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Dokument-Datum:  3.09.2002

Ökumenischer Rat der Kirchen
ZENTRALAUSSCHUSS
Genf, Schweiz
26. August - 3. September 2002

Bericht des Vorsitzenden

Wichtige Aspekte der Globalisierung, die sich auf die Kirche auswirken / Das Selbstverständnis der Kirche in einer Globalisierten Welt / Zu einer Erneuerung und neuen Akzentuierung der Katholizität der Kirche / Katholizität als Ruf zu einem neuen missionarischen Engagement / Die Kirche als Konvergenzpunkt von theozentrischer Katholizität und anthropozentrischer Katholizität / Einheit der Kirche als Zeichen der Einheit der Ökumene / Vom „Raum“ zum „Haushalt“ / Ausblick

1. Der Ökumenische Rat der Kirchen wurde von der Achten Vollversammlung beauftragt, die Herausforderung der Globalisierung ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen. Bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema hat der Rat sich bisher primär auf die wirtschaftliche Globalisierung konzentriert. Dieser Ansatz ist jedoch zu eng. Der Einfluss der Globalisierung auf Leben und Zeugnis der Kirchen wächst mit jedem Tag. Der Rat muss umgehend damit beginnen, einen ekklesiologischen Rahmen und eine Perspektive für eine umfassende ökumenische Antwort auf die Globalisierung zu entwickeln.

2. Zwei Faktoren haben mich dazu veranlasst, mich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Erstens werden Sie sich vielleicht erinnern, dass der Zentralausschuss 1999 vier thematische Schwerpunkte für die Programmarbeit des Rates im Anschluss an die Vollversammlung in Harare festgelegt hat. Zwei dieser Schwerpunkte - „Kirchesein“ und „Gemeinsames Zeugnis und gemeinsamer Dienst inmitten der Globalisierung“ - scheinen mir dabei besonders wichtig zu sein. Zweitens wird morgen eine Plenarsitzung des Zentralausschusses der Präsentation von „ Das Wesen und die Bestimmung der Kirche“ gewidmet sein, einer Studie von Glauben und Kirchenverfassung, deren Ziel es ist, eine gemeinsame ekklesiologische Erklärung auszuarbeiten. Eine zusammenhängende Reflexion über diese thematischen Schwerpunkte und die Studie von Glauben und Kirchenverfassung könnte die Elemente für eine ekklesiologische Antwort auf die Frage der Globalisierung liefern. Ziel meines Berichtes ist es, diese Reflexion in Gang zu setzen. Wichtige Aspekte der Globalisierung, die sich auf die Kirche auswirken.

3. Die Globalisierung prägt unser Leben als Einzelne und als Gemeinschaften sowie die Beziehungen innerhalb und zwischen Religionen, Gesellschaften und Staaten. Sie stellt eine komplexe Wirklichkeit mit widersprüchlichen Implikationen dar. Sie führt zu Spaltung und Interaktion, zu Zersplitterung und Ganzheit, Spannungen und Zusammenhalt, Polarisierung und Integration. Sie schafft zunehmend instabile, unkontrollierbare und unhaltbare Bedingungen in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Wie beeinflusst die Globalisierung heute das „Kirchesein“ der Kirche?

3.1. Globalisierung schafft gegenseitige Verbindungen. Die Globalisierung hat eine Netzwerkgesellschaft entstehen lassen, in der fast alle menschlichen Gruppen „online“ miteinander und mit der ganzen Welt verbunden sind. Mikrochips, Satelliten, Faseroptik und andere Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnologie werden diese gegenseitigen Verbindungen zunehmend intensivieren.

3.2. Globalisierung stärkt die Integration, indem sie menschliche, geographische, kulturelle, wirtschaftliche, religiöse Grenzen etc. beseitigt. Trotz dieses Prozesses nehmen Nationalismus, Rassismus und Fremdenhaß ständig zu.

3.3. Globalisierung zerstört Gemeinschaften, indem sie die Menschen von ihrem Umfeld und ihrer Geschichte entfremdet. Dadurch zerstört sie ihre Identität, Werte, Traditionen und Lebensstile.

3.4. Globalisierung „homogenisiert“ Kulturen. Sie führt zu einer größeren kulturellen Uniformität, indem sie lokale Kulturen zerstört. Diese kulturelle Uniformität schafft eine globale „Monokultur“, die religiöse Symbole, Werte und Traditionen herabwürdigt und die Art und Weise, wie Menschen sich selbst sehen, wie sie miteinander kommunizieren und wie sie andere beurteilen, verändert.

3.5. Globalisierung führt zu einer Machtverlagerung von nationalen zu multinationalen und transnationalen Einrichtungen. Produktivität ist ihr wichtiger als Rechenschaftspflicht, mit dem Ergebnis, dass das Mitspracherecht der Menschen und die Rolle der Zivilgesellschaft geschwächt werden.

3.6. Globalisierung vertieft die Ungleichheit, indem sie die gerechte Verteilung der Ressourcen verhindert. Regierungen, die sich den Zwängen der freien Marktwirtschaft beugen, sind nicht in der Lage, für die entsprechenden sozialen und politischen Strukturen zu sorgen. Dies führt zu wachsender Armut und sozialer Ausgrenzung, die wiederum das Problem des Rassismus, der Diskriminierung und der Intoleranz verschärfen.

3.7. Globalisierung veranlasst die Menschen, den Kapitalströmen über Landesgrenzen und Regionen hinaus zu folgen. Da diese Mobilität kulturelle, religiöse und politische Konflikte heraufbeschwört, ist die Migration zu einem drängenden Weltproblem geworden.

4. Globalisierung ist ein unumkehrbarer Prozess. Wir sind Teil dieses Prozesses und werden permanent davon beeinflusst. Wie sollte die Kirche auf die damit einhergehenden Herausforderungen reagieren? Harare stellte dazu Folgendes fest: “Wenn wir auch der Globalisierung als einer Lebenstatsache nicht aus dem Weg gehen können, sollten wir uns nicht von der dahinter liegenden Vision gefangennehmen lassen.“ Klaus Wilkens (Hrsg.), Gemeinsam auf dem Weg, Offizieller Bericht der Achten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1999, S.302 Wir sollten sie weder unkritisch bejahen noch blind ablehnen. Wir müssen eine Haltung des kritischen Realismus einnehmen und, wie Harare es ausgedrückt hat, aus der „Perspektive des Glaubens“ heraus darauf reagieren. Wie kann die Kirche die Globalisierung, ausgehend von den Ressourcen ihres Glaubens und ihrer geschichtlichen Erfahrung und in kritischer Interaktion mit ihr, neu gestalten und neu ausrichten und gleichzeitig ihre eigenen Wahrnehmungen, Postulate und Verhaltensweisen neu bewerten und definieren. Ich glaube, dass dies eine zentrale Frage ist, mit der die Kirche sich intensiv auseinandersetzen muss. Deshalb muss jede ökumenische Antwort auf die Frage der Globalisierung mit einer ekklesiologischen Reflexion beginnen, die sich mit dem „Kirchesein“ im Kontext der heutigen Welt befasst.


Das Selbstverständnis der Kirche in einer Globalisierten Welt

5. Die Globalisierung zwingt uns zu neuen Formen des „Kircheseins“ und beeinflusst auch das Selbstverständnis der Kirche. Die Frage lautet nicht, was konstitutiv zum Kirchesein dazugehört, sondern, wie die Vollversammlung in Harare es ausgedrückt hat, “wie wir unseren Glauben im Kontext der Globalisierung leben“. idem, S. 302 Was bedeutet „Kirchesein“ in einer Gesellschaft ohne Grenzen? Das ist die drängendste Frage und kritischste Herausforderung, der die Kirchen sich in ihrem Ringen um eine ökumenische Antwort auf die Globalisierung stellen müssen. Die Globalisierung stellt unsere engen ekklesiologischen Überzeugungen und erstarrten Wahrnehmungen in Frage und fordert uns dazu heraus, eine umfassende und kritische Prüfung unseres ekklesiologischen Selbstverständnisses vorzunehmen. Meines Erachtens müssen wir dabei folgendermaßen vorgehen:

5.1. Wir müssen von einem statischen zu einem dynamischen Kirchenkonzept übergehen. Unsere Ekklesiologien waren bisher affirmativ, deskriptiv und reaktiv. Bei der Ausprägung unseres ekklesiologischen Selbstverständnisses waren wir primär um Abgrenzung bemüht und haben die zwischen uns bestehenden Unterschiede zur Selbstverteidigung gegen andere benutzt. Dieser Ansatz, der unsere Kirchen nahezu selbstgenügsam hat werden lassen, hat gleichzeitig zu ihrer Selbstisolierung geführt. Die meisten unserer ekklesiologischen Lehren stammen noch aus bestimmten geschichtlichen Epochen und haben heute keine Bedeutung mehr. Die Kirche kann nicht auf eine Institution reduziert werden, die allein mit ihrer Selbstperpetuierung beschäftigt ist. Wir alle haben eine Geschichte und Tradition voller Ambivalenzen und bitterer Erfahrungen. Wir können die Vergangenheit nicht vergessen. Und genauso wenig können wir das Dilemma, in dem wir uns gegenwärtig befinden, ignorieren. Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit der Kirche werden heute ernsthaft in Frage gestellt. Zudem kann die Kirche ihre Theologie, Lehre und Liturgie nicht länger als Schutzschild gegen das Eindringen neuer Realitäten und Werte benutzen, die durch die Kräfte der Globalisierung geschaffen werden. Wir müssen eine dynamische Ekklesiologie entwickeln, die die Kirche gegenüber ihrem Umfeld und der ganzen Welt öffnet; wir müssen eine ganzheitliche Ekklesiologie entwickeln, die das Selbstverständnis der Kirche in einer breiten Perspektive und in Beziehung, nicht im Gegensatz zu anderen, definiert; und wir müssen eine offene, zugewandte Ekklesiologie entwickeln, die die konkreten Lebensbedingungen und die Hoffnungen und Anliegen der Menschen ernst nimmt.

5.2. Wir müssen die Ortsgemeinde (local church) schützen und transzendieren. Die Kirche ist wesenhaft eine lokale Wirklichkeit. Das Neue Testament charakterisiert die Kirche als eucharistische Versammlung von Christen an einem bestimmten Ort. Die Globalisierung hat den Begriff des Lokalen radikal verändert. Das Lokale ist heute keine abgegrenzte Wirklichkeit mehr. Enge zwischenmenschliche Beziehungen über geographische, kulturelle und konfessionelle Schranken hinweg haben neue Bindungen geschaffen und neue Identitäten entstehen lassen; deshalb hat die Ortsgemeinde viel von ihrer traditionellen Bedeutung verloren. Die Ortsgemeinde muss ihre Integrität und Spezifizität bewahren. Das ist von zentraler Bedeutung, da sie eine Grundvoraussetzung unserer ekklesiologischen Lehren darstellt. Aber sie muss offen gegenüber der globalen Wirklichkeit bleiben. Die Kirche darf nicht „von Ephesus“ sein, sie muss „in Ephesus“ sein (1. Kor 1,2; 2. Kor 1,1; Eph 1,1). Der römisch-katholischen Kirche mag es aufgrund ihrer universalen Struktur und ihrer in gewisser Weise transnationalen Identität gelingen, mit der Spannung zwischen Lokalem und Globalem angemessen umzugehen. Aber die orthodoxen Kirchen und viele der historischen protestantischen Kirchen werden sich in einer schwierigen Situation wiederfinden, wenn sie ihr ekklesiologisches Selbstverständnis nicht dahingehend neu definieren, dass einerseits der lokale Charakter der Ortsgemeinde als geographische wie auch als menschliche Wirklichkeit gestärkt wird und dass andererseits die Ortsgemeinde über ihre Grenzen hinauswächst, indem sie durch ihre Diaspora Teil der globalen Wirklichkeit wird. Die Globalisierung wird das vorherrschende Kirchtumdenken, den Provinzialismus und den Nationalismus in unseren Ekklesiologien in Zukunft noch stärker in Frage stellen. Um dieser Herausforderung zu begegnen, wird die Ortsgemeinde in kreative Wechselbeziehung mit der globalen Wirklichkeit treten müssen; sie sollte ihr Leben und ihre Mission so umgestalten, dass sie zu einem integralen Bestandteil des universalen Gottesvolkes wird; und sie sollte den Begriff des Lokalen im Blick auf ihr multiethnisches, multikulturelles und multikonfessionelles Umfeld neu definieren.

5.3. Wir müssen die Integrität und Bestandfähigkeit der kirchlichen Gemeinschaft gewährleisten. Durch die Auflösung lokaler Gemeinschaften und die Förderung einer Mono-Gesellschaft bewirkt die Globalisierung, dass zwischenmenschliche Beziehungen auf globaler Ebene hergestellt und auf lokaler Ebene zerstört werden. Die Cyber-Gesellschaft bedroht Identität, Integrität und Bestandfähigkeit der kirchlichen Gemeinschaft. Christsein ist keine „private Angelegenheit“, sondern findet Ausdruck in einer Gemeinschaft des Glaubens. Eine ÖRK-Konsultation, die vor kurzem zu dem Thema „Religiosität ohne Zugehörigkeit“ stattgefunden hat, stellte dazu fest: “Die westliche Erfahrung von Kirche macht es den Menschen möglich zu glauben, ohne dazuzugehören, und dazuzugehören, ohne zu glauben.“ http://www.wcc-coe.org/wcc/news/press/02/08feat-g.html Harare erinnerte uns daran, dass „die Logik der Globalisierung durch ein alternatives Lebenskonzept, nämlich der Gemeinschaft in Vielfalt, in Frage gestellt werden muss“. Harare, S. 303 Wir können nicht wirkliche Gemeinschaft herstellen, indem wir Menschen einfach miteinander in Verbindung bringen. Wir müssen eine Gemeinschaft aufbauen, deren Bestandfähigkeit und Integrität durch ethisch-moralische und geistliche Werte garantiert ist. Unsere Ekklesiologie sollte das Gefühl der Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft des Glaubens vertiefen. Die Kirche ist das Christusereignis, das Ausdruck in der koinonia des Glaubens findet. Wie kann die Kirche modernen Gesellschaften ein Gefühl der Sinnhaftigkeit, Identität und festen Ausrichtung vermitteln? Wie kann die Kirche als Gabe Gottes zu einer integrativen Gemeinschaft werden, in der Vielfalt geschützt, Gleichheit gewährleistet, Beteiligung und Rechenschaftspflicht gefördert werden? Wie kann die Kirche als koinonia dazu beitragen, umfassendere Gemeinschaften aufzubauen, die von gemeinsamen ethischen Werten zusammengehalten werden?

5.4. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Kirche sich nach außen öffnet. Die Globalisierung erschüttert die institutionellen Grundlagen und Ausdrucksformen des christlichen Glaubens. Sie stellt die ethnozentrische Identität, die hierarchischen Strukturen und die Formen der Kirchenleitung in Frage. Neue christliche Gemeinschaften werden gegründet, neue Erscheinungsformen des Christentums treten zutage und neue Formen des „Christseins“ entwickeln sich in allen Teilen der Welt. Die institutionelle Kirche verliert insbesondere im Westen an Bedeutung, während das Interesse an Spiritualität und privat gelebtem Christentum steigt. Die Kirche muss in einen intensiven Prozess der Selbstanalyse und Selbstdefinition eintreten. Die Kirche ist keine erstarrte Institution; das „Kirchesein“ wird bestimmt durch das „Christsein“. Und für viele Christen ist das „Christsein“ heute nicht dadurch bestimmt, dass sie Mitglied einer Kirche sind oder dass sie ihren Glauben in der institutionellen Kirche zum Ausdruck bringen. Vor einigen Jahren beklagte sich ein Pastor meiner Kirche in den USA bei mir darüber, dass seine Gemeindeglieder zu der „christlichen Versammlung“ nebenan gehen, weil diese – nach seinen eigenen Worten - „attraktiver ist“. Ich fragte ihn, warum er seine Kirche nicht attraktiver mache und warum er die Kirche nicht zu den Leuten nach draußen bringe. Sieht so nicht die Wirklichkeit in den meisten unserer Kirchen aus? Der Graben zwischen der Kirche und den Menschen wird größer. Die Kirche kann die Glaubenserfahrungen, die die Menschen außerhalb ihrer Tore machen, nicht einfach ignorieren. Katholische Fülle und charismatisches Handeln reichen über ihre kanonischen und strukturellen Grenzen hinaus. Die institutionelle Kirche verliert nicht nur ihre Mitglieder, sondern auch ihren Einfluss in der Gesellschaft. Die Kirche muss nicht nur eine ganzheitliche und offene Ekklesiologie haben, sondern auch ihren rigiden Institutionalismus und ihr blindes Kirchtumdenken überwinden und nach neuen Wegen und neuen Modellen des „Kircheseins“ suchen, um eine offene, zugewandte Kirche zu werden, eine Kirche des Volkes und für das Volk.


Zu einer Erneuerung und neuen Akzentuierung der Katholizität der Kirche

6. Die Globalisierung stellt die Kirche vor die Herausforderung, die ihr innewohnende Katholizität neu zu bekräftigen und zum Ausdruck zu bringen. Viele der heutigen Theologen und Theologinnen argumentieren, dass wir versuchen sollten, die Globalisierung aus der Perspektive der Katholizität der Kirche zu sehen und zu beurteilen. Mit Katholizität ist nicht geographische Ausbreitung oder institutioneller Universalismus gemeint; sie bezeichnet vielmehr einen dynamischen Prozess, in dem der dreieinige Gott seine Schöpfung ständig erschafft, erlöst und erfüllt. Katholizität gehört zum Wesen der Kirche und ihrer ökumenischen Vision. Uppsala hat Katholizität als „die Eigenschaft (beschrieben), durch welche die Kirche die Fülle, die Integrität und die Totalität des Lebens in Christus zum Ausdruck bringt“ Norman Goodall (Hrsg.),/Walter Müller-Römheld (deutsche Ausgabe), Bericht aus Uppsala 68, Ökumenischer Rat der Kirchen, Genf 1968, S. 10 und die in allen Aspekten des kirchlichen Lebens zum Ausdruck kommen muss. Während Katholizität Gottes Gabe an die Menschheit und an die Schöpfung ist, ist Globalisierung eine anthropozentrische Realität. Zwischen beiden bestehen qualitative Unterschiede im Hinblick auf ihr Wesen, ihre Reichweite und Vision. Die Kirche ist aufgerufen, ihre Katholizität zu erneuern, indem sie den Globalisierungsprozess einer kritischen Prüfung unterzieht. Die ökumenische Bewegung kann den Kirchen mit ihrer Vision von der oikoumene helfen, die Katholizität der Kirche in einem veränderten globalen Kontext neu zu verstehen. In einem solchen Prozess müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt werden:

6.1.Öffnung des Lokalen zum Globalen hin. Katholizität findet ihren vollen und authentischen Ausdruck in der Ortsgemeinde. De facto ist die Ortsgemeinde nicht ein Teilstück der katholischen Kirche und die katholische Kirche nicht die Summe der Ortsgemeinden. Die bekannte Aussage des Hl. Ignatius von Antiochien, dass „die katholische Kirche dort ist, wo Christus ist“, ist auch heute noch gültig und relevant. Es gibt keine „lokale Katholizität“ oder „globale Katholizität“, sondern nur eine Katholizität, die sowohl auf lokaler wie auch auf globaler Ebene Ausdruck findet.. Die Katholizität der Kirche beruht auf Christus und nicht auf ihren Mitgliedern oder ihrer geographischen Ausdehnung. Katholizität ist nicht eine Frage der Geographie oder der Strukturen, sondern ist Lebensqualität in Christus. Die Ortsgemeinde muss versuchen, ihre Katholizität an jedem und an allen Orten in voller Gemeinschaft mit den Kirchen an allen Orten und zu allen Zeiten zu verwirklichen. Keine Ortsgemeinde kann für sich allein katholisch sein. Im Gegensatz zur Globalisierung zerstört Katholizität nicht das Lokale; hingegen lehnt sie die Selbstgenügsamkeit der Ortsgemeinde ab und ruft sie auf, lokale Enge mit ihrer Selbstbezogenheit und Ausgrenzung anderer abzulegen und sich in eine offene und integrative Gemeinschaft auf Ortsebene zu verwandeln. Katholizität bedeutet nicht Universalisierung der Ortsgemeinde durch universale Strukturen. Sie ist vielmehr die von Gott verliehene Eigenschaft der Kirche, die das universale und lokale Wesen der Kirche zusammenhält und die Kirche weiter wachsen und auf Gottes Zukunft zugehen lässt. Die Eucharistie ist die Quelle und der Ort, wo die Kirche ihre Katholizität lebt und aktualisiert, da die Eucharistie alle Christen an jedem und an allen Orten miteinander verbindet. vgl. John Meyendorff, Catholicity and the Church, New York 1983, S. 91 Das Konzept der „Katholizität im Raum“ und der „Katholizität in der Zeit“ (Hl. Irenäus) idem, S. 91f gewann in der altkirchlichen Ekklesiologie besondere Bedeutung. Diese beiden Dimensionen der Katholizität stehen in Wechselbeziehung zueinander; die orthodoxe Kirche hat den Schwerpunkt jedoch immer auf die eucharistische Katholizität und die qualitative Katholizität gelegt. In diesem Zusammenhang siehe auch Nikos A. Nissiotis, „The Church as a Sacramental Vision and The Challenge of Christian Witness“, in Church, Kingdom, World, G. Limouris (Hrsg.), Faith and Order papers 130, Genf 1986, S. 99-126 Denn mit ihrem eucharistischen Wesen und ihrer eschatologischen Vision führt die Katholizität die Ortsgemeinde in der Kraft des Heiligen Geistes über ihre geographischen Grenzen, ihre institutionelle Gefangenschaft, ihre ethnisch-kulturelle Verkörperung und alle Formen menschlicher Begrenzungen hinaus. Daher sind das eucharistische Verständnis der Katholizität und das katholische Verständnis der Eucharistie wesentlich für das kirchliche Selbstverständnis als globale und eschatologische Wirklichkeit.

6.2. Bewahrung der Vielfalt und Stärkung der Ganzheit. Als Gabe Gottes setzt Katholizität Fülle, Ganzheit und Vielfalt voraus; sie umfaßt alle Menschen, Zeit und Raum. Globalisierung lehnt Vielfalt ab und erzwingt Uniformität; Katholizität bewahrt Vielfalt und stärkt den Zusammenhalt in einem integrierten Ganzen. Globalisierung fördert Zentralismus; Katholizität bejaht Polyzentrismus. Globalisierung zerstört Gemeinschaft; Katholizität schafft und erhält Gemeinschaft und Ganzheit. Globalisierung schließt und grenzt aus; Katholizität gewährleistet Fülle der Gemeinschaft des Glaubens und ruft zur Teilnahme des ganzen Volkes Gottes (einschließlich der Unterdrückten und Ausgebeuteten, der Ausgegrenzten und Behinderten) am Leben der Kirche auf. So geht die Katholizität von der Basis aus, indem sie Gemeinschaft aufbaut und allen Raum bietet, um geistlich und moralisch in Freiheit zu wachsen, während die Globalisierung von oben ausgeht und ihre eigenen Ziele, ihr System und ihre Lebensweise aufzwingt. Unsere Kirchen sollten daran arbeiten, das allumfassende und gemeinschaftsbezogene Wesen der Spiritualität neu zu entdecken, das Vielfalt und Zusammenhalt, Partikularität und Ganzheit gewährleisten kann. Die orthodoxe Spiritualität mit ihrer starken Betonung der inneren Verbundenheit von Heiligem und Säkularem, von Imminenz und Transzendenz kann diese ganzheitliche Perspektive bieten.

6.3. Solidarität und Miteinanderteilen. Katholizität stellt die Selbstgenügsamkeit der Ortsgemeinden in Frage und fordert sie zu der Einsicht heraus, dass sie zusammengehören und einander brauchen und dass sie trotz kultureller, ethnischer und geographischer Spaltungen untrennbar miteinander verbunden und integraler Bestandteil des einen Leibes Christi sind. Katholizität ist nicht Besitztum einer einzelnen Kirche; als Gabe Gottes gewinnt sie erst dann Authentizität, wenn sie an jedem und an allen Orten gelebt und mit anderen Kirchen geteilt wird. Auf diese Art und Weise stärkt Katholizität die gegenseitigen Beziehungen und die Interaktion zwischen den Ortsgemeinden und schafft kirchliche Interdependenz zwischen ihnen, indem sie ihr Gemeinschaftsgefühl vertieft und ihnen einen globalen Rahmen für ihr gemeinsames Beten, Nachdenken und Handeln gibt. Interaktion, gegenseitige Beziehungen und Interdependenz sind auch Merkmale der Globalisierung. Aber im Gegensatz zur Globalisierung basiert Katholizität auf einer Lebensqualität, die von Solidarität und Miteinanderteilen, von gegenseitiger Stärkung und Rechenschaft getragen wird. Katholizität baut eine Gemeinschaft auf, deren ganzes Leben und Zeugnis von ihrer eschatologischen Vision geprägt sind. Solidarität und Miteinanderteilen sind in der Katholizität nicht einfach Konzepte oder Methoden, sondern Gaben des Geistes, die das ganze Leben der Kirche durchdringen. Diese Gaben müssen Ausdruck finden in einer Qualität des Lebens und des Zeugnisses, die alle Formen und Manifestationen von Abgrenzung, Ausgrenzung und Diskriminierung in Frage stellt.

6.4. Zusammenwachsen zu konziliarer Gemeinschaft. Die konziliare Gemeinschaft der Ortsgemeinden an jedem Ort ist die Grundlage der Katholizität. Konziliarität drückt sich in eucharistischer Gemeinschaft und Einheit im Glauben aus. Sie lehnt Egozentrismus ab und manifestiert Katholizität in sichtbarer Weise. Die Vollversammlung in Nairobi hat dies klar zum Ausdruck gebracht: “Die eine Kirche ist als konziliare Gemeinschaft von Gemeinden (local churches) zu verstehen, die ihrerseits tatsächlich vereinigt sind. In dieser konziliaren Gemeinschaft hat jede der Gemeinden zusammen mit den anderen volle Katholizität...“ Hanfried Krüger und Walter Müller-Römheld (Hrsg.) Bericht aus Nairobi 1975, Offizieller Bericht der Fünften Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1976, S. 26 Somit würde eine neue, verstärkte Hinwendung zur Konziliarität der Kirche einen dynamischen Rahmen bieten, um die Katholizität der Kirche sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene zum Ausdruck zu bringen, und diese Manifestation der Katholizität würde ihrerseits die Kirche dazu herausfordern, „konziliare Formen des Lebens und Handelns“ zu entwickeln, die in gemeinsamer Andacht und Entscheidungsfindung, in der Gemeinschaft des Glaubens , gegenseitiger Verpflichtung und Rechenschaft Ausdruck finden. Glauben und Kirchenverfassung – Löwen 1971, Genf 1971; S.226f; Walter Müller-Römheld (Hrsg.) Im Zeichen des Heiligen Geistes, Bericht aus Canberra.1991, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1991, S.174
Zum Thema der Konziliarität siehe auch mein Buch Conciliar Fellowship. A Common Goal. ÖRK.Verlagsbüro, Genf 1991 Durch ihre Strukturen und konziliaren Prozesse und durch den ÖRK als globale, präkonziliare Gemeinschaft versucht die ökumenische Bewegung, den Kirchen zu helfen, konziliare Gemeinschaft auf lokaler, regionaler und globaler Ebene aufzubauen. Obwohl Glauben und Kirchenverfassung viel Zeit und Energie in die ökumenische Debatte über konziliare Gemeinschaft investiert hat, glaube ich, dass die ökumenischen Überlegungen zur Konziliarität überdacht und in einem neuen Rahmen vertieft werden müssen.


6.5. Entwicklung einer integrativen Vision von Katholizität. Katholizität ist nicht nur ein Merkmal der Kirche. Da sie im göttlichen Mysterium wurzelt und zu Gottes Heilsplan für die Welt gehört, entzieht sie sich allen Systemen, die Menschenwerk sind, und transzendiert alle Strukturen. Die Kirche kann die Globalisierung nicht einfach ignorieren. Sie muss sie ihrer dynamischen Vision von Katholizität unterordnen. Diese integrative Vision von Katholizität liefert der Kirche klare Kriterien, um Hochmut und Arroganz der Globalisierung kritisch zu hinterfragen. Daher muss die Kirche ihre ökumenische Vision von Katholizität schärfen, die durch ethnische, kulturelle und konfessionelle Faktoren verwischt worden ist. R. J. Schreiter hat Recht, wenn er sagt: “Ein neues und umfassenderes Konzept von Katholizität könnte sehr gut als theologische Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung dienen“. Robert J. Schreiter, The New Catholicity: Theology between the Global and the Local, Orbis, New York 1997, S. 128 Ich glaube, dass orthodoxe Ekklesiologie, Eschatologie, Christologie und Pneumatologie mit ihrer allumfassenden und alles einschließenden Sichtweise eine Schlüsselfunktion bei der Stärkung des integrativen Konzepts von Katholizität spielen können.

6.6. Katholizität ist sowohl eine gegebene Wirklichkeit als auch ein Prozess: die Kirche ist katholisch und wird doch fortschreitend katholisch. Katholizität ist eine ontologische wie auch eine funktionale Realität; sie ist eine „Gabe“, eine „Aufgabe“ und ein „Engagement“, wie Uppsala es beschrieben hat. op.cit., S. 10 Als „Gabe“ macht die Katholizität es möglich, dass die Kirche sich selbst als Teil eines Ganzen sieht; als „Aufgabe“ lässt sie die Kirche zu einer Wirklichkeit werden, die in die Welt gesandt ist; und als „Engagement“ fordert sie die Kirche dazu heraus, ihre missionarische Berufung zu erfüllen.

Katholizität als Ruf zu einem neuen missionarischen Engagement

7. Durch ihr Verständnis von Katholizität als „Aufgabe“, als „Ruf“ und als „Engagement“ hat die ökumenische Bewegung die Katholizität in eine missionarische Perspektive gestellt. Das ist für mich von zentraler Bedeutung, da die Kirche so gezwungen ist, eine eschatologische Vision für ihre missionarische Aufgabe zu entfalten und nach vorne zu schauen. Katholizität stellt einen Ruf an die Kirche dar, ihre missionarische Berufung inmitten der Globalisierung zu erneuern. Die Vollversammlung in Harare hat die Kirchen nachdrücklich dazu aufgerufen, „angesichts der zunehmenden Globalisierung und der dahinter stehenden Wertvorstellungen Gottes Absicht für die Welt zu bezeugen und ihr konkrete Gestalt zu geben“. op. cit., S. 270 In diesem Zusammenhang ist es wichtig, folgende Punkte hervorzuheben.

7.1. Die Kirche ist wesenhaft eine missionarische Wirklichkeit. Mission ist das esse der Kirche, die „bis an der Welt Ende“ gesandt ist (Mt 28, 20; Apg 1, 18), um Zeugnis von Gottes Versöhnung, Heilung und Verwandlung der Menschheit und der Schöpfung abzulegen. In gewisser Weise erschafft die Mission die Kirche. Sie gibt der Kirche eine klare Identität und Bestimmung. Als von Gott erteilte Aufgabe sollte die Mission immer im Mittelpunkt des kirchlichen Selbstverständnisses stehen. In Gottes Heilsplan „existiert die Kirche nur in Beziehung zum gemeinsamen Schicksal der Menschheit und der ganzen Schöpfung.“ Das Wesen und die Bestimmung der Kirche, Studiendokument von Glauben und Kirchenverfassung,, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2000, S. 63 Es kann keine Mission ohne Kirche und keine Kirche ohne Mission geben. „Kirche sein“ ist keine abstrakte Formulierung, sondern impliziert „Kirche werden“. Diese zwei unverzichtbaren Dimensionen der Kirche voneinander zu trennen, stellt eine ekklesiologische Häresie dar: „Kirche sein“ bedeutet, sich für das Leben einzusetzen, Versöhnung zu verwirklichen, diakonische Arbeit zu leisten, die Machtlosen zu stärken und für Frieden in Gerechtigkeit zu kämpfen. Es bedeutet, das zu werden, wozu die Kirche berufen ist: die Vorwegnahme des Reiches Gottes. Ein solches missionarisches Verständnis von Kirche führt die Kirche über ihren geographisch festgelegten Ort, ihre kulturellen und institutionellen Grenzen hinaus und macht sie zu einer globalen Wirklichkeit. Missionarische Arbeit bringt sowohl die quantitative als auch die qualitative Dimension der Katholizität zum Ausdruck, da sie alle Kirchen in der einen Mission Gottes zusammenführt und sie daran teilhaben lässt. Aus orthodoxer Sicht ist die Eucharistie ein missionarisches Geschehen, in dem das eschaton Wirklichkeit und die Kirche in ein Abbild des Reiches Gottes verwandelt wird. Dadurch wird die eucharistische Versammlung zum Ausgangspunkt der Mission. Es ist signifikant, dass die orthodoxe Kirche eucharistische Ekklesiologie und missiologische Ekklesiologie seit jeher als ein zusammengehöriges Ganzes gesehen hat. Dies ist ein Erbe der Urgmeinde. Die ökumenische Bewegung erinnert uns zusätzlich an die dynamische Wechselbeziehung, die in der Mission zwischen koinonia, diakonia und kerygma besteht.

7.2. Die Mission der Kirche ist in der missio Dei begründet. Mission ist eine Ausdrucksform und nicht eine Funktion der Kirche. Die Kirche hat keine eigene Mission; sie nimmt teil an Gottes Mission. Mission ist Gottes unaufhörliche Selbstentäußerung, durch die er in der Kraft des Heiligen Geistes die gefallene, geschundene Schöpfung neu erschafft, verwandelt und erneuert. Gottes Wille ist es, alle Völker kraft des Heiligen Geistes in einer lebendigen Einheit in Christus zusammenzuführen. Die Kirche ist Gottes missionarisches Werkzeug für die Erfüllung seines Heilsplans für die Welt. Sie ist in die Welt gesandt, um die Gottesherrschaft zu verkündigen, indem sie „das Salz“, das „Licht“ und das „Leben“ der Welt wird und eine mit Gott versöhnte, moralisch und geistlich gefestigte Gesellschaft gestaltet. Die Kirche ist die Fortführung von Christi Mission, die er an seine Jünger weitergegeben hat. Daher muss die Mission im sozio-politischen Kontext der Welt angesiedelt sein. Die Kirche darf die Welt mit ihren Ambivalenzen und Polarisierungen, mit ihren Konflikten und bösen Mächten nicht links liegen lassen. Die Mission der Kirche als Werkzeug der Mission Gottes besteht darin, die Welt zu befreien, menschlicher zu machen und zu verwandeln. Sakramentale Natur und eschatologische Dimension der Mission sind grundlegende Voraussetzung für das Verständnis von der Katholizität des Wesens der Kirche und ihrer missionarischen Berufung. Die Katholizität ist tief in der Teilhabe der Kirche an der missio Dei verwurzelt. Die missionarische Berufung der Kirche wird ihre Erfüllung finden, wenn Gottes Heilsplan für die Welt vollendet ist.

7.3. Mission: das lokale und globale Engagement der Kirche. Mission ist sowohl das nach innen gerichtete als auch das nach außen gerichtete Handeln der Kirche. Es ist die Selbstverwirklichung der Kirche in Zeit und Raum. Mission beginnt mit der Eucharistie, aber alle, die Befreiung von den Mächten des Bösen und des Todes suchen, müssen die Gute Nachricht kennen lernen und mit anderen teilen. Jesus Christus trug seinen Jüngern auf: “Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker...“ (Mt 28, 19). Die Mission der Kirche hat keine festgelegten Grenzen; sie transzendiert Grenzen und Begrenzungen und erstreckt sich auf die ganze Welt. In der missionarischen Arbeit der Kirche entsteht eine enge Verbindung zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Mission ist das globale Engagement der lokalen Kirche. Die missionarische Arbeit, mit der die Kirche das Heilshandeln Christi weiterführt, bringt sowohl qualitative als auch quantitative Katholizität konkret und global zum Ausdruck. Das Evangelium spricht ganz klar von der Universalität der Erlösung. Christus selbst hat sich als Messias bezeichnet, der das zerstreute Volk Gottes sammelt. Die Jünger wurden von Christus mit diesem Auftrag in die Welt gesandt. Die Kirche ist das sichtbare Zeichen und Werkzeug des Heilsplans Gottes für die ganze Welt.

7.4. Unsere ökumenischen Bemühungen um ein gemeinsames ekklesiologisches Verständnis müssen von einem gemeinsamen missionarischen Engagement begleitet sein. Ziel dieses Engagements ist es, das Evangelium zur Fleisch gewordenen Wirklichkeit im Leben globalisierter Gesellschaften werden zu lassen. Die ganze Welt ist dringend auf die befreiende Kraft des Evangeliums angewiesen, die die Welt menschlicher macht. Die ökumenische Bewegung hat die Kirchen ermutigt, von der „Mission in sechs Kontinenten“ zu der „Mission in der Welt“ überzugehen. Sie muss die Kirchen auch weiterhin an ihre missionarische Aufgabe erinnern und sie dazu herausfordern, von einer kirchenzentrierten Mission zu einer missionszentrierten Kirche überzugehen. Mission ist die Pilgerreise des Gottesvolkes zu seinem eschatologischen Ziel.

Die Kirche als Konvergenzpunkt von theozentrischer Katholizität und anthropozentrischer Katholizität

8. Unter dem starken Einfluss der Globalisierung scheint die Menschheit in einem einzigen geschichtlichen Prozess zu konvergieren. Einige sehen jedoch voraus, dass dieser Prozess im Konflikt enden wird. Als Christen glauben wir, dass die Menschheit und die Schöpfung in der Verheißung des Reiches Gottes leben; wir sind daher aufgerufen, „nach dem Reich Gottes zu trachten“ (Mt 6, 33). Katholizität bietet der Kirche den Raum und die eschatologische Vision, um - als Zeichen, Sakrament, Werkzeug und Vorgeschmack des Reiches Gottes - der Konvergenzpunkt theozentrischer Katholizität und anthropozentrischer Katholizität (oder menschlicher Globalisierung) zu werden. Uppsala hat erklärt, dass Katholizität „die Kirche in ihrer Einheit befähigt, zum Sauerteig in der Gesellschaft zu werden für die Erneuerung und Einheit der Menschheit“. Daher „brauchen die Kirchen eine neue Offenheit für die Welt mit ihrem Streben, ihren Leistungen, ihrer Ruhelosigkeit und ihrer Verzweiflung. Dies wird ganz besonders deutlich in einer Zeit, in der die Technik die Menschen in eine einzige säkulare Kultur hineinführt“. op. cit., S. 10 und 15 Die Kirche lebt mit dieser Vision und ringt um sie.

8.1. Geschichte und Eschaton wirken in der Kirche zusammen. Die Kirche ist sowohl eine geschichtliche als auch eine eschatologische Gemeinschaft. Sie stellt eine konkrete Wirklichkeit in Zeit und Raum wie auch eine eschatologische Wirklichkeit dar, die die Geschichte transzendiert und zur messianischen Verheißung und Hoffnung hinführt. Das eschaton ist mit der Auferstehung und dem Pfingstfest in die Geschichte eingetreten. Damit werden das Horizontale und das Vertikale in der Kirche zusammengeführt und die geschichtlichen und eschatologischen Dimensionen der Kirche treten in der Eucharistie in enge Wechselbeziehung. Die Eucharistie verwandelt das eschaton im geschichtlichen Kontext in eine dynamische Wirklichkeit und in eine Vision, die das Leben der Kirche erbaut und ihr hilft, über sich selbst hinauszugehen. Das christliche Konzept der Eschatologie ist dialektischer Natur; es bringt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen: Das Reich Gottes ist bereits gekommen, es kommt jetzt und es wird in seiner ganzen Fülle kommen. Gottes kairos verwandelt den menschlichen chronos. Die Eschatologie führt die Geschichte zum eschaton. Aber die kreative Spannung zwischen Geschichte und Eschatologie, zwischen „schon“ und „noch nicht“, zwischen „hier und jetzt“ und dem eschaton wird bis zur „Vollendung aller Dinge“ in Christus fortdauern.

8.2. Gottes Globalisierung bezieht menschliche Globalisierung ein. Gott wurde der ganzen Menschheit in Christus offenbart; in Christus „ist alles zusammengefasst, was im Himmel und auf Erden ist,“ (Eph 1,10) und Menschheit und Schöpfung gehen gemäß dem göttlichen Heilsplan ihrer Vollendung entgegen. Diese grundlegende biblische Aussage ist von den Kirchenvätern, die nicht nur die Menschheit, sondern auch den ganzen Kosmos als Einheit im Erlösungswerk Gottes in Christus angesehen haben, immer wieder hervorgehoben worden. Christus selbst hat ja Gottes Globalisierung, das Reich Gottes, eingeleitet. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass Gottes Offenbarung in der Heiligen Schrift von Israel auf die ganze Menschheit und vom Reich Gottes in Zion auf das Reich Gottes, das die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung umfaßt, ausgeweitet wird. Während menschliche Globalisierung Uniformität begünstigt, schafft Gottes Katholizität eine integrierte und kohärente Vielfalt. Globalisierung schafft gegenseitige Verbindungen und Abhängigkeit zwischen „allen Dingen“; Katholizität führt „alle Dinge“ in eine neue Beziehung zu Gott. Uppsala erinnert uns: „...gerade in dieser Welt lässt Gott die Menschen durch den Dienst Christi in der Kirche Katholizität empfangen. Der Plan Christi ist, Menschen aller Zeiten, aller Rassen, aller Orte und in allen Verhältnissen durch den Heiligen Geist unter der universalen Vaterschaft Gottes in eine organische und lebendige Einheit in Christus zu führen.“ Gleichzeitig macht Uppsala uns darauf aufmerksam, dass die Welt auf ihre eigenen „säkularen Katholizitäten“ verweist und ihre eigenen Instrumente hervorgebracht hat, die „anscheinend oft wirksamer sind als die Kirche“. op. cit., S. 13 und 15 Gottes ganzheitliche und eschatologische Katholizität mit ihrer Kraft zur Verwandlung schließt menschliche Globalisierung ein und integriert sie in ihre Vision und ihre dynamischen Prozesse. Wir müssen dieses einzigartige Kennzeichen der Katholizität neu entdecken, das tief in der biblischen Theologie verwurzelt ist und einen wichtigen Aspekt der altkirchlichen Ekklesiologie darstellt. Gottes Katholizität, die er der Menschheit in Christus geschenkt hat, und anthropozentrische Katholizität, die Menschenwerk ist, sind grundsätzlich verschieden. Sie werden in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen bleiben, bis die gebrochene und verzerrte Katholizität der Welt wiederhergestellt und Eingang in Gottes Katholizität gefunden hat. Eine Neubesinnung auf Katholizität und Eschatologie könnte der Kirche entscheidend dabei helfen, ihre ganzheitliche Vision von der Menschheit, die in Gott vereint und versöhnt ist, über die vielfältigen Ausdrucksformen des Glaubens und der Kulturen hinaus zu bekräftigen. Das ist eine wichtige und dringende Aufgabe, vor der die ökumenische Bewegung heute steht.

8.3. Menschheit, Schöpfung und Reich Gottes kommen in der Kirche zusammen. Die Bibel versteht die Welt als ein zusammengehöriges Ganzes: alles, was im Himmel und auf Erden ist, wird im eschaton in Christus zusammengefasst (Eph 1,10). Die Kirche ist das Abbild der kommenden Menschheit; sie ist die neu erschaffene Schöpfung. Mit den Worten des Hl. Origenes ist die Kirche „der Kosmos des Kosmos“. Die Eucharistie ist das Sakrament des Gottesreiches; sie offenbart, aktualisiert und kommuniziert das Reich Gottes. In orthodoxer Sicht müssen Menschheit und Schöpfung in eucharistischer und eschatologischer Perspektive gesehen werden. Aufgrund ihrer eucharistischen und eschatologischen Ekklesiologie glauben die Orthodoxen nicht, dass die Kirche nur eine geschichtliche und horizontale Wirklichkeit ist. Sie glauben, dass die Kirche ein fortlaufender Prozess des Werdens ist, der seine Vollendung in der Parousie finden wird. Die eucharistische und eschatologische Vision der Kirche führt die Kirche über die Ambivalenzen der Geschichte hinaus und macht sie offen für das Reich Gottes. Die orthodoxe Liturgie ist eine lebendige und bereichernde Erfahrung dieser dynamischen Wirklichkeit. Die Kirche ist Gottes Werkzeug, das die Aufgabe hat, die Versöhnung und Gemeinschaft aller Menschen und der Schöpfung im Reich Gottes herbeizuführen. Vladimir Lossky beschreibt die Kirche als Konvergenzpunkt von Menschheit, Schöpfung und Reich Gottes: „Die Kirche ist der Mittelpunkt des Universums, der Bereich, in dem das Schicksal der Welt bestimmt wird. Alle sind aufgerufen, Teil der Kirche zu werden, denn, wenn der Mensch ein Mikrokosmos ist, dann ist die Kirche ein macro-anthropos, wie Maximus sagt. Im geschichtlichen Prozess wächst sie und nimmt alle in sich auf; sie versammelt die Auserwählten in ihrem Schoß und vereint sie mit Gott. Die Welt wird alt und gerät in Verfall, während die Kirche vom Heiligen Geist, der die Quelle ihres Lebens ist, immer wieder verjüngt und erneuert wird. Zu der von Gott vorherbestimmten Zeit, wenn die Kirche die Fülle ihres Wachstums erreicht hat, wird die äußere Welt ihre Lebensgrundlagen aufgebraucht haben und untergehen. Die Kirche aber wird in ewiger Herrlichkeit als Reich Gottes hervorgehen.“ Vladimir Losskiy,The Mystical Theology of the Eastern Church, New York 1976, S. 178 Die Kirche ist die messianische Versammlung, die Versammlung aller Völker in Christus (Mt 28, 19; Gal 3,8). Die allzu starke Betonung des institutionellen Charakters der Kirche hat das eschatologische Wesen der Kirche zum großen Teil untergraben. Petros Vasiliadis sagt zu Recht, dass „die Kirche (in der orthodoxen Ekklesiologie) ihre Identität nicht daraus ableitet, was sie ist oder was ihr als Institution gegeben wurde, sondern aus dem, was sie sein wird, d.h. aus dem eschaton.“ Petros Vasiliadis, Eucharist and Witness – Orthodox perspectives on the Unity and Mission of the Church, ÖRK, 1998, S. 14 Die Kirche ist „in“ der Welt, aber nicht „von“ dieser Welt (Joh 17); sie ist Teil des Heilsplans Gottes für die Zukunft. Mit ihrer Vision von Katholizität und Eschatologie ringt die Kirche darum, diesen Heilsplan Wirklichkeit werden zu lassen. Diese Vision stärkt das Leben, die Hoffnung und den Glauben der Kirche. Gottes Katholizität wird ihre eschatologische Erfüllung in der Einheit der ganzen Menschheit finden. Wir müssen daher das eschatologische Wesen und die eschatologische Vision der Kirche neu entdecken. Wir müssen auch die pneumatologische Dimension der Ekklesiologie neu betonen. Denn es ist der Heilige Geist, der die Katholizität der Kirche über ihre institutionellen Grenzen hinaus führt und ihr eine kosmische Dimension gibt. Ein solcher Ansatz wird einen wichtigen Beitrag zur Antwort der Kirche auf die Globalisierung leisten.

Einheit der Kirche als Zeichen der Einheit der Ökumene

9. Mit ihren technologischen Fortschritten, ihrer wirtschaftlichen Integration und kulturellen Vereinheitlichung bringt die Globalisierung der Welt eine Einheit, die von Uniformität, Unipolarität und „Monokultur“ geprägt ist. Welche alternative Vision von Einheit kann die Kirche der Menschheit anbieten? Uppsala sah die Kirche als Zeichen der kommenden Einheit der Menschheit an. „Kirche sein“ in der Welt bedeutet – wie es in unserer „Ökumenischen Vision“ heißt -, „auf dem Weg miteinander sein“. Was aber bedeutet es, auf dem Weg miteinander zu sein?

9.1. Gemeinsam Kirche sein in der koinonia des Glaubens, des Lebens und des Zeugnisses. Die meisten unserer Theologien, Lehren und Ekklesiologien sind von der Logik der Trennung geprägt worden. Wir haben unsere Identität über unsere Unterschiede definiert und behauptet. Obwohl unsere ökumenische Gemeinschaft in bedeutsamer Weise gewachsen ist, scheint jede Kirche doch davon überzeugt zu sein, dass sie kirchliche Fülle erreicht hat und andere nicht braucht. Ich glaube aus meiner ökumenischen Erfahrung heraus, dass das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Kirchen - das Gefühl, in einer koinonia gemeinsam und nicht getrennt oder einseitig Kirchen zu sein, - uns auf den Weg zur Einheit führt. Dabei handelt es sich nicht um eine monolithische Einheit, sondern um eine Einheit, in der Unterschiede in der koinonia des Glaubens, des Lebens und des Zeugnisses bewahrt werden. Das Schicksal der Welt liegt nach dem Plan Gottes (Offb 7, 1-12) in der Vielfalt und nicht in der Vereinheitlichung, im Pluralismus und nicht in der Uniformität, in der Ganzheit und nicht in der Trennung, im Zusammenhalt und nicht im Widerspruch. Gemeinsam Kirchen zu sein, bedeutet deshalb, unsere Vielfalt zu bejahen, unsere Meinungsunterschiede aber zu transzendieren und unsere Einheit zu feiern. Gemeinsam Kirchen zu sein, bedeutet, eine koinonia der Ganzheit und des Zusammenhalts in Glauben, Leben und Zeugnis, eine koinonia der Liebe, des Miteinanderteilens, der Hoffnung und der gegenseitigen Vergebung aufzubauen. Gemeinsam Kirchen zu sein, bedeutet, als eine koinonia des Glaubens, des Lebens und des Zeugnisses gemeinsam zu arbeiten, zu dienen, zu handeln und zu leiden. Diese koinonia ist eine Fleisch gewordene Wirklichkeit, die Gott uns in Christus gegeben hat. Diese Vision von der Einheit erwächst direkt aus dem esse des „Kircheseins“.

9.2. Gemeinsames Kirchesein durch Konvergenz. Die ökumenische Vision von der Einheit der Kirche setzt einen Konvergenzprozess voraus. Im Rahmen dieses Konvergenzprozesses bekommen Unterschiede die Funktion gegenseitiger Ergänzung statt Ausgrenzung, und Konflikte werden in ein kreatives Spannungsverhältnis zueinander gebracht. In diesem Prozess werden die Kirchen aufgerufen, sich gegenseitig als die eine Kirche Christi zu erkennen. Und genau das ist die Herausforderung der ökumenischen Bewegung an die Kirchen. Canberra erinnert uns daran, dass „das Ziel der Suche nach voller Gemeinschaft erreicht ist, wenn alle Kirchen in den anderen die eine heilige, katholische und apostolische Kirche in ihrer Fülle erkennen können“. op. cit., S. 174 Während die Globalisierung eine Welt ohne Grenzen entstehen lässt, bauen viele Kirchen konfessionelle Grenzen als eine Form der Selbstbehauptung auf. Sie haben sogar Angst vor der Ökumene, weil sie in ihr nur eine andere Form der Globalisierung sehen. Trotz beachtlicher Fortschritte in unserer Diskussion über die Einheit ist es uns bislang nicht gelungen, irgendwelche konkreten Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit zu gehen - mit Ausnahme einiger Übereinkommen im Rahmen bilateraler Dialoge. Im Rat haben wir umfangreiche Studien über das Apostolische Glaubensbekenntnis durchgeführt. Warum sind die Kirchen noch nicht bereit, dieses Apostolische Glaubensbekenntnis als Glaubensgrundlage ihrer kirchlichen Einheit zu akzeptieren? Wir haben fast eine Übereinstimmung zu Taufe, Eucharistie und Amt erreicht. Warum sind die Kirchen nach wie vor zurückhaltend, wenn es darum geht, den Rezeptionsprozess in Gang zu setzen? Ich bin mir der Komplexheit dieser Prozesse bewusst. Ich verstehe auch das Zögern der Kirchen. Aber wir müssen uns alle immer wieder daran erinnern, dass das Gebot, beieinander zu sein, nicht das einzige ist, sondern dass wir auch den zentralen und dringenden Auftrag haben, gemeinsam an der Verwirklichung des Ziels der kirchlichen Einheit zu arbeiten. Viele Jahrzehnte lang haben wir uns bemüht, Rezeptionsprozesse in Gang zu setzen, um Konsens zu erreichen, aber unsere Meinungsunterschiede sind geblieben. Können wir die zwischen uns bestehenden Unterschiede in einen Konvergenzprozess integrieren und an einer Pluralität arbeiten, die inneren Zusammenhalt gewährleistet? Können wir unsere Konflikte in kreative Interaktion verwandeln? Das ist die Herausforderung, die die Kirche der Globalisierung entgegenhalten kann. Globalisierung tritt für eine trügerische Einheit ein. Die Einheit der Kirche ist eine Gabe Gottes; sie ist eine christozentrische, alles umfassende koinonia, die auf die Einheit der oikoumene hinweist. Der ÖRK sollte auch weiterhin als Rahmen und Instrument dienen, um einen solchen Konvergenzprozess voranzubringen.

Vom „Raum“ zum „Haushalt“

10. Die Worte „Raum“ und „Haushalt“ wurden im letzten Jahrzehnt in die ökumenische Debatte eingeführt. Mit dem Wort “Raum“ wird ein Ort bezeichnet, wo offene Interaktion und freier Austausch stattfinden. Er wird im Gegensatz zum Begriff „Institution“ benutzt. „Haushalt“ ist ein biblisches Bild, mit dem die „ganze bewohnte Erde“ gemeint ist; es bezieht sich auch auf die Gemeinschaft des Glaubens, deren Fundament Jesus Christus ist (1. Kor 3, 9-11).

10.1. Globalisierung stellt eine Einladung in den „Raum“ dar. Der Raum, den die Globalisierung geschaffen hat, hat sein eigenes System, seine eigenen Werte und Kriterien. Der globale Raum ist eine anthropozentrische Wirklichkeit, die von Säkularismus, Synkretismus und Konsumdenken beherrscht ist. Trotz seiner immensen technologischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritte und Leistungen wird der Raum, den die Globalisierung schafft, früher oder später ein gefährlicher Ort werden, wenn er keine „moralische Wegweisung“ und „geistliche Nahrung“ bekommt und von der ökumenischen Vision verwandelt wird. Konrad Raiser, Transforming Globalization and Violence – Moral and Spiritual Formation für a Culture of Life. ÖRK-Verlagsbüro (noch nicht veröffentlicht)

10.2. Die ökumenische Bewegung stellt eine Einladung in den „Haushalt Gottes“ dar. Der „Haushalt (oikos) Gottes“ umfaßt die Welt und die ganze Schöpfung. Die Vision der Kirche von der oikoumene schaut über das „Hier und Jetzt“ hinaus auf die Erfüllung des eschatons. Sie stellt die Selbstgenügsamkeit der Menschheit in Frage und erinnert sie daran, dass sie Gott rechenschaftspflichtig und voll und ganz von ihm abhängig ist. Die ökumenische Vision strebt die Einheit des „Haushalts des Glaubens“ (siehe Gal 6, 10) an: “Die Kirche ist in der Welt aufgerufen, jener Teil der Welt zu sein, der Gottes Liebe zu allen Menschen beantwortet, und daher die Gemeinschaft zu werden, in der Gottes Beziehung zum Menschen offenbart und verwirklicht ist. In einer Weise ist die Kirche Mittelpunkt und Erfüllung der Welt. In einer anderen Weise ist sie Dienerin der Welt und legt Zeugnis von der Hoffnung in ihre Zukunft ab. Sie ist aufgerufen, die Gemeinschaft zu sein, in der die Welt sich selbst als das erkennen kann, was sie in Zukunft werden wird.“ Lewis S. Mudge, the Church as Moral Community – Ecclesiology and Ethics in Ecumanical Debate,ÖRK-Verlagsbüro, Genf 1998, S. 68 Die Kirche ist die Vorwegnahme des Haushalts Gottes, in dem wir „nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge (sind), sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Eph 2,19). In diesem Haushalt sind die Menschen in Christus mit Gott und miteinander versöhnt.

10.3. In der Sicht der Kirchenväter ist die Kirche dazu berufen, die Menschheit und die Schöpfung zur theosis zu führen, d.h. zur Heiligung, Verwandlung und Deifikation. Ich glaube, dass die Kirche sich den Auswirkungen der Globalisierung entgegenstellen kann, indem sie ihre katholische, eschatologische und ökumenische Vision, in der Gottes Heilsplan für die Menschheit und die Schöpfung im Mittelpunkt steht, klar formuliert und bekräftigt. Uppsala warnte uns davor, „die Einheit und Katholizität der Kirche mit anderen Bindungen und Gemeinschaften zu vermengen“. Und Harare erinnerte uns daran, dass „zur Vision hinter der Globalisierung auch eine Vision (gehört), die im Wettbewerb mit der christlichen Vision von der oikoumene steht, der Einheit der Menschheit und der ganzen bewohnten Erde“. op.cit., S. 302 Die Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung in Seoul, die zehn Grundüberzeugungen (Affirmationen) formulierte, lud die Kirchen ein, in einen Bund einzutreten, um die Menschheit zum „Haushalt Gottes“ hinzuführen. Daher dürfen globale Vision und ökumenische Vision, „Raum“ und „Haushalt“ nicht verwechselt oder gleichgesetzt werden. Im Rahmen ihres prophetischen Auftrags sollte die Kirche Kritik an der globalen Vision üben. Mit ihrer machtvollen Vision von Katholizität, Ökumenizität und Eschatologie muss die Kirche in einen ernsthaften und konstruktiven Dialog mit der Globalisierung treten. Und im Rahmen des ihr von Gott verliehenen Auftrags zur Heilung und Versöhnung sollte die Kirche die Botschaft von Gottes Globalisierung verkünden.

Ausblick

11. Die ökumenische Antwort auf die Globalisierung muss in der vor uns liegenden Zeit ganz oben auf der ökumenischen Tagesordnung bleiben.

11.1. Die Vollversammlung in Harare rief die Kirchen auf, einen kohärenten und umfassenden ökumenischen Ansatz in der Frage der Globalisierung zu wählen, und betrachtete den ÖRK als globale Einrichtung, die den Kirchen mit ihrer „einzigartigen Perspektive“ signifikant dabei helfen könnte, sich den Herausforderungen der Globalisierung zu stellen. Der Rat hat diesen Prozess, der in vielen Bereichen gleichzeitig abläuft, bereits in Gang gesetzt. Dazu gehören bewusstseinsbildende Arbeit, Aufbau von Netzwerken, anwaltschaftliches Engagement für gemeinsame ökumenische Anliegen, Förderung von Partnerschaften und Bündnissen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen. Dieser Prozess muss im Rahmen verschiedener Programme, Initiativen und Aktionen des Rates mit neuer Kraft fortgesetzt werden.

11.2. Besondere Aufmerksamkeit sollte der ekklesiologischen Dimension der ökumenischen Antwort auf die Globalisierung geschenkt werden. In diesem Zusammenhang sollte Glauben und Kirchenverfassung die wichtigsten ökumenischen Studien, wie „Gerechte, partizipatorische und verantwortbare Gesellschaft“, „Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“, „Einheit der Kirche – Einheit der Menschheit“, „Die Einheit der Kirche und die Erneuerung der menschlichen Gemeinschaft“, „Christlicher Glaube und die heutige Weltwirtschaft“, „Ekklesiologie und Ethik“ und „Das Wesen und die Bestimmung der Kirche“, zusammenbringen. Auch die Berichte der Vollversammlungen sollten hier mit einbezogen werden. Bei der Untersuchung dieses Materials sollte Glauben und Kirchenverfassung die Sichtweisen und Analysen, die unsere ökumenische Antwort stärken können, herausarbeiten und zusammenfassen.

11.3. Meines Erachtens wird die Ekklesiologie in der ökumenischen Bewegung noch lange Zeit ein wichtiges Anliegen bleiben. Ich begrüße es, dass die Sonderkommission der Frage der Ekklesiologie in ihrem Bericht so große Bedeutung beigemessen hat. Wir müssen uns auch weiterhin schwerpunktmäßig mit ekklesiologischen Anliegen und Herausforderungen auseinandersetzen. Fragen im Zusammenhang mit Ethik und Ekklesiologie, Mission und Dialog müssen, insbesondere im Rahmen der ökumenischen Antwort auf die Globalisierung, intensiv behandelt werden. Die sich abzeichnenden ökumenischen Entwicklungen stellen „Glauben und Kirchenverfassung“, das gestern den 75. Jahrestag seiner Gründung gefeiert hat, vor die Herausforderung, seine Arbeitsschwerpunkte, seinen Arbeitsstil und seine Arbeitsmethoden zu überprüfen.

11.4. „Kirchesein“ ist nicht nur eine ekklesiologische Frage. Es geht hier um das Wesen des christlichen Glaubens und um das Herzstück der Ökumene. Die Diskussion über das „Kirchesein“ sollte auf allen Ebenen fortgeführt werden und Leben und Arbeit des Rates in allen Bereichen durchdringen. Dies kommt bereits in den drei Programmschwerpunkten, die der Rat für die Jahre 2003-2005 geplant hat, zum Ausdruck: (1) Beieinander bleiben – Vertiefung der Gemeinschaft, (2) Gemeinsam handeln – Antwort auf die Nöte der Welt, (3) Gemeinsam lernen – für ein besseres Verständnis.

Aram I.
Katholikos von Kilikien


August 2002
Antelias, Libanon