibern, angewiesen auf den immer neuen Atem des Lebens durch den Geist Gottes. Daher enthält das Zeugnis von Menschen mit Behinderungen "für uns eine Anfrage an unsere Kultur, in der (weniger als Gottes Ebenbild) ein weltliches Bild vorherrscht, in dem höchste Perfektion Wertschätzung genießt und Schwäche der Kritik ausgesetzt ist, in dem nur Stärke etwas gilt und Schwächen zugedeckt werden. Wir aber bezeugen in unserem Leben die zentrale Bedeutung und die Sichtbarkeit des Kreuzes" (Para. 63). - Ich weise Sie noch darauf hin, dass wir am Donnerstagmorgen zwei Plenarsitzungen haben werden mit Einführungen in das Thema "Dem Leben dienen"; dort werden wir ausreichend Gelegenheit zur Diskussion und zur Beratung über diese wichtigen Fragen haben.
Entwicklungen im ÖRK seit der letzten Tagung
15. Bevor ich mich der Diskussion über die Neugestaltung der ökumenischen Bewegung zuwende, halte ich es für meine Pflicht, Ihnen kurz Rechenschaft zu geben über die Bemühungen des Exekutivausschusses, der Amtsträger und des Stabes, auf die kritischen Herausforderungen zu antworten, denen wir im letzten Jahr gegenüberstanden. Die wichtigsten Einzelheiten finden Sie im "Bericht der leitenden Amtsträger/innen" (Dok. GEN 1), der Ihnen in Vorbereitung auf diese Tagung zugegangen ist. Große Teile des Berichts befassen sich mit Finanzproblemen und Fragen der internen Organisation, und die sehr kritische finanzielle Situation des ÖRK hat in der Tat unsere Aufmerksamkeit während dieses Jahres stark beansprucht. Die notwendigen Reduktionen von Haushalten, Programmen und Personal hatten zur Folge, dass wir ein weiteres Mal genötigt waren, die interne Organisation des Ökumenischen Rates anzupassen.
16. Natürlich hat sich diese Situation der Ungewissheit und der Trennung von geschätzten Kollegen und von wichtigen Arbeitsbereichen stark auf die Moral und die Motivation des Stabes ausgewirkt. Inzwischen haben wir mehr als sechs Monate in dem neuen Rahmen gearbeitet; die Verhältnisse haben begonnen, sich zu stabilisieren, und die Arbeit hat ihren neuen Rhythmus gefunden. Glücklicherweise scheinen die Bemühungen, die Finanzen des ÖRK in Einklang zu bringen mit dem vom Zentralausschuss im vergangenen Jahr festgelegten Haushaltsrahmen, erfolgreich gewesen zu sein, und die Vorausschätzungen sind einigermaßen ermutigend. Wir haben jedoch den Punkt des finanziellen Gleichgewichts noch nicht erreicht, und der Rückgang von Beiträgen zum Einkommen des Ökumenischen Rates ist noch nicht aufgehalten. Der Zeitraum bis zur nächsten Vollversammlung wird daher von entscheidender Bedeutung sein, und der Exekutivausschuss hat eine Reihe von wichtigen Empfehlungen für Ihre Beratung vorbereitet. Da ich meine Verantwortung bald in andere Hände lege, möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen an die Mitglieder der kleinen, im letzten Jahr ernannten Arbeitsgruppe, an die Vorsitzenden des Finanzausschusses und die leitenden Mitarbeiter im jetzigen und im vorangegangenen Finanzteam, die alle entscheidend zur Bewältigung der kritischen Situation beigetragen haben.
17. Der andere Punkt, an dem sich bei unserer letzten Tagung und auch darüber hinaus eine lebhafte und kontroverse Diskussion entwickelte, war der Bericht der Sonderkommission über orthodoxe Mitarbeit im ÖRK. Während der Tagung des Zentralausschusses entwickelte sich die intensivste Aussprache um die Frage des Namens und des Mandats des Ausschusses, der die Arbeit der Sonderkommission fortführen sollte; die anschließende Diskussion (in wenigstens einigen) der Mitgliedskirchen konzentrierte sich vor allem auf die Empfehlungen zum "gemeinsamen Beten" und die Überlegungen zur "Ekklesiologie". Das Ausscheiden von Bischöfin Dr. Margot Käβmann aus dem Zentralausschuss löste vielfältige Besorgnis aus, und es kam erschwerend hinzu, dass der volle Text des Berichts der Sonderkommission zur Zeit der Zentralausschuss-Sitzung zunächst nur im Internet zugänglich war und erst durch das Heft vom Januar 2003 der Ökumenischen Rundschau auch im Druck verfügbar wurde.
18. Inzwischen ist der Bericht ins Griechische, Russische und Arabische übersetzt worden, um die Diskussion in den orthodoxen Kirchen selbst anzuregen. Der Koordinierungsausschuss der Sonderkommission hat seine erste Sitzung in Neapolis/Thessaloniki Anfang Juni abgehalten in Verbindung mit einem Symposion, das von der theologischen Fakultät der Aristoteles-Universität in Thessaloniki veranstaltet wurde. Sie haben zusammen mit Ihren Vorbereitungspapieren den Bericht von dieser Sitzung erhalten (Dok. GEN 4); er lässt den Fortschritt in der Diskussion seit dem letzten Jahr erkennen. Der Koordinierungsausschuss war in der Lage, den Geist der Sonderkommission neu zu beleben, und er hat in Antwort auf einige Aspekte der kritischen Diskussion die Vision des Berichts noch einmal nachdrücklich unterstrichen, insbesondere im Blick auf die Fragen des gemeinsamen Betens; zugleich hat er jedoch eingeräumt, dass es der Sonderkommission wohl nicht gelungen sei, diese Vision in überzeugender Weise zu vermitteln. Darüber hinaus haben Sie einen Zwischenbericht über die Schritte in Richtung auf das Konsensverfahren (Dok. GEN 4.1) erhalten sowie eine Zusammenstellung der vorgeschlagenen Änderungen der Verfassung und des ersten Artikels der Satzung (Dok. GEN 4.2), über die bereits beim Zentralausschuss im letzten Jahr grundsätzliche Einigung erzielt wurde. Die Umsetzung der Empfehlungen der Sonderkommission und der Entscheidung des Zentralausschusses wird jedoch weiterhin unsere Aufmerksamkeit beanspruchen während der kommenden zwei Jahre bis zur Vollversammlung im Jahr 2006.
19. Ich habe mich persönlich um die Nacharbeit zum Bericht der Sonderkommission bemüht durch Besuche bei der Kirche von Griechenland im März 2002 und bei der russisch-orthodoxen Kirche im Juli d.J. Der Besuch in Griechenland gab mir Gelegenheit, nicht nur mit Seiner Seligkeit Erzbischof Christodoulos zusammenzutreffen, sondern auch mit dem Synodalausschuss für zwischenkirchliche Beziehungen. In beiden Begegnungen, ebenso wie in einem späteren Treffen mit Lehrern und Studenten der theologischen Fakultät der Universität Athen gab es deutliche Anzeichen, dass die Kirche von Griechenland der Arbeit und den Empfehlungen der Sonderkommission große Bedeutung beimißt und bereit ist, ihre Beteiligung am Leben des Ökumenischen Rates zu verstärken. Dies zeigt sich auch in der Tatsache, dass die Heilige Synode der Kirche von Griechenland den Ökumenischen Rat offiziell eingeladen hat, die nächste Weltmissionskonferenz, die für 2005 geplant ist, in Griechenland abzuhalten. Der Besuch im Juli bei der russisch-orthodoxen Kirche umfaßte ebenfalls kurze Aufenthalte in Kiev und in Minsk. In Moskau traf ich mit Seiner Eminenz Metropolit Kyrill und den leitenden Mitarbeitern des Auβenamts der russisch-orthodoxen Kirche zusammen, ebenso wie mit einer Gruppe von Intellektuellen, Politikern und Publizisten während einer Diskussionsrunde, die vom Auβenamt organisiert war. Die positive Einschätzung der Arbeit der Sonderkommission, welche die russisch-orthodoxe Kirche bereits im letzten Jahr zum Ausdruck gebracht hatte, wurde in diesen Gesprächen bestätigt, und ich gewann den deutlichen Eindruck, dass sich eine neue Haltung gegenüber dem ÖRK herauszubilden beginnt.
20. Vielleicht sollte ich noch eine letzte Bemerkung hinzufügen im Blick auf die intensiven ökumenischen Aktivitäten mit dem Ziel, eine gemeinsame Reaktion der Kirchen auf die Politik der US-Regierung und ihrer Alliierten zur Vorbereitung eines Krieges gegen Irak zu formulieren. Die Einzelheiten sind in den Dokumenten zu öffentlichen Angelegenheiten zusammengefasst (vgl. Dok. PUB 2 und 3). Während meiner Reise nach Asien im März d.J. besuchte ich ebenfalls Pakistan und Indonesien. In diesen beiden islamischen Ländern fiel mir auf, dass die einhellige Ablehnung der Kriegspolitik durch die christlichen Kirchen auf Seiten der muslimischen Bevölkerung mit großer Erleichterung aufgenommen wurde; man sah darin eine überzeugende Zurückweisung der von Samuel Huntington formulierten These vom "Kampf der Kulturen" und ihren gefährlichen Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen.
Neugestaltung der ökumenischen Bewegung
21. Im letzten Jahr beschloss ich meinen Bericht mit einer Analyse der Herausforderungen, denen sich die ökumenische Bewegung am Anfang des 21. Jahrhunderts gegenübersieht. Die Analyse führte mich zu der Schlussfolgerung, dass wir über eine "Neugestaltung der ökumenischen Bewegung für das 21. Jahrhundert" nachdenken müssen. Der Zentralausschuss reagierte positiv auf diese Überlegungen in Aufnahme einer Empfehlung des Weisungsausschusses I. In der Nacharbeit zu dieser Empfehlung fand eine Reihe von Konsultationen mit den wichtigsten ökumenischen Partnerorganisationen statt, um ihre Einstellung zu dem Vorschlag zu erkunden und die Formen ökumenischer Organisation, wie sie sich während der letzten vier Jahrzehnte entwickelt hatten, einer Überprüfung zu unterziehen. Unter den Ihnen zugesandten Vorbereitungsdokumenten für diese Tagung befand sich auch ein Bericht, der die bisherige Diskussion zusammenfaßt (vgl. Dok. GEN 10.1).
22. Im allgemeinen teilen die wichtigsten ökumenischen Partnerorganisationen des ÖRK die Ansicht, dass eine Überprüfung der Organisationsgestalt der ökumenischen Bewegung nötig und wünschenswert sein könnte, auch wenn nicht alle dies in gleicher Weise für dringlich halten. Während einer Retraite der Staff Executive Group kam es zu einem intensiven Prozess der internen Auswertung, der sich fortsetzte während der Week of Meetings mit dem gesamten Stab. Daraus ergab sich der Vorschlag, der ÖRK solle eine Zusammenkunft mit einer kleinen Gruppe von erfahrenen Ökumenikern aus den verschiedenen Partnernetzwerken einberufen, d.h. den regionalen ökumenischen Organisation, den nationalen Kirchenräten, den christlichen Weltgemeinschaften, Hilfswerken und internationalen ökumenischen Organisationen, zusammen mit Mitgliedern der Leitungsgremien des ÖRK. Das Ziel dieser Zusammenkunft sollte es sein, die wichtigsten Herausforderungen zu analysieren, die Optionen für Veränderungen zu diskutieren und ein Memorandum vorzubereiten, das dann als Grundlage dienen könnte für einen Konsultations- und Studienprozess mit dem Ziel, den beteiligten Organisationen einen konkreten Vorschlag zu unterbreiten. Die Anregung zu einer solchen Zusammenkunft war ursprünglich enthalten in einem Brief des Heads of Agencies Network (HOAN) vom April d.J., gerichtet an die Amtsträger des ÖRK. Bei ihrer Sitzung im Mai erklärten die Amtsträger ihr Einverständnis mit dem Vorschlag, und der Moderator, Seine Heiligkeit Aram I., sprach eine Einladung aus, die Zusammenkunft, die im November d.J. stattfinden soll, in Antelias, Libanon, durchzuführen (für Einzelheiten vgl. Dok. GEN 10).
23. Der ÖRK ergreift diese Initiative nicht aus institutionellem Eigeninteresse, sondern in Wahrnehmung des Mandats in der Verfassung, das den ÖRK auffordert, "die Kohärenz der einen ökumenischen Bewegung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen" zu fördern und zu bewahren (ÖRK-Verfassung, Art. III). Die Rolle des ÖRK als Einberufer für diesen Reflexionsprozess ist von allen Partnern in den bisherigen Gesprächen bestätigt worden. Im Verlauf der Beratungen ist außerdem darauf hingewiesen worden, dass die Vereinten Nationen sich einer ähnlichen Herausforderung im Blick auf die Tragfähigkeit ihrer überkommenen Organisationsgestalt gegenübersehen. Die Nötigung zu Veränderungen ergibt sich insbesondere aus der raschen Ausbreitung des Prozesses der Globalisierung und seiner Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit des internationalen Systems. Regierungen und zwischenstaatliche Organisationen haben Schwierigkeiten, ihre Arbeitsweise anzupassen, und es ist eine intensive Suche im Gang nach neuen Formen von "global governance". Die spezifischen Probleme, denen sich das System der Vereinten Nationen gegenübersieht, sind denen sehr ähnlich, die uns in der ökumenischen Bewegung begegnen: Finanzknappheit, zunehmender Bilateralismus, wachsende Konkurrenz zwischen UN-Organisationen und den Aktivitäten von Nicht-Regierungsorganisationen und die Haltung von Regierungen gegenüber dem Einfluss von Organisationen der Zivilgesellschaft auf die Neugestaltung der internationalen Ordnung. Es gibt eine allgemeine Neigung, auf die Herausforderungen durch pragmatische Organisations- und Strukturänderungen zu reagieren in der Hoffnung, durch die Einführung "lockerer, leichterer und flexiblerer Strukturen" an "Relevanz" zu gewinnen. Das Weltsozialforum propagiert zwar das Motto "eine andere Welt ist möglich", aber bislang gibt es noch keine klare Vision, die hinausreicht über die wachsende Kritik an der neo-liberalen Ideologie, die als Antriebskraft für den Prozess der Globalisierung gedient hat.
24. Eine Neugestaltung der ökumenischen Bewegung sollte offenkundig dem Ziel dienen, sie zu stärken in ihrer Fähigkeit, die weltweite christliche Gemeinschaft zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst in der Welt des 21. Jahrhunderts zu bewegen. Die ökumenische Bewegung ist nicht ein Selbstzweck, sondern sie antwortet auf eine gemeinsame Berufung, die sich ergibt aus Gottes Absicht, in Christus eine neue menschliche Gemeinschaft zu schaffen. Auf diesen Ruf Gottes zu antworten ist nicht eine Option unter anderen, sondern ist ein im Evangelium wurzelnder Imperativ. Jede solche Zielformulierung geht natürlich von einer Reihe von Annahmen aus, die genauer entfaltet und diskutiert werden müssen. Es ist nicht meine Absicht, an dieser Stelle eine normative Definition der ökumenischen Bewegung vorzulegen. Vielmehr möchte ich Sie auf das Kapitel 2 des CUV-Dokuments verweisen, das die verschiedenen Formulierungen sichtet, die im Lauf der ökumenischen Diskussion vorgetragen worden sind, um die Ziele der ökumenischen Bewegung zu beschreiben. Das CUV-Dokument widmet sich sehr bewusst den Fragen über die Ziele der ökumenischen Bewegung, bevor es in Kapitel 3 auf das Selbstverständnis des ÖRK eingeht. Es unterstrich die wechselseitige Abhängigkeit und Zusammengehörigkeit der ökumenischen Visionen, wie sie in Joh. 17,21 ("dass sie alle eins seien …damit die Welt glaube") und in Eph. 1,10 (Gottes "Ratschluss, … wenn die Zeit erfüllt wäre, dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist") ausgedrückt sind. Das Dokument stellte jedoch ebenfalls "ein kontinuierliches Spannungsverhältnis und bisweilen sogar Unvereinbarkeit zwischen denen, die sich für die soziale Dimension der Ökumene stark machen, und denen, die die geistliche und kirchliche Dimension der Ökumene in den Vordergrund stellten" fest. Auf diesem Hintergrund schlägt das CUV-Dokument dann einige "grundlegende Unterscheidungen und Erkennungsmerkmale" vor als gemeinsame Grundlage und Ausgangspunkt für alle, die sich in der ökumenischen Bewegung engagieren (vgl. Para. 2.8). Der vorgeschlagene Konsultationsprozess müsste erweisen, wieweit diese Einschätzungen gültig sind.
25. Die Frage der Zielbestimmung der einen ökumenischen Bewegung muss daher zwar im Verlauf der Diskussion über eine Neugestaltung erörtert werden. Es sollte jedoch von Anfang an klar sein, dass die ökumenische Bewegung von einer Vision geleitet und Werten verpflichtet ist, die mit den in unserer globalisierten Welt herrschenden Werten in Konflikt kommen können. Die ins Auge gefasste Neugestaltung muss daher geeignet sein, die Vision aufrecht zu erhalten und zu stärken und eine größere Kohärenz auf der Grundlage der Werte zu erreichen, von denen die ökumenische Bewegung durchdrungen ist. Wir können uns nicht mit einer pragmatischen und funktionalen Anpassung von Strukturen begnügen, um die Zusammenarbeit zu erleichtern und effektiver zu machen. So wichtig für die verschiedenen Partnerorganisationen die Frage der finanziellen Grundlage sein mag, so geht es dabei doch nur um einen Aspekt im Zusammenhang des umfassenden Zieles, das Profil einer wertorientierten ökumenischen Bewegung zu stärken. Das Ziel sollte darin bestehen, die Partner zusammenzuführen, um einen Kernbestand von Werten und Überzeugungen und so das Bewusstsein einer gemeinsamen Mission zu stärken; das wird eine Einigung über die notwendigen institutionellen und strukturellen Veränderungen erleichtern.
26. Mit dem CUV-Prozess hat der ÖRK seinerseits den Versuch unternommen, seine ökumenische Vision zu artikulieren und zu beschreiben, wie er seine Rolle und seinen Platz in der weiteren ökumenischen Bewegung versteht. Das CUV-Dokument hat einen Wandel in der institutionellen Ausrichtung des ÖRK eingeleitet. Es erkennt den polyzentrischen Charakter der ökumenischen Bewegung an. Es versteht den ÖRK als eine "Gemeinschaft von Kirchen" auf dem Weg zur Koinonia in Glauben und Leben, Zeugnis und Dienst. Das hat organisatorische Konsequenzen. Als Institution übernimmt der ÖRK die Aufgabe, die Kohärenz der ökumenischen Bewegung zu fördern, ohne gleichzeitig eine zentrale Kontrollfunktion für sich zu beanspruchen. Neuerdings hat die Sonderkommission über orthodoxe Mitarbeit im ÖRK ihre Vision von einem Rat formuliert, "der die Kirchen in einem ökumenischen Raum zusammenführt:
· wo Vertrauen aufgebaut werden kann;
· wo die Kirchen ihr Weltbild, ihr soziales Engagement, ihre liturgischen und lehrmäβigen Traditionen hinterfragen und weiterentwickeln können, wo sie einander begegnen und ihr Miteinander vertiefen können;
· wo Kirchen die Möglichkeit haben, Netzwerke der Anwaltschaft und der diakonischen Dienste aufzubauen und miteinander ihre materiellen Ressourcen zu teilen;
· wo Kirchen im Dialog daran arbeiten können, die Schranken niederzureißen, die ihnen den Weg zur gegenseitigen Anerkennung als Kirchen versperren, welche den einen Glauben bekennen, die eine Taufe und die eine Eucharistie feiern - mit dem Ziel, zu einer Gemeinschaft im Glauben, im sakramentalen Leben und im Zeugnis zu werden" (Para. 11).
27. Die Vorstellung von einem "ökumenischen Raum", die sich die Sonderkommission zu eigen gemacht hat, ist in den Überlegungen zur Neugestaltung der ökumenischen Bewegung und zur Bestimmung der Rolle des ÖRK in diesem Prozess zunehmend wichtig geworden. Der Studienprozess über "Ekklesiologie und Ethik" sprach vom ÖRK als "Raum-Bereiter" (space-maker). In methodischer Hinsicht heißt das, dass die Rolle des Ökumenischen Rates darin besteht, den Prozess zu inspirieren und anzuregen. Aber die Bedeutung dieser Vorstellung geht über Fragen der Methode hinaus. Vielmehr kommt darin eine grundsätzliche Wertorientierung zum Ausdruck: zugunsten von Multilateralismus vs. Bilateralismus, zugunsten eines konziliaren Modells von Ökumene gegenüber dem konfessionellen Modell, zugunsten offener Partizipation statt der Forderung nach institutioneller Mitgliedschaft, zugunsten eines weit gefassten Verständnisses von Ökumene gegenüber der Konzentration auf eine Ökumene der Kirchen als organisierter Körperschaften. Das bedeutet vor allem, dass die lokalen und globalen Ausdrucksformen der ökumenischen Bewegung in einem "Raum" zusammengehalten werden.
28. Die legitimen Partner in diesem sich anbahnenden Gespräch sind alle diejenigen, die ungeachtet ihrer jeweiligen Beziehung zum ÖRK die grundlegenden Glaubensüberzeugungen anerkennen, wie sie in der Basisformel des ÖRK ausgedrückt sind, und die darin übereinstimmen, dass die Kirchen trotz ihrer institutionellen Begrenzungen die Hauptakteure in der ökumenischen Bewegung sind. Sie sollten ebenfalls anerkennen, dass die Einheit der Kirche, die missionarische Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt und das aktive Engagement für Diakonie und Dienst im Interesse von Frieden und Gerechtigkeit miteinander verbundene Ausdrucksformen der ökumenischen Berufung sind. Das zur Zeit laufende Gespräch über ein "globales christliches Forum" beruht auf diesem Einverständnis und kann wichtige Hinweise bieten für den beginnenden Austausch über eine Neugestaltung der ökumenischen Bewegung. Vor allem brauchen wir unter den Teilnehmenden an diesem Gespräch eine Haltung der Offenheit für den Wandel und die Bereitschaft, die jeweiligen institutionellen Ansprüche durch solche Begegnungen in Frage stellen zu lassen.
29. Die Partner/innen in diesem Gespräch sind offensichtlich sehr verschieden. Im Zentrum stehen die Kirchen selbst. Sie sind bereits durch vielfältige Netzwerke von Kooperation und Beziehung miteinander verbunden: christliche Weltgemeinschaften, regionale ökumenische Organisationen, nationale Kirchenräte, Missionsgemeinschaften wie CWM, CEVAA und UIM, und Kirchengemeinschaften wie Leuenberg, Porvoo usw. Diese bereits existierenden Netzwerke sind durch mehrfache Mitgliedschaft und (manchmal) miteinander konkurrierende Anforderungen an die Kirchen charakterisiert. Darüber hinaus haben wir es zu tun mit einer wachsenden Zahl von kirchennahen Organisationen oder Werken im Bereich von Mission, Diakonie und Dienst. Viele von ihnen sind als unabhängige Nicht-Regierungsorganisationen organisiert und daher nicht organisch mit den kirchlichen Strukturen verbunden oder in sie integriert. Ein erheblicher Teil ökumenischer Aktivität wird durchgeführt mit Hilfe von Zuschüssen dieser Organisationen. Drittens gibt es eine Menge internationaler ökumenischer Organisationen und christlicher Vereine, Initiativen, Gruppen und Netzwerke ausgerichtet auf eine spezifische Aufgabe oder mit einem breiteren ökumenischen Engagement. Die ältesten unter ihnen sind die Weltvereinigungen der christlichen Vereine junger Männer und der christlichen Vereine junger Frauen ebenso wie der Christliche Studentenweltbund; viele andere sind jedoch in jüngerer Zeit hinzu gekommen.
30. Dieser kurze Überblick über die Partner lässt erkennen, dass die ökumenische Bewegung über die Beziehungen zwischen den Kirchen als organisierten Körperschaften hinausreicht. Die Zukunft der ökumenischen Bewegung kann nicht den Kirchen alleine überlassen bleiben. Offensichtlich reicht sie auch über die dem Ökumenischen Rat gemäß seiner Verfassung gezogenen Grenzen hinaus. Das Ziel einer Neugestaltung besteht nicht darin, die ökumenische Bewegung zu zentralisieren und alles unter die Kontrolle des ÖRK zu bringen. Der ÖRK sollte und wird in erster Linie eine "Gemeinschaft von Kirchen" bleiben, die danach trachten, ihre Beziehungen in Richtung auf die volle Koinonia in Glauben und Leben, Zeugnis und Dienst zu vertiefen. Mitgliedschaft im ÖRK schließt ein, dass die Kirchen eine feste Verpflichtung füreinander übernehmen und wechselseitige Rechenschaftspflichtigkeit praktizieren. Der ÖRK sollte jedoch weiterhin den Raum bereit halten, in dem ökumenische Aufgaben und Ziele in Kooperation zwischen einer größeren Gruppe von Partnern über die institutionellen Kirchen hinaus verfolgt werden können. Das Auswahlprinzip hier ist nicht Mitgliedschaft, sondern Partizipation.
31. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es wenigstens drei Gruppierungen von Partnerorganisationen gibt um die Grundprobleme von Einheit, Mission und Diakonie/Dienst herum. Jede dieser Gruppierungen steht im Austausch mit ihrer eigenen "Klientel" und hat ihre eigenen Methoden entwickelt. Wir können nicht länger davon ausgehen, dass sie alle unter der institutionellen Kontrolle des ÖRK geleitet und koordiniert werden sollten, d.h. mit Hilfe von Kommissionen, die im Wesentlichen aus Kirchenvertretern zusammengesetzt sind. Wir brauchen offenkundig ein neues Leitungsmodell, das zwar die Integrität des ÖRK bewahren sollte, aber gleichzeitig die breitere Partizipation von Partnerorganisationen erleichtern und ihr besonderes Profil respektieren sollte. Die konziliaren Körperschaften auf den verschiedenen Ebenen hätten die Aufgabe, die Verknüpfung zwischen den lokalen und den globalen Ausdrucksformen von Ökumene zu gewährleisten. Der ökumenische Raum sollte die Werte von konziliarer Gemeinschaft verkörpern, welche die entschiedenste Antwort der Kirchen auf die Herausforderungen der Globalisierung ist.
Schluss
32. Dies war mein letzter Bericht an den Zentralausschuss. Als ich meine Arbeit als Generalsekretär vor nahezu elf Jahren begann, meinte ich deutlich zu sehen, dass der Ökumenische Rat und die ökumenische Bewegung im Ganzen sich in einer Periode des Übergangs befanden. Ich wollte meinen Beitrag leisten zur Suche nach einem neuen Selbstverständnis und einer neuen Vision des Rates und so auf die veränderte Situation von Kirche und Gesellschaft zu antworten. Ich habe mich nach Kräften auf diese Aufgabe konzentriert, und ich bin dankbar für das, was durch die gemeinsamen Anstrengungen von vielen erreicht worden ist. Ich sah freilich nicht voraus, in welchem Maße diese Bemühung überschattet werden würde von der sich verschlechternden finanziellen Situation mit allen ihren Auswirkungen auf die institutionelle Funktionsfähigkeit des Rates. Ich bin jedoch erleichtert darüber, dass ich meine Verantwortung in einem Moment an einen Nachfolger übergeben kann, wo es Anzeichen gibt, dass die größten Schwierigkeiten hinter uns liegen.
33. Zum Schluss meines Berichtes möchte ich Ihnen allen, den Amtsträgern und meinen Kollegen, besonders den Mitglieder der Staff Leadership Group, meinen Dank aussprechen. Ich habe gerne und mit Freude während dieser Jahre für den Ökumenischen Rat gearbeitet, und ich habe dabei von Ihnen vielfältig Unterstützung und Herausforderung erfahren. Ich habe mich bemüht, meine Aufgaben und Ihre Erwartungen so gut ich konnte zu erfüllen. Sollte ich dabei jemanden verletzt oder enttäuscht haben, so bitte ich um Verzeihung. Das Leben des ÖRK und die ökumenische Berufung sind für mich zum zentralen Bezugspunkt meines kirchlichen Dienstes geworden, und mein Engagement wird nicht aufhören, wenn ich meine gegenwärtige Aufgabe beende. Ich war mir stets deutlich bewusst, auf den Schultern derer zu stehen, die uns vorangegangen sind. Und denjenigen, die nun die konkreten Aufgaben übernehmen, gilt meine Fürbitte und die Zusicherung meiner Unterstützung für erfolgreiche Arbeit. Vor allem aber habe ich volles Vertrauen in die Zukunft, denn die Bewegung, an der wir teilhaben, liegt letztlich in Gottes Händen, und Gott wird vollenden, was wir aus der Hand haben geben müssen. Gott sei Lob und Dank.

