Dokument n° A 02Zur Beschlussfassung

Bericht des Generalsekretärs


Das Leben feiern – a festa da vida

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

 

1. es ist wunderbar, hier in Brasilien zu sein, und wunderbar, dass wir hier zusammen sind! Auch meinerseits möchte ich Sie alle zu dieser ersten ÖRK-Vollversammlung des 21. Jahrhunderts begrüßen, die auch die erste in dieser Region ist. Ein spezieller Dank geht an unsere brasilianischen Gastgeberinnen und Gastgeber für deren überwältigende Gastfreundschaft und hervorragende Vorbereitung dieser Vollversammlung.

 

2. In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt – dieses Thema hat sich für mich in den vergangenen zwei Jahren durch meine Besuche bei Mitgliedskirchen mit Leben erfüllt. Hier bei unserem Treffen auf diesem Kontinent freuen wir uns mit den Menschen Südamerikas über die Wahl Michelle Bachelets zur ersten Präsidentin Chiles und Evo Morales’ zum ersten indigenen Präsidenten Boliviens. Ein ökumenischer Freund aus Lateinamerika kommentierte diese historischen Entwicklungen folgendermaßen: „Hier zeigt sich, dass die Saat des Friedens, der Gerechtigkeit und der Demokratie, die vor zwanzig oder dreißig Jahren gesät wurde, über die Jahre aufgegangen ist und nun Früchte trägt“. Und er dankte dem ÖRK für alles, was er dazu beigetragen hat, dass wir diese Früchte nun ernten können.

 

3. Dies erinnerte mich an die bewegenden Erlebnisse während meines Besuchs in Südamerika im November 2004. Besonders in Erinnerung bleibt mir eine Begegnung in Buenos Aires (Argentinien). Die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo erklärten mir, dass unter den Diktaturen Mitte der 1970er Jahre Kirchen und ökumenische Organisationen einen Zufluchtsort boten, an dem die Verwandten der Verschwundenen zusammentreffen und sich über ihre Trauer und Hoffnung austauschen konnten. Eine von ihnen konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie berichtete, was die Unterstützung durch den ÖRK ihnen bedeutet hatte. Hätte sie diese Begleitung nicht erfahren, sagte sie, wäre sie wohl nicht mehr da, um ihre Geschichte zu erzählen. Was mich jedoch vor allem beeindruckte, war das, was diese Mütter und Großmütter über die Verschwundenen erzählten. Seit mehr als 30 Jahren nähren sie die Flamme der Hoffnung und setzen sich ein für Wahrheit und Gerechtigkeit. Ihre menschliche Grösse findet ihre Entsprechung nur in ihrer unglaublichen Widerstandskraft.

 

4. Bei meinen Reisen wurde ich immer wieder Zeuge solch überraschender Hoffnungszeichen. An Orten, wo menschlich betrachtet nur Tod und Verzweiflung sichtbar sind, feiern Menschen das Leben. Es ist diese Gabe miteinander zu feiern und das Leben in Gemeinschaft zu stärken, die Afrika vor dem Zusammenbruch bewahrt. Sie erinnert mich daran, was meine eigene Erfahrung als Afrikaner mit der Geschichte Brasiliens und dieses Kontinents verbindet. In dem lebhaften und das Leben feiernden Karneval finde ich Anklänge an das afrikanische Erbe.

 

Als Christ erkenne ich in diesen Momenten, die Leben verwandeln und in denen ein Hoffnungsfunke Realität wird, die Gottesgabe der Gnade. Vor diesem Hintergrund träume ich von einer ökumenischen Bewegung als Bewegung von Menschen, die Boten der Gnade Gottes sind, als ein Volk, das einander offen begegnet und die Gegenwart Christi und die Gnade Gottes im Gegenüber erkennt. Wenn ich im anderen Menschen Christus sehe, ist dies so viel mächtiger als alles, was uns trennt. Der Lohn des Strebens nach sichtbarer Einheit der Kirchen in Christus besteht darin, dass wir in der Weggemeinschaft miteinander im Nächsten die Gegenwart der Gnade Gottes entdecken.

 

6. In meinem heutigen Bericht möchte ich fünf Thesen aufstellen, wie eine ökumenische Bewegung sein könnte, die offen ist für diese Zeichen von Gottes verwandelnder Gnade als Bewegung des Lebens. Ich möchte näher auf diese Vollversammlung und auf wesentliche Dimensionen der Herausforderung eingehen, vor der der ÖRK steht. Hier spreche ich von einer ökumenischen Bewegung, die

  • in der Spiritualität verwurzelt ist,

  • ökumenische Ausbildung und die Jugend ernst nimmt,

  • es wagt, sich für verwandelnde Gerechtigkeit einzusetzen,

  • Beziehungen in den Mittelpunkt stellt,

  • risikobereit neue und kreative Arbeitsweisen entwickelt.

 

 

Eine ökumenische Bewegung, die Tag für Tag in der Spiritualität verwurzelt wird

 

7. Wir sind in Porto Alegre zusammengekommen, um nachzudenken, uns auszutauschen, zu diskutieren und Entscheidungen zu treffen. Vor allem aber sind wir hier, um miteinander um die Einheit der Kirchen und für die Welt zu beten, die gemeinsame Erfahrung der Verherrlichung Gottes in Christus zu feiern und das tiefe geistliche Band zu erneuern, das uns über viele Gräben hinweg zusammenhält. Versuchen wir einmal uns vorzustellen, was wir in zehn Jahren empfinden werden, wenn diese Vollversammlung längst vorbei ist, die Berichte geschrieben und die Entscheidungen zur Kenntnis genommen sind. Woran werden Sie sich am deutlichsten erinnern? Wahrscheinlich an die gemeinsamen Andachten im Gottesdienstzelt, den Klang des Vaterunsers, das in 100 verschiedenen Sprachen gebetet wird, und die Begeisterung auf dieser Vollversammlung, ausgelöst durch die grandiose Vielfalt der Menschen, die zum Lob Gottes, der uns das Leben gegeben hat, zusammengekommen sind.

 

8. Ich möchte Sie einladen, das spirituelle Fundament der ökumenischen Bewegung als festa da vida – als Fest des Lebens zu betrachten. Die Einladung zum Fest spricht Gott selbst aus und wir alle sind willkommen. Das Fest, die festa wird uns zuteil als Gnade. Das Wunder der Gnade liegt eben darin, dass sie Geschenk ist, ein Geschenk, dessen wir nicht würdig sind, ein Lohn, den wir nicht verdienen, der aber aus freien Stücken gegeben wird und den wir nur anzunehmen brauchen. In der christlichen Tradition wird Gnade als geistliche, himmlische Gabe verstanden, die Gott den Menschen ohne jegliches Verdienst ihrerseits verleiht. Gnade lässt sich am besten beschreiben als Zeichen, ja als Taten der Liebe Gottes. Gnade offenbart sich als Gott, der sich selbst mitteilt.

 

9. In einer Osterpredigt fand der heilige Johannes Chrysostomos, der Vater unter den Heiligen, wunderbare Worte für dieses Geschehen:

 

„Der Tisch ist gedeckt, tretet alle herzu und tut euch gütlich. Das gemästete Kalb ist bereit, niemand gehe hungrig von dannen. Jeder erquicke sich am Gastmahl des Glaubens. Jeder genieße den Reichtum [der] Güte [Gottes]. … Niemand beweine seine Schuld, denn Vergebung leuchtet vom Grabe. Niemand fürchte den Tod, denn des Erlösers Tod hat uns befreit.“

 

10. Festa da vida. Fiesta de la vida. Fest des Lebens. The feast of life. Fête de la vie. Karamu la maisha!

 

11. Wir Kirchen feiern die lebensspendende Gegenwart Gottes unter uns in der heiligen Eucharistie. Am Tisch des Herrn schafft der gebrochene Leib Christi und das am Kreuz vergossene Blut eine neue, mit Gott versöhnte Gemeinschaft. Diese eucharistische Vision einer in Christus mit Gott versöhnten und vereinten Welt ist das Herzstück der sichtbaren Einheit der Kirche, nach der wir streben, und sie wurzelt im Glauben.

 

12. Geistliche Unterscheidung ist unerlässlich für unseren Weg zur Einheit hin. Wenn ich von Spiritualität spreche, so möchte ich deutlich machen, dass ich nicht nur Bezug nehme auf moderne religiöse oder pseudo-religiöse Antworten auf den empfundenen Mangel an Sinn in den Wertsystemen der Wohlstandsgesellschaften – auch wenn der spirituelle Hunger in diesen Gesellschaften echt ist. Worauf ich vielmehr hinweisen will, ist der Inhalt und Ursprung allen Lebens: der Geist Gottes. All unsere Anstrengungen sind vergebens und bleiben erfolglos, wenn Gott ihnen nicht seinen Segen gibt und sie von Gottes liebender Gnade gespeist werden. Wird uns solcher Segen zuteil, wird unser geistliches Leben gänzlich verwandelt. Unser Verstand, unser Wille und unser Gedächtnis konzentrieren sich immer mehr auf Gott, wodurch ein Raum entsteht, in dem wir Gott begegnen und uns seine Liebe zuteil wird. Die ökumenische Bewegung wurzelt in der gemeinsamen Erkenntnis, dass wir spirituelle Wesen sind, die sich danach sehnen, Gott zu erkennen, und in dem Wissen, dass unser geistliches Suchen bereichert wird durch die Gemeinschaft, die uns verbindet.

 

13. Die geistliche Unterscheidung gibt uns ein Fundament. Sie schenkt uns Kraft, Überzeugung und den Mut, den harten Realitäten der Macht zu widerstehen. In unserer zersplitterten und von Unsicherheit geprägten Welt bedrohen die Mächte der Globalisierung und des Militarismus das Leben selbst. Die Bindung an das Wort Gottes und die Erfahrung seiner Gegenwart in unseren Mitmenschen macht uns fähig, die tägliche Mühe des Einsatzes für Frieden und Gerechtigkeit auf uns zu nehmen.

 

14. Geistliche Unterscheidung verhilft uns auch zur nötigen Distanz von den akuten Problemen, so dass wir die größeren Zusammenhänge erkennen können. Wir alle lassen uns bisweilen so in den Bann konkreter Situationen, der Einzelheiten unserer jeweiligen Programme, Organisationen, Problemstellungen und Zielgruppen ziehen, dass wir eben diese Zusammenhänge aus dem Blick verlieren. Vollziehen wir einen Prozess geistlicher Unterscheidung, kann uns dies wieder in die richtige Richtung weisen.

 

15. Ich möchte vorschlagen, dass wir auf die „Geschäfte“ unserer Arbeitssitzungen einen anderen Ansatz anwenden: Sie sind Teil des Prozesses der geistlichen Unterscheidung und eingebettet in die festa da vida. Betrachten wir die Vollversammlung als spirituelle Erfahrung und nicht nur als geschäftliche Tagung mit einem verfassungsmäßig vorgegebenen Mandat.

 

16. Diese Vollversammlung ist die erste, die das Konsensverfahren anwendet: hierbei soll in der jeweils behandelten Frage Einvernehmen unter den Delegierten erzielt werden. Die Unterschiede, die zwischen uns bestehen, spiegeln die Realität in unseren Gemeinden und in unserem Zusammenleben mit anderen Menschen. Ja, diese Unterschiede helfen uns dabei, die vielfältigen Facetten der Realität wahrzunehmen, und regen uns dazu an, die Wahrheit zu suchen, die nicht die unsere ist, sondern vielmehr die des Heiligen Geistes unter uns (1. Johannes 5,6). Diese Wahrheit, die letztlich in Gott liegt, ist es, die uns verwandeln und befreien wird (Johannes 8,32). Für die kommenden zehn Tage ist wichtig, dass wir die Konsensmethode nicht als Technik zur Entscheidungsfindung verstehen, sondern als Prozess der geistlichen Unterscheidung.

 

 

Ökumenische Ausbildung und die Jugend ernster nehmen

 

17. Wir leben in einer Welt, in der ständig neue christliche Kirchen und Organisationen entstehen, der Konfessionalismus erstarkt, sich der Schwerpunkt des Christentums nach Süden verlagert, innerhalb kirchlicher Familien schmerzhafte Auseinandersetzungen stattfinden und die Pfingstbewegung ebenso wie evangelikale, konservative und charismatische Kirchen wachsen. In den etablierten westlichen Kirchen, die bisher die Hauptstütze ökumenischer Räte waren, sind komplexe Muster sich verändernder Mitgliedsstrukturen und Erneuerungsprozesse zu beobachten. Klare Perspektiven, wohin sich diese Kirchen entwickeln könnten, sind erst im Entstehen begriffen. Alle diese Trends und Unklarheiten haben zu einer gewissen Destabilisierung der ökumenischen Bewegung geführt.

 

18. Junge Menschen wachsen mit dieser Realität heran, sie suchen unter schwierigen Bedingungen nach Orientierung und Sinn. Die ökumenische Bewegung entstand aus der gleichen Sinnsuche einer früheren Generation junger Menschen. Das Erbe derjenigen, die uns vorangegangen sind, ist zu wertvoll, als dass wir es für uns behalten könnten. Es muss an die nächste Generation weitergegeben werden. Wir wollen Energie und Engagement darauf verwenden, eine neue Generation zu fördern, in dem Bewusstsein, dass dabei nicht nur Bildung und Ausbildung eine Rolle spielen, sondern auch Vertrauen und Beteiligung.

 

19. Die ökumenische Ausbildung muss sich auf die Bildung des Glaubens stützen. Ökumenisches Lernen wächst aus Erfahrungen. Junge Menschen brauchen Möglichkeiten, die Freude des gemeinsamen Arbeitens und Betens mit Menschen anderer Traditionen und Kontexte zu erfahren. Sie brauchen Unterstützung und Begleitung, damit sie in vollem Umfang an ökumenischen Tagungen teilnehmen können, deren ältere Teilnehmende zuweilen einschüchternd wirken. Wir müssen hinausgehen an die Orte, wo junge Menschen sind, an Schulen und Hochschulen. Um den Anforderungen junger Menschen zu entsprechen, müssen wir zur Veränderung bereit sein. Wir müssen ihnen Chancen eröffnen, durch Stipendien und Reisen neue Bekanntschaften zu schließen und von anderen Menschen zu lernen. In einer Zeit, die von ständig neuen Entwicklungen in der Informationstechnologie geprägt ist, müssen wir unserer Jugend die Möglichkeit geben, in einen vertieften Austausch zu treten und kreative Möglichkeiten der Nutzung virtueller Räume für die ökumenische Ausbildung zu entdecken.

 

20. Die Zeit ist gekommen, jungen Menschen nicht nur Chancen zu ökumenischem Wachstum und auf ökumenische Leitungsbeteiligung zu eröffnen, sondern auch von den innovativen und dynamischen Modellen ökumenischer Beziehungen zu lernen, die uns junge Menschen lehren können. Als ökumenische und generationsübergreifende Familie müssen wir Demut üben und auf junge Menschen hören. Die ökumenische Bewegung nahm ihren Anfang mit jungen Menschen. Die Leidenschaft und die Einsichten junger Menschen heute werden ihre Relevanz und Lebenskraft sichern. Ohne junge Menschen ist unsere ökumenische Familie unvollständig. Es geht gegenwärtig darum, sinnhafte Beziehungen aufzubauen und dafür zu sorgen, dass alle Generationen Anteil an Leitungsaufgaben erhalten. Jungen Menschen muss vermittelt werden, dass sie wichtige Partner sind und dass wir dafür offen sind, von ihrer ökumenischen Erfahrung zu lernen.

 

21. Sie können uns allen helfen, besser zu verstehen, wohin unser Weg führt und was von uns gefordert wird. Gerade die jungen Menschen haben heute immer weniger Geduld mit den Spaltungen, die uns trennen, und sie öffnen sich denen, die ähnliche denken. Weit verbreitet ist unter jungen Menschen ein Hunger nach Spiritualität, auch wenn sie kirchlichen Strukturen teils ablehnend begegnen. Wegen Überlastung bat eine meiner Kolleginnen ihre 22-jährige Tochter über die Weihnachtstage, den Zeitplan für den Mutirão zu formatieren. Als die junge Frau die mühsame Arbeit an den Excel-Tabellen beendet hatte, wandte sie sich begeistert an ihre Mutter: „Ich möchte an dieser Vollversammlung teilnehmen. Die Workshops sind so vielfältig und so interessant – ich hatte keine Ahnung, dass die Ökumene so ist. Ich habe Lust bekommen, mitzumachen.“ Die Themen, die die ökumenische Bewegung heute beschäftigen, sind die Themen, die für junge Menschen interessant sind. Aber wir müssen sie einladen. Und sie brauchen die nötige Vorbereitung und Unterstützung, um mitwirken zu können.

 

22. Wir hoffen, dass diese Vollversammlung eine wunderbare Erfahrung ökumenischer Ausbildung für die Teilnehmenden – jung oder „ehemals jung“ – wird und dass diese Erfahrung Eingang findet in unser Alltagsleben. Die festa da vida, das Fest des Lebens, ist ein Aufruf an junge Menschen. Sie ist ein offenes Fest, aber manchmal bedeutet die Teilnahme an einem solchen Fest, dass andere zurückstehen müssen. Ich bitte Sie, die Kirchenleitenden hier bei der Vollversammlung nach Möglichkeiten zu suchen, wie Ihre jungen Menschen beteiligt werden können. Ich rufe uns alle – ökumenische Organisationen, konfessionelle Strukturen, internationale und regionale ökumenische Gremien – auf, uns für die Jugend einzusetzen. Wir haben uns mit aller Kraft bemüht, diese Vollversammlung zu einer Vollversammlung der Jugend zu machen, aber wir waren nur bedingt erfolgreich. Unser aller Wille und Engagement sind gefragt.

 

 

Einsatz für verwandelnde Gerechtigkeit

 

23. In Jesus Christus verwandelt Gottes liebevolle Gnade die Welt von innen heraus. Christus wurde Mensch, lebte unter uns und teilte unsere menschlichen Freuden und Leiden (Johannes 1,14). In Christus haben wir von Gottes Fülle „genommen Gnade um Gnade“ (Johannes 1,16). In ihm und durch ihn wurde alles erschaffen und sind alle gemeinsam zur Einheit, zu Gerechtigkeit und Frieden berufen. In ihm soll alles versöhnt, verwandelt, verklärt und gerettet werden (Kolosser 1,15-23) - in eine neue Menschheit, einen neuen Himmel und eine neue Erde (Offenbarung 21,1). Die ganze Welt ist durch die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes mit der Gnade Gottes erfüllt.

 

24. Das Thema der Vollversammlung ist eine Einladung, die Welt als Ort zu betrachten, der von Gott geliebt und von seiner Gnade durchdrungen ist. Diese Betonung der verwandelnden Gnade Gottes entspricht einer neuen Schwerpunktsetzung bei der verwandelnden Gerechtigkeit in unserem Einsatz für Veränderung und Verwandlung. Mit den Augen des Glaubens betrachtet können und müssen wir selbst und auch diese Welt verwandelt werden.

 

25. Gott hat uns das Geschenk des Lebens gemacht und wir haben es missbraucht. Menschliche Habgier und menschlicher Machthunger haben Strukturen geschaffen, die Menschen zu einem Leben in Armut zwingen und systematisch unsere Lebensgrundlagen zerstören. Selbst das Klima ist in Gefahr. In einer Zeit, in der mehr als genug Nahrungsmittel vorhanden sind, um ein Vielfaches der Menschheit zu ernähren, hungern weltweit 852 Millionen Menschen; 2003 waren es noch 842 Millionen. Täglich verhungern 25.000 Menschen. Täglich sterben über 16.000 Kinder aufgrund von Unter- oder Mangelernährung – das ist der Tod eines Kindes alle fünf Sekunden! Das Leben ist – hier in Lateinamerika und weltweit – einer Vielfalt von Bedrohungen ausgesetzt. Die Globalisierung bringt uns einander näher als je zuvor – und verschärft gleichzeitig die ungleiche Verteilung von Macht und Wohlstand. Gewalt verursacht weiterhin unsägliches Leid – Gewalt zu Hause, auf den Straßen, in unseren Heimatländern, manchmal gar in unseren Kirchen. Asymmetrische Machtverhältnisse zeigen sich auf tausenderlei Art, zwischen Menschen, Gemeinwesen, Staaten. Die Litanei der Sünden und Leiden ließe sich endlos fortsetzen.

 

26. Etwas ist grundlegend falsch, wenn am Beginn des 21. Jahrhunderts das Vermögen der weltweit drei reichsten Menschen das gesamte Bruttoinlandsprodukt der 48 am wenigsten entwickelten Länder übersteigt. Mit politischen Argumenten und wirtschaftlichen Begründungsversuchen lässt sich der ethische Bankrott einer Welt, in der ein solches Maß an Ungleichheit herrscht, nicht wegdiskutieren.

 

27. Etwas ist gundlegend falsch, wenn nach wie vor die reale Gefahr besteht, dass zu unseren Lebzeiten Atomwaffen zum Einsatz gebracht werden. Nukleare Aufrüstung ist ein Frevel an der Menschheit. Die jüngsten Berichte über Staaten, die sich Kernwaffentechnologie beschaffen, sind beängstigend. Ebenso skandalös ist jedoch, dass Staaten, die riesige Atomwaffenarsenale besitzen, nicht bereit sind, auf deren Einsatz endgültig zu verzichten.

 

28. Etwas ist entsetzlich falsch, wenn Kinder in die Prostitution verkauft werden, wenn Föten abgetrieben werden, weil sie weiblich sind, und wenn Menschen, die einer bestimmten ethnischen Gruppe, Rasse oder Kaste angehören, immer noch Unterdrückung erleiden. Wir müssen spirituell solide verankert sein, damit wir uns dieser Realität stellen können.

 

29. Als Kirchen sind wir aufgerufen, angesichts dessen, was wir in dieser Welt als falsch erkannt haben, gemeinsam zu planen, gemeinsam zu sprechen und gemeinsam aktiv zu werden.

 

30. Der Glaube an Gottes Ruf zu einem Leben in Fülle bedeutet vor allem, einzutreten für die Würde des Menschen und für das Recht der Armen, sich aus ungerechten Lebensbedingungen zu befreien. Der Einsatz für das Leben muss gegründet sein auf die Erfahrungen und das Tun der Unterdrückten und Ausgegrenzten. Sobald die Armen als soziale Subjekte hinter einer von Statistiken der internationalen Finanzinstitutionen definierten „Armut“ zunehmend aus dem Blick verschwinden, verändert sich unsere gesamte Wahrnehmung. Armut wird zu einem abstrakten Begriff, der nichts mehr mit der Lebensrealität armer Menschen zu tun hat. Wir müssen uns dafür engagieren, den Armen Gehör zu verschaffen, sie als die Subjekte ihres eigenen Überlebenskampfes wahrzunehmen und ihnen kontinuierlich dabei zu helfen, sich aktiv für die eigenen Belange einzusetzen und in ihrer eigenen Sprache selbst ihre Geschichte zu erzählen.

 

31. Die festa da vida, das Fest des Lebens, ist keine Party. Sie feiert das Leben, das manchmal auch schmerzhaft ist. Die festa da vida lädt Sie alle in das Haus Gottes ein, um dort das Leiden unserer Mitmenschen zu fühlen und sich als Teil der bedrohten und unvollkommenen Menschheitsfamilie zu erfahren. Die Vision von Christinnen und Christen, die um einen Tisch versammelt feiern, ruft uns die Erzählungen des Evangeliums vom letzten Abendmahl in Erinnerung. Dort erhielt das Volk Gottes seine Gaben aus den Händen Jesu selbst, alle teilten ein Brot und einen Kelch. Hierin liegt die Quelle unserer eucharistischen Vision und hieraus sprudelt unsere Freude.

 

32. Und doch spürten die Jünger zur gleichen Zeit, dass da etwas nicht in Ordnung war. Das gegenseitige Vertrauen war beschädigt, Verrat war prophezeit und die Überzeugung wuchs, dass etwas Schreckliches geschehen würde. Als Jesus bestätigte, dass einer von ihnen ihn verraten werde, hatten sie alle die gleiche Frage auf den Lippen: „Bin ich’s, Herr?“ Sie erhielten keine direkte Antwort, denn auch wenn elf von den Zwölfen ihn nicht verrieten, haben ihn doch alle verleugnet. In der heutigen Welt erleben wir ebenfalls, dass die Feste der Gemeinschaft, die wir feiern, geprägt sind von Widersprüchen, von einem Mangel an gegenseitigem Vertrauen, von der Unfähigkeit, dem Ruf des Evangeliums entsprechend zu leben.

 

Bin ich’s - sind wir es, Herr? Lehre uns beten: „In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.“

 

33. Als Teil der Menschheit müssen wir uns ständig fragen, weshalb eine derartige Unordnung in der Welt herrscht. Zu oft hüllen wir uns in Schweigen oder schieben die Schuld vorschnell auf andere, und vergessen dabei, unsere Verantwortung füreinander anzuerkennen. Wir müssen den Weg von der Resignation zur Empörung finden, und von Empörung zu gerechtem Zorn, um uns gegen die Mächte zu stemmen, die das Leben negieren.

 

34. Wenn wir die Welt anders gestalten wollen, müssen wir unsere Paradigmen wechseln. So ist es z. B. heute allgemein üblich, von den Vereinigten Staaten als der alleinigen Supermacht der Welt zu reden. Und doch wissen wir aus der Geschichte, dass die Mächte und die von ihnen gebildeten Weltreiche kommen und gehen. Am Ende – sagt uns die Bibel – stellt sich heraus, dass sie auf tönernen Füßen standen. Weltreiche sind in vieler Hinsicht verwundbar. Was veranlasst uns eigentlich, irgendein Land als Supermacht zu bezeichnen, wenn wir sehen, dass dessen Regierung nicht fähig ist, seine Bevölkerung vor terroristischen Anschlägen, Naturkatastrophen und vermeidbaren Krankheiten zu schützen? Unsere begrifflichen Mittel sind unzureichend, um die Zweideutigkeit der Macht verständlich zu machen. Wie wir sehen, kristallisiert sich Macht nicht nur in den verschiedenen Gestalten eines Empire. Die rasche Entwicklung neu entstehender Technologien schafft machtvolle Instrumente mit einem enormen Potenzial von Auswirkungen auf Mensch und Natur.

 

35. Herrscht aber eine derart große Ungleichheit und ein derart ungleicher Zugang zu den verschiedenen Machtmitteln, dann ist es nicht gleichgültig, in welchem Teil der Welt man lebt. Die Stellungnahmen unserer Kirchen zu Fragen wirtschaftlicher Gerechtigkeit und anderen ethischen Herausforderungen spiegeln oft die wirtschaftspolitische Realität wider, in der sie leben, und deren Auswirkung auf ihre Mitglieder. Manche Kirchen neigen dazu, in der heutigen Phase wirtschaftlicher Globalisierung die Fortführung von 500 Jahren Unterdrückung durch Kolonialismus und aufeinander folgende Weltreiche zu sehen. Andere Kirchen heben aufgrund ihrer Erfahrung mit sich rasch ändernden politischen Situationen den Unterschied und den Bruch mit jener Kontinuität hervor. Diese unterschiedlichen Ansätze lassen sich nur schwer miteinander vereinbaren. Wir müssen weiterhin mit diesen Spannungen ringen, denn sie helfen uns, die uns umgebende Wirklichkeit klarer zu erkennen und die unterschiedlichen Ansatzpunkte für Fürsprache und Dialog zu identifizieren.

 

36. Auf dieser Vollversammlung feiern wir die Halbzeit der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Ziel der Dekade ist weniger die Ausrottung von Gewalt als vielmehr die Überwindung des Geistes, der Logik und der Anwendung von Gewalt vermittels aktiver Suche nach Versöhnung und Frieden. Dies ist eine ökumenische Aufgabe, denn, wie sich zeigt, kann keine Gruppe für sich allein die Vorbeugung von Gewalt gewährleisten. Verhütung und Überwindung von Gewalt erfordern ein gemeinschaftliches Vorgehen der Kirchen, in Zusammenarbeit mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen und Basisbewegungen.

 

37. In der zweiten Dekadenhälfte müssen wir verschiedene Probleme ins Auge fassen, wenn wir zugleich realistisch und hoffnungsvoll vorgehen wollen.

 

38. Erstens stellt die Globalisierung eine Wirklichkeit auf allen Ebenen, nicht nur der wirtschaftlichen dar. Der Terrorismus hat sich offensichtlich weltweit vernetzt. Dasselbe trifft auf die Bekämpfung des Terrorismus zu. Die Folgen daraus wirken sich praktisch auf alle Menschen in ihrer Aktivität und Menschenwürde aus. Wir müssen uns also mit der Globalisierung und ihren vielseitigen Auswirkungen befassen, wenn wir jetzt Pläne entwickeln für ein gemeinsames Vorgehen bei der Verkündigung der frohen Botschaft des Friedens.

 

39. Zweitens gewinnen der interreligiöse Dialog und die Zusammenarbeit zwischen den Religionen an Bedeutung und Notwendigkeit, wenn wir Gewalt überwinden, Frieden verwirklichen und Versöhnung fördern wollen. Kirchen und Angehörige aller Glaubensrichtungen anerkennen die Notwendigkeit eines interreligiösen Vorgehens zur Bewältigung dringender Notlagen und Probleme in den Gesellschaften, in denen sie leben. Für mehr und mehr Menschen wird interreligiöses Handeln zu einem integralen Bestandteil ihrer ökumenischen Aufgabe. Viele teilen heute die Ansicht, dass Gottes oikumene nicht auf Christinnen und Christen beschränkt sein kann, sondern Menschen aller Glaubensfamilien umfasst.

 

40. Der Dialog wird häufig zur Lösung anhaltender Konflikte herangezogen, die durch den Gebrauch religiöser Schlagworte geprägt sind oder religiös überhöht wurden. Im Gegensatz dazu vermag ein zu Friedenszeiten ruhig und geduldig aufgebauter Kontakt und Dialog bei Ausbruch von Konflikten eine Instrumentalisierung der Religion als Waffe zu vermeiden. Kontakte, die die Trennungslinien zwischen den jeweiligen Gemeinschaften transzendieren sind äußerst kostbare Mittel zur Konsolidierung des Friedens.

 

41. Drittens ist gelebte Spiritualität ein entscheidender Beitrag zur Überwindung von Gewalt und zum Aufbau des Friedens. Ich bin überzeugt, dass Gebet und Kontemplation zusammen die grösste Disziplin zur Überwindung von Gewalt sind. Die gemeinsame Einübung in diese geistliche Disziplin ist eine ständige Herausforderung an unsere Gemeinschaft. Wir sollten der Einübung in das geistliche Leben mehr Raum geben, damit es unsere persönlichen und gemeinsamen Handlungsweisen tragen und gestalten kann.

 

42. Im Zusammenhang mit dieser Dimension der Spiritualität möchte ich unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern dafür danken, dass sie die ökumenische Bewegung dazu angeregt haben, die Dimension der Erde und der Natur für die christliche Spiritualität konsequenter anzuerkennen. Unserer Spiritualität entgeht eine entscheidende Dimension, wenn ihr das Bewusstsein unserer Zugehörigkeit zur Schöpfung und unserer Berufung zum Mitschöpfertum in enger Beziehung zu Gottes Erde und aller Kreatur fehlt.

 

43. Das Thema der 9. Vollversammlung – In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt – erinnert mich an das Thema der 1. Vollversammlung von Amsterdam im Jahr 1948: Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan. Das Thema der Amsterdamer Vollversammlung reflektierte sowohl die Gewalt der vergangenen Kriegsjahre als auch die neuen Hoffnungen der damaligen Zeit. Die koloniale Eroberung durch die Nationen Europas hatte auch die entfernteste Ecke der Welt erreicht. Dies wurde am besten durch das Britische Empire illustriert, in dem die Sonne nie unterging. Die europäischen Nationen hatten sich im sog. 1. und 2. Weltkrieg mit blutiger Gewalt gegeneinander gewandt. Mit der Entwicklung und dem Einsatz der Atombombe hatte die Menschheit die erschreckende Fähigkeit zur Zerstörung allen Lebens auf Erden erreicht. Die entscheidende Frage der neuen Ära war nun, ob Gottes Heilsplan zur Erhaltung des Gewebes des Lebens in einer verwandelten Welt die Zukunft prägen würde oder ob es die Unordnung der Menschen sein würde, welche das Leben bedroht und Millionen zum Leid verurteilt.

 

44. Die Vollversammlung von Amsterdam wagte es, von „Gottes Heilsplan“ zu reden. Das war eine klassische ethische Aussage in einer äußerst unruhigen Zeit. Das Thema erinnerte die Kirchen und die Welt daran, dass die Welt nach ihrer Erschaffung durch Gott gut war. Es gab genügend Grund, sich für Gerechtigkeit und Frieden zu engagieren. Es gab Grund, sich trotz aller menschlichen Sünde und Machtgier für eine verantwortliche Gesellschaft einzusetzen. Es gab nicht nur die Hoffnung, sondern auch einen ethischen Imperativ zur Gründung der neuen Vereinten Nationen, als Grundlage für Frieden, Menschenrechte und Entwicklungschancen für alle.

 

45. Das Thema der Amsterdamer Vollversammlung zeugte von einem gewissen Optimismus. Man ging davon aus, dass eine verantwortungsbewusste politische Führung die Unordnung der menschlichen Gesellschaften unter Anlehnung an Gottes Heilsplan korrigieren würde. Die grundlegende These der christlichen Ära herrschte gewissermaßen noch ungebrochen weiter. Sie ging davon aus, dass der geschichtliche Fortschritt aus eigener Kraft eine Welt hervorbringen wird, die ihre Einheit unter der Führung einer mächtigen christlichen Zivilisation finden würde. Ein solcher Optimismus – der sich oft seines kontextuellen Ursprungs in Europa und Nordamerika und seines kolonialen und imperialen Beigeschmacks nicht bewusst war – wurde durch die rasche Entwicklung neuartiger Technologien genährt, die als Spitze wirtschaftlicher, politischer und militärischer Macht angesehen wurden.

 

46. Wie in Amsterdam stehen auch wir auf der Schwelle einer neuen Ära, im Bewusstsein der riesigen Kluft zwischen Gottes Heilswillen für die Menschheit und der sichtbaren Wirklichkeit. In den Jahren vor der Vollversammlung von Amsterdam stand die Welt am Rand einer von Menschen verursachten Katastrophe; in der Zeit vor der Eröffnung der Vollversammlung in Porto Alegre steht die Welt am Rand scheinbarer Naturkatastrophen. Nach Gottes Heilsplan verfügt die Natur über eine sich selbst regulierende Kapazität, die eine Zerstörung des gesamten Lebens auf der Erde verhindert. Die Menschen aber haben, getrieben von ihrem unersättlichen Hunger nach unbeschränkter Vermehrung von Macht und Reichtum in die von Gott zu unserem Heil bestimmte natürliche Ordnung eingegriffen, und zwar in einem Ausmaß, das Naturkatastrophen verursachen kann, die alles Leben auf der Erde, auch das der Menschheit, auslöschen können.

 

47. Heute sind wir uns viel stärker der Tatsache bewusst, dass die Krise, vor der wir stehen, viel tiefer geht und Unrecht und Krieg unter den Menschen weit übersteigt: die Krise betrifft alle Formen des Lebens. Ich denke insbesondere an die Überlebensfrage, vor der unser Planet und wir als seine Bewohner infolge des Klimawandels stehen. So, wie die Atomwaffen damals unser grundlegendes Verständnis vom Leben verändert haben, so gefährdet heute das Potenzial ernsthafter Klimaveränderungen das Leben so, wie wir es kennen.

 

48. Klimawandel ist die ernsthafteste Bedrohung, vor der die Menschheit heute steht. Es geht dabei nicht um ein Problem der Zukunft: Millionen von Menschen bekommen bereits heute dessen Konsequenzen ernsthaft zu spüren. Wir können einen katastrophalen Klimawandel verhindern – zumindest verfügen wir über ausreichende Kenntnisse, um das Ausmaß des von Menschen verursachten Klimawandels zu reduzieren – , wenn wir erfolgreiche Wege finden, die Stimme der Kirchen mit der anderer Organisationen zu verbinden, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Wir müssen alle christlichen Kirchen aufrufen, sich zu den Bedrohungen durch den Klimawandel in der Öffentlichkeit mit einer Stimme zu äußern.

 

49. Die in sich gespaltene Welt braucht eine Kirche, die als der eine Leib Christi lebt. Erzbischof Desmond Tutu sagte einmal: „Apartheid ist zu stark für eine in sich gespaltene Kirche.“ Ich sage, dass dieser Planet, auf dem das Leben selbst bedroht ist, eine Kirche braucht, die Einheit in Vielfalt vorlebt, als Zeichen und Vorgeschmack der Gemeinschaft des Lebens, wie es Gottes Wille entspricht – Gottes Haushalt des Lebens, die bewohnte Erde, die oikoumene. Auch wenn uns unsere Differenzen mitunter voneinander scheiden, wissen wir im tiefsten Herzen sehr wohl, dass wir zueinander gehören. Christus will, dass wir eins seien. Durch Gottes Gnade wurden wir zu einer Menschheit und zu einer Erdgemeinschaft erschaffen.

 

 

Arbeitsschwerpunkt Afrika

 

50. Neben der Dekade zur Überwindung von Gewalt bestimmte die 8. Vollversammlung den Arbeitsschwerpunkt Afrika zu einem der wesentlichen Mandate für den Rat. Als Antwort auf den Aufruf des Afrika-Plenums der Vollversammlung von Harare beschloss der ÖRK, die Kirchen und Völker Afrikas auf ihrem Weg der Hoffnung auf eine bessere Zukunft Afrikas zu begleiten. In der folgenden Zeitspanne setzte der Ökumenische Arbeitsschwerpunkt Afrika den Rahmen für eine koordinierte Programmarbeit in folgenden Bereichen: Frauen und Jugend, Friedensbemühungen, Staats- und Regierungsführung sowie Menschenrechte, Wiederaufbau, HIV und AIDS, Menschen mit Behinderungen, theologische Ausbildung und ökumenische Bildung, interreligiöse Beziehungen, Kirche und ökumenische Beziehungen sowie wirtschaftliche Gerechtigkeit. (Eine umfassende Berichterstattung dazu findet sich im offiziellen Bericht Von Harare nach Porto Alegre.) In den sieben Jahren unseres ökumenischen Engagements an der Seite Afrikas lernten wir auch, darauf zu hören, was die afrikanischen Kirchen und was die Menschen in Afrika uns über die Situation auf ihrem Kontinent zu sagen haben: sie teilen ihren Schmerz und ihre Tränen wie ihre Freude und ihre Hoffnung mit uns.

 

51. Die Erkenntnisse, die wir aufgrund unserer Erfahrung mit dem Ökumenischen Arbeitsschwerpunkt Afrika gewonnen haben, weisen darauf hin, dass die Überwindung der Armut, der wir in unserer zukünftigen Begleitung Afrikas hohe Priorität einräumen sollten, die Behandlung von zwei Armutsursachen erfordert: eine ist systemimmanenter und struktureller Art, die andere ethischer und politischer Natur. Auf der systemimmanenten Ebene haben wir es mit vier Faktoren zu tun, deren Zusammenspiel eine sichere Nahrungmittelversorgung gefährden. Erstens stoßen wir auf eine Wirtschaftspolitik, die ungünstige Auswirkungen auf Kapitalinvestitionen in der Landwirtschaft und somit auf die Entwicklung ländlicher Gemeinschaften hat. Zweitens führt die anhaltende Migrationsbewegung vom Land zur Stadt dazu, gut ausgebildete und leistungsfähige junge Leute aus den landwirtschaftlichen Regionen abzuziehen. Gerade diese aber stellen den Kern der menschlichen Ressourcen für den erforderlichen Wandel in der Landwirtschaft dar. Der dritte Faktor ist das Klima der Gewalt. Dazu gehören Bürgerkriege und sinnlose Gewalt gegen Personen auf der Familien- und Gemeinschaftsebene. Der vierte und jüngste Faktor ist die HIV- und AIDS-Pandemie in den Ländern südlich der Sahara. Um die Armut in Afrika wirksam zu bekämpfen, muss jede auswärtige Hilfe integraler Bestandteil ganzheitlicher und umfassender Maßnahmen sein und alle vier Faktoren berücksichtigen.

 

52. Natürlich ist es möglich, angemessene Entwicklungsstrategien zu definieren und vor Ort anzuwenden. Es ist ebenfalls möglich, die ausländische Finanzhilfe für Afrika zu erhöhen. Und es ist sicher auch möglich, Maßnahmen für eine gute Staats- und Regierungsführung vorzusehen. Doch die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass es zur Überwindung von Armut und zur Bewirkung gesellschaftlicher Veränderungen mehr braucht als einen mechanischen Ansatz für nachhaltige Entwicklung. Es fehlt ein wesentliches Element, und das ist der moralische Wille der afrikanischen Führungsspitze. Seit viel zu langer Zeit akzeptieren führende afrikanische Verantwortliche das Unannehmbare und tolerieren das Unerträgliche.

 

53. Dennoch ersetzt allmählich ein vorsichtiger Optimismus unter den afrikanischen Kirchen und den Einwohnern Afrikas den vorherrschenden Afro-Pessismismus. Die Transformation der Organisation für afrikanische Einheit zur Afrikanischen Union, die Einrichtung neuer Partnerschaften für Entwicklung in Afrika, der laufende Veränderungsprozess der Gesamtafrikanischen Kirchenkonferenz zu einem strategischen ökumenischen Instrument, Friedensinitiativen von Frauen in Sierra Leone und im Sudan und die kürzlich erfolgte erstmalige Wahl einer Frau zur Präsidentin eines afrikanischen Landes – Ellen Johnson-Sirleaf als Präsidentin von Liberia – das alles sind hoffnungsvolle Zeichen. In den letzten sieben Jahren wurden in den meisten afrikanischen Staaten Einparteienregime durch parlamentarische Demokratien abgelöst.

 

54. Doch in letzter Analyse bleibt Afrika für uns ein paradoxer Kontinent: Afrika ist ein äußerst reicher Kontinent, aber voll von extrem armen Menschen. Gewiss hat das Ausland, wozu auch die ökumenische Bewegung zählt, Afrika in vieler und vielfältiger Weise begleitet, so etwa durch die Bereitstellung von Hilfe. Im Laufe der vergangenen 30 Jahre wurde die erstaunliche Summe von 330 Milliarden USD in den afrikanischen Kontinent gepumpt. Wie lässt es sich dann erklären, dass sich Afrika heute in einer so misslichen Lage befindet? Nun, eins haben wir inzwischen begriffen: mit Finanzhilfen allein lässt sich die Armut in Afrika nicht überwinden. Zu leicht kann sie falsch konzipiert, fehlgeleitet, schlecht geregelt sein oder veruntreut werden. Wir brauchen wahrscheinlich ein ähnliches Maß und eine gleiche Glut von Zorn, ja von gerechter Empörung, wie zur Zeit der Entstehung des Pan-Afrikanismus im Kampf gegen Kolonialismus und Apartheid, um der Armut in Afrika beizukommen. Die auf dem Kontinent lebenden Afrikaner und die afrikanische Diaspora werden sich erneut unter dem Titel einer globalen Africana versammeln und erklären müssen: Nein, so kann es nicht weitergehen! Was hier auf dem Spiel steht, ist der Kern des afrikanischen Selbstverständnisses – hier geht es um die Seele Afrikas! Und das erfordert mehr als zusätzliche materielle Hilfe.

 

 

Auf die Qualität unserer Beziehungen kommt es an

 

55. Weshalb ist es so schwer, das zu überwinden, was uns trennt? Warum sind unsere Beziehungen zu anderen Menschen so unterentwickelt und unbefriedigend, trotz der unerhörten technologischen Errungenschaften unserer Zeit? Ist es nicht unglaublich – wenn wir an unsere Fähigkeit zur Genmanipulation oder an die Entsendung von Raketen an die entferntesten Ränder unseres Sonnensystems denken – , dass wir gleichzeitig in Kriege verwickelt sind?

 

56. Es gibt eine Verbindung zwischen den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedrohungen des Lebens, vor denen wir stehen, und der zweideutigen Erfahrung wachsender Interdependenz, was zu immer größerer Fragmentierung und Feindschaft anstelle von vertiefter Zusammenarbeit führt. Diejenigen, deren Macht sich von unseren Befürchtungen und Ängsten nährt, beuten diese Situation aus. Befürchtungen und Ängste hindern uns, ein gemeinsames Zeugnis abzulegen. Sie stiften Polarisierung unter uns, unterhöhlen unser Vertrauen und gegenseitiges Zutrauen, und zwingen uns zu einer defensiven und reaktiven Haltung gegenüber der uns umgebenden Realität.

 

57. Die größten Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, scheinen mir im Grund alle auf unsere menschliche Unfähigkeit zu einer Beziehung zueinander, zur Schöpfung und zu Gott zurückzuführen sein, wie man sie von uns erwarten dürfte. Ob es um unsere gesellschaftliche Wirklichkeit, um Machtfragen oder politische Probleme, ja selbst um Angelegenheiten innerhalb und unter den Kirchen geht – wir müssen fetstellen, dass die Qualität unserer Beziehungen nicht erst heute, sondern seit Jahrzehnten und Jahrhunderten beträchtlich gelitten hat.

 

58. Wir leben in einer Welt der Verschiedenheit – einer Welt voller ethnischer, rassischer, sprachlicher, kultureller und religiöser Unterschiede. Die Migrationsbewegung hat dazu geführt, dass heute praktisch alle unsere Gesellschaften einen multikulturellen Charakter haben. Und dennoch bleibt unsere Fähigkeit, eine gesunde Beziehung untereinander aufzubauen, bedauerlich unzureichend. Wir werden ausfallend und beschuldigen Menschen, nur weil sie von uns verschieden sind. Wir fühlen uns durch neu Zugezogene verunsichert. Wir grenzen uns von anderen Menschen in einer Weise ab, die oft verletzend ist. Der Rassismus erhebt weiterhin sein hässliches Haupt; Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie greifen um sich; Antisemitismus lebt an Orten wieder auf, wo man ihn seit Jahren als ausgestorben betrachten durfte. Und doch ist das Gemeinsame, das uns trägt, weitaus umfassender als alles, was uns trennt. Uns allen eignet die Fähigkeit zur Liebe, wir alle verehren unsere Familien, wir hängen alle von der Umwelt ab, wir haben alle ein offensichtliches Interesse daran, diesen Planeten zu einem liebevollen, gastlichen Ort zu machen.

 

59. Wenn wir uns auf unsere Fähigkeit zur Beziehung zum Mitmenschen, zur Schöpfung und zu Gott konzentrieren, wird uns bewusst, dass unsere ethischen Herausforderungen eine tiefe geistliche Dimension haben. Umgekehrt gilt das Gleiche. Wir können nicht länger Ethik und Ekklesiologie, die Suche nach der Einheit der Kirche und die Einheit der Menschheit voneinander trennen. Sie sind eng aufeinander bezogen. Das, was zur Vertiefung unserer Spaltungen und der unter uns herrschenden Ungleichheit beiträgt, und das, was im Gegensatz dazu zur Heilung und Versöhnung beiträgt, hat in der Tat eine gemeinsame Mitte.

 

60. Das sollte uns nicht weiter verwundern. Die Wirklichkeit der Sünde spiegelt die Wirklichkeit der gebrochenen Beziehungen zu Gott, den Mitmenschen und zur Schöpfung wider. Ist doch die Sünde – aus biblischer Sicht – zuallererst eine Sache gebrochener Beziehungen in dieser dreifachen Dimension unserer Existenz. Sünde ist etwas Reales. Sünde hat ihre gesellschaftlichen und konkreten Erscheinungsweisen, die Tod statt Leben hervorbringen und unsere Gemeinschaft unterhöhlen. Um diese Wirklichkeit geht es, und auf sie hat es Gottes Gnade direkt abgesehen, um sie zu erlösen und zu verwandeln. Indem er den Preis der Sünde in seinem Tod am Kreuz auf sich nimmt, stellt Christus das Leben wieder her und versöhnt die durch die Sünde entstellten Beziehungen. Wir feiern dieses Mysterium des in Christus erneuerten Lebens in der Eucharistie, und diese verwandelt uns als Glieder des einen Leibes Christi. Im täglichen Leben erweitert sich diese Liturgie der Eucharistie zur Heilung unserer Beziehungen, in der Teilnahme des Lebens am Leben anderer.

 

61. Das Leben, das Gott uns schenkt und das uns erhält, uns alle, ist die Nahrung, die eine neue Gemeinschaft des Teilens schafft, eine durch Gottes Gnade gerechtfertigte und mit Gott versöhnte Gemeinschaft. Die festa da vida ist ein offenes Fest. Es heißt die, die der Einladung folgen, willkommen und baut Gemeinschaften durch die Pflege der Beziehungen auf. Für Christen ist die „Agape“ – das Gemeinschaftsmahl, das oft auf die Eucharistie folgt – eine Feier dieser Gemeinschaft. Zugleich ist sie ein Wegweiser auf das kommende Reich Gottes.

 

62. Wir dürften am besten für die Förderung menschlicher Beziehungen in der uns umgebenden Welt ausgerüstet sein, wenn wir es als Kirchen lernen, all die von Gott empfangenen Gaben miteinander zu teilen. Zu einem großen Teil ist unsere mangelnde Einheit als Kirchen auf unsere Unfähigkeit zurückzuführen, dieses genuine Teilen der Gaben zu praktizieren. Ein Weg zur Bereicherung unserer Gemeinschaft des Teilens besteht darin, die Art, wie wir unsere Beziehungen als Kirchen und ökumenische Organisationen gestalten, zu ändern und zu verwandeln – gewissermaßen als horizontales Miteinanderteilen der Gnadengaben. Wir brauchen einander heute mehr als je zuvor als Kirchen. Wir müssen neue Wege zur Vertiefung unserer Gemeinschaft als Kirchen innerhalb der ÖRK-Gemeinschaft finden. Ein neues Paradigma von Kirchesein füreinander ist im 21. Jahrhundert für die Weiterarbeit am Thema der ökumenischen und ekklesialen Gemeinschaft unbedingt notwendig – für die eigene Befähigung der Kirchen, nicht als Selbstzweck, sondern zum gegenseitigen Wohl und damit die Kirchen fähig werden, der Welt zu helfen, einer Welt, die unbedingt lernen muss, menschliche Beziehungen auf einer tragfähigeren Basis aufzubauen. Doch als Kirchen können wir auch von vielen Gemeinschaften lernen, die, ungeachtet was sie sind, den Reichtum dessen teilen, wer sie sind.

 

63. Während meiner Reisen durch verschiedene Teile der Welt habe ich feststellen können, dass vielerorts im Anschluss an den Gottesdienst ein gemeinsames Agape-Mahl eingenommen wird, eine Feier des gemeinsamen Lebens, an der alle teilhaben. Ich erinnere mich an bedürftige bolivianische Indiofrauen, die nach dem Gottesdienst das wenige, das sie besaen – in diesem Fall verschiedene Arten von Kartoffeln, die sie zur Kirche mitgebracht hatten – bei einem festlichen Mahl mit allen teilten. In dieser von Armut gezeichneten Gemeinschaft schien in dieser authentischen Begegnung die gemeinsame Freude auf. Dadurch, dass diese Frauen das wenige, das sie besaen, abgaben, wurden sie nicht ärmer – nein, sie wurden glücklicher, denn niemand musste hungrig nach Hause gehen. Das Wunder der Speisung der Fünftausend (Frauen und Kinder nicht mitgezählt!) geschieht bei den Armen tagtäglich. Nur so gelingt es ihnen, in dieser grausamen und gnadenlosen Welt zu überleben.

 

64. Auch der brasilianische Karneval ist ein solch wucherndes und überreiches Fest des Lebens vor dem Hintergrund von Armut und Ausgrenzung. Arme Gemeinschaften bewahren die Fähigkeit zur Kreativität und die Fähigkeit, inmitten von Elend und Verzweiflung das Leben zu feiern. Diese Fähigkeit zum Feiern, welche die Armen besitzen, erinnert mich auch an all die anderen Gleichnisse von Einladungen zu Festmählern, von denen Matthäus, Markus, Lukas und Johannes berichten. In allen diesen Geschichten ist der Gastgeber enttäuscht von der Ablehnung jener, die er zuerst eingeladen hatte. In einem Akt der verwandelnden Gerechtigkeit lädt er all jene ein, die auf der Strae und am Rande der Gesellschaft leben. In seiner Predigt in der Synagoge von Nazareth spricht Jesus zu den Armen: er bringt ihnen die gute Botschaft (Lukas 4,18). Sie wollen die neue und erstarkende Gemeinschaft in Christus feiern, indem sie zusammen singen und beten. Sie wollen die heilende Macht des Evangeliums in ihrem alltäglichen Leben erfahren. Und eines steht fest: Sie werden mit Gott feiern, wenn die herrschenden Strukturen der Ausgrenzung und der Marginalisierung auf den Kopf gestellt worden sind!

 

65. Die festa da vida regt uns an, die Qualität unserer Beziehungen zueinander mit neuen Augen zu betrachten und diese Beziehungen in den Mittelpunkt der ökumenischen Bewegung zu stellen.

 

66. Die Grundsatzerklärung zum gemeinsamen Verständnis und zur gemeinsamen Vision (CUV), die von der Vollversammlung in Harare angenommen wurde, rief den ÖRK und seine Mitglieder auf, ihre Beziehungen zueinander zu vertiefen. Bis zu einem gewissen Grade ist dies geschehen, so etwa in der wichtigen Arbeit der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK. Seelsorgerliche Besuche und „lebendige Briefe“ gaben den Kirchen Gelegenheit, einander in schwierigen Situationen Solidarität und Mitgefühl zu bekunden. Wir müssen unsere gegenseitige Rechenschaftspflicht erweitern, und wir müssen dies konkret und sichtbar tun.

 

67. Die CUV hat außerdem anerkannt, dass die ökumenische Bewegung umfassender ist als der Ökumenische Rat der Kirchen, und sie rief den ÖRK auf, seine Beziehungen zu anderen christlichen Gremien auszubauen, darunter insbesondere die evangelikalen und die Pfingstkirchen sowie andere ökumenische Organisationen.

 

68. Unsere Beziehung zur Römisch-katholischen Kirche ist im Laufe der Jahre gereift. Der ÖRK und die RKK sind sehr unterschiedliche Einrichtungen, doch beide engagieren sich sehr für das ökumenische Unterfangen. In den vergangenen vier Jahrzehnten haben wir im Rahmen der Gemeinsamen Arbeitsgruppe fruchtbar zusammengearbeitet. Der ÖRK ist dankbar für die unmittelbare Mitwirkung der RKK in unseren Bemühungen, die theologischen, geschichtlichen und sozialen Barrieren zwischen den Kirchen abzubauen; in der Verkündigung; in der theologischen Ausbildung; im Zeugnis für Gerechtigkeit in unserer Welt, im interreligiösen Dialog und in anderen Bereichen.

 

69. Vielleicht hat es von Zeit zu Zeit – und zwar auf beiden Seiten – unrealistische Erwartungen gegeben. Wir sind jedoch immer bereit gewesen, die anstehenden Fragen zu klären, um die gemeinsame Suche nach der Art der Einheit fortzusetzen, die Christus für seine Kirche will.

 

70. Es besteht immer eine Spannung zwischen den Bemühungen um eine Vertiefung und den Bemühungen um eine Erweiterung der Gemeinschaft der Kirchen, die den Ökumenischen Rat bilden. Diese Vollversammlung bietet uns Gelegenheit, uns von Neuem mit der Qualität der Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft zu beschäftigen, gemeinsam zu untersuchen, was es bedeutet, als Gemeinschaft auf dem Weg zu mehr Einheit zu sein, und einander aufzufordern, dieser Einheit intensiveren Ausdruck zu geben. Außerdem gibt uns die Vollversammlung Gelegenheit, unsere Bereitschaft zu bekräftigen, diese Gemeinschaft durch Dialog, Interaktion und Zusammenarbeit mit unseren Schwestern und Brüdern in Christus über den vertrauten Kreis der Mitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen hinaus zu erweitern. Ein konkretes Beispiel ist das Globale Christliche Forum, das Anhänger Jesu Christi aus einer größeren Bandbreite von Traditionen und Glaubensgemeinschaften als je zuvor zusammenbringt. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat sich verpflichtet, alles in seiner Kraft stehende zu tun, um diesen bislang sehr ermutigenden Prozess zu fördern.

 

71. Bekanntlich gibt es auch eine Spannung zwischen den verschiedenen institutionellen Ausdrucksformen der ökumenischen Bewegung. Alle ökumenischen Organisationen setzen sich heute mit der Frage auseinander, wie auf die Veränderungen in der kirchlichen und ökumenischen Landschaft zu reagieren ist. Deshalb haben wir begonnen, uns gemeinsam mit den großen ökumenischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu beschäftigen, und dies ist ein Prozess, der über den rein institutionellen Ansatz hinausgeht, welchen der Begriff der „Neugestaltung“ vermuten lässt. Wir müssen die theologische und geistliche Grundlage unseres gemeinsamen ökumenischen Engagements beständig neu formulieren. Und wir müssen dringend Mechanismen für die Koordinierung unseres ökumenischen Diakonie-, Fürsprache- und Entwicklungsengagements ausarbeiten. Viele Akteure der ökumenischen Bewegung betonen die Notwendigkeit, die gemeinsame ökumenische Vision – und nicht lediglich die „gemeinsame Vision des ÖRK“ – zu definieren. Ich erwarte, dass diese Vollversammlung die Rolle des Rates in der einen ökumenischen Bewegung bekräftigen und den Rat ermutigen wird, eine Vorreiterrolle zu spielen und im Dienst an der ökumenischen Bewegung des 21. Jahrhunderts als Wegbereiter für diese wichtige ökumenische Aufgabe zu dienen.

 

72. Es kommt hinzu, dass es auch eine gewisse Spannung im Hinblick auf die interreligiösen Beziehungen gibt. Viele stellen die Frage, ob dies für die ökumenische Suche nach der christlichen Einheit von Belang ist. Wir alle wissen, dass wir in einer multireligiösen Welt leben, und wir müssen uns mehr Gedanken darüber machen, wie wir mit Menschen anderen Glaubens umgehen, und zwar vor allem auf der Ortsebene. Darüber hinaus müssen wir im Hinblick auf zahlreiche weltweite Fragen – und nicht nur hinsichtlich der Konflikte zwischen Völkern unterschiedlichen Glaubens – lernen, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, wie Menschen anderen Glaubens ihren Glauben leben und wie sie die Welt sehen, und wie wir uns gemeinsam für das Wohl unserer Gemeinschaften und unserer Welt einsetzen können. Es wird zunehmend anerkannt, dass Religion eine wichtige Rolle in internationalen Angelegenheiten spielt, und wir müssen daher auf allen Ebenen Beziehungen zu anderen Religionsgemeinschaften knüpfen. Dies erklärte die vom Rat im Juni vergangenen Jahres organisierte Konferenz „Ein entscheidender Moment im interreligiösen Dialog“. Zu dieser Konferenz kamen Vertreter/innen aller großen Weltreligionen aus allen Teilen der Welt. In einer ihrer wichtigsten Empfehlungen rief die Konferenz den ÖRK auf, Mechanismen einzurichten, die es religiösen Führungskräften aus aller Welt erlauben, gemeinsam die Probleme zu erörtern, mit denen die Menschheit heute konfrontiert ist. Interreligiösen Beziehungen sollte in den kommenden Jahren hohe Priorität eingeräumt werden, und es steht zu hoffen, dass diese Vollversammlung uns Wege empfiehlt, wie dieses Ziel am besten zu erreichen ist.

 

73. Die festa da vida, zu der wir alle eingeladen sind, ist auch ein Aufruf, uns nicht nur denjenigen zuzuwenden, die wir kennen, sondern auch denjenigen, die wir noch nicht kennen.

 

74. Seit langem ist uns bewusst, dass Beziehungen die Grundlage der gesamten Programmarbeit des ÖRK sind, und doch ist es in der Praxis so, dass für die Programme andere Personen oder Teams zuständig sind als für die Beziehungen. Ich erhoffe mir einen stärker integrierten und interaktiven Ansatz bei Programmen und Beziehungen, damit unsere Programme die Qualität unserer Beziehungen verbessern und damit sich unsere Mitgliedschaft mehr mit den Programmen identifiziert. Im Bericht über die Programmauswertung vor der Vollversammlung ist betont worden, wie eng diese beiden Aspekte miteinander verflochten sind.

 

 

Kreative Formen der Arbeit

 

75. Zu Beginn dieser Vollversammlung hoffe und bete ich, es möge uns gelingen, diese außergewöhnliche Gelegenheit zu nutzen und diesen Augenblick zu feiern, in dem wir das miteinander teilen, was wir an diesen Ort mitgebracht haben, und ihn zu einem Fest des Lebens zu machen. Wir hoffen, dass die Plenarsitzungen der Vollversammlung, die Reihe ökumenischer Gespräche und die mutirào-Veranstaltungen uns helfen werden, die wichtigsten Herausforderungen und Prioritäten zu erkennen, denen sich die Kirchen in aller Welt mit Hilfe ihres gemeinsamen Instruments – des Ökumenischen Rates der Kirchen – widmen sollten. Wir hoffen, dass der Ausschuss für Programmrichtlinien eine zweckmäßige und realistische Agenda für die Transformation aufstellt, und dass der Weisungsausschuss für Grundsatzfragen unsere Beziehungen fördern wird. Und wir hoffen, dass der Finanzausschuss uns sachdienlich beraten wird in der Frage, wie wir ein Konzept der dynamischen Haushalterschaft für den Einsatz unserer finanziellen, personellen und materiellen Ressourcen entwickeln können, das integraler Bestandteil der gesamten Arbeit des Rates ist. Darüber hinaus werden wir uns der Annahme eines Arbeits- und Programmplans für die ökumenische Spiritualität widmen, der von unserer gemeinsamen Verpflichtung auf das gemeinsame Gebet inspiriert und gestärkt wird und mit dem sich die Mitgliedskirchen uneingeschränkt identifizieren und den sie vollumfänglich umsetzen können. Mehrere Veranstaltungen vor der Vollversammlung haben bereits den Beitrag derer deutlich gemacht, die sich häufig an der Peripherie der ökumenischen Bewegung befinden: junge Menschen, indigene Völker, Dalit, Frauen und Menschen mit Behinderungen. Ihre Kritik und ihre Perspektiven sind nach wie vor ein wichtiger Ansatzpunkt nicht nur für die Infragestellung von Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, sondern auch für ein neues und kreatives Verständnis von Transformation. Die Tatsache, dass wir in Lateinamerika tagen, wird unsere Debatten beeinflussen, und wir sehen erwartungsvoll der lateinamerikanischen Feier und Plenarsitzung entgegen, die uns helfen wird, diesen Kontinent besser zu verstehen.

 

76. Im so genannten „Informationszeitalter“ muss die ökumenische Bewegung das ewige Wort Gottes im Rahmen von sehr unterschiedlichen Kulturen und mit Hilfe von sehr unterschiedlichen Technologien verkünden. Wir suchen nach neuen Wegen, die Botschaft zu vermitteln, doch wir sehen es auch weiterhin als unsere Aufgabe, die Liebe Jesu zu verkünden, Vertrauen zu schaffen und das Wachstum von – realen wie virtuellen – Basisgemeinschaften zu unterstützen, in denen geistliche Gemeinschaft reifen kann und die Leben verwandeln können.

 

77. Angesichts all dessen müssen wir die vier derzeitigen Schwerpunkte der ökumenischen Bewegung überdenken, auf die ich nun eingehen möchte. Dies sollte keineswegs als Vorschlag zu einer neuen ÖRK-Programmstruktur verstanden werden, denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf sie einzugehen.

 

78. Glaube und Spiritualität: Die zentrale Frage der heutigen Zeit ist, wie ich bereits sagte, die Frage des Glaubens und der Gegenwart Christi im Anderen. Dies ist die Grundlage unseres Verständnisses von Einheit und Mission. Der Glaube muss im Mittelpunkt unseres Zusammenlebens stehen, und er muss die Grundlage unserer ökumenischen Vision und unseres ökumenischen Engagements sein. Wie machen wir die Einheit, die uns in Christus gegeben ist, sichtbar und spürbar?

 

79. Welche Implikationen hat der christliche Glaube im 21. Jahrhundert? Diese Frage ist sowohl für die Kirchen des Nordens und des Ostens als auch für die Kirchen der gesamten südlichen Hemisphäre relevant. Realistischerweise ist heute von christlichen Familien, Kirchen und Sonntagsschulen, dem Schulwesen und der Gesellschaft keine christliche religiöse Erziehung mehr zu erwarten. Es sind gezielte Bemühungen notwendig, um zu gewährleisten, dass diejenigen, die sich zum Christentum bekennen, über eine elementare Kenntnis des christlichen Glaubens verfügen. Notwendig ist allerdings auch die Erkenntnis, die Christenheit des 21. Jahrhunderts zu verstehen, denn das Christentum des Südens ist nicht einfach ein Transplantat des Christentums der vergangenen Jahrhunderte. Neue Formen des Transkonfessionalismus und des Postkonfessionalismus nehmen in allen Teilen der Welt zu. Unser christliches Selbstverständnis in einer zunehmend multireligiösen Gesellschaft wird in den kommenden Jahren immer wichtiger werden. All dies fordert von uns eine radikal neue Sicht auf unseren Glauben. Eine solche Sicht wäre uns möglich, wenn wir das Christentum als globale Realität sehen würden, d.h. wenn wir es mit neuen Augen sehen würden und nicht nur mit den Augen einer bestimmten Region oder nur aus einer bestimmten theologischen Perspektive. Wie sollten wir theologisch reagieren auf die Armut so vieler Menschen, auf den Überfluss einiger weniger, und auf die Zusammenhänge zwischen beidem? Alle diese Dinge wirken sich aus auf die Art und Weise, wie wir heute, im 21. Jahrhundert, Theologie betreiben und lehren, wie wir missionieren und wie wir Zeugnis ablegen.

 

80. In einer Zeit, in der Identitätsfragen eine Rolle in politischen, gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen spielen, sind Dialog und Zusammenarbeit zwischen Religionen von noch größerer Bedeutung als bisher. Je fester wir im christlichen Glauben wurzeln und je mehr wir mit einer Stimme sprechen, desto mehr Gewicht haben wir im interreligiösen Dialog.

 

81. Ökumenische Ausbildung: Dieser Bereich hat sich deutlich profiliert, und zwar nicht lediglich als notwendig oder vorrangig, sondern als realer ökumenischer Imperativ, als bestimmender Faktor, der von entscheidendem Einfluss auf die ökumenische Bewegung des 21. Jahrhunderts sein kann.

 

82. In vielen Mitgliedskirchen ist die neue Führungsgeneration – auch wenn sie sich ökumenischen Grundsätzen verpflichtet weiß – nicht ausreichend informiert über das reiche Erbe und den Erfahrungsschatz der modernen ökumenischen Bewegung. Beim derzeitigen Generationswechsel sollte dem Führungsnachwuchs die Möglichkeit geboten werden, dieses Wissen und diese Erfahrung zu nutzen.

 

83. Wenn heute Christen – und darunter auch die Führungskräfte und die Mitarbeitenden der Kirchen – den Wunsch haben, kreativ und verantwortlich an der Suche nach Einheit teilzunehmen und gemeinsam zu wachsen, dann müssen ihnen Möglichkeiten ökumenischer Ausbildung geboten werden, die sie befähigen, mehr und fundierter zu unserem Zusammenleben beizutragen. Und hierzu müssen wir Personal und Bildungsmaterialien aus den Kirchen und den ökumenischen Organisationen mobilisieren.

 

84. Wenn wir uns das Ökumenische Institut Bossey – das große Vorbild ökumenischer Ausbildung – ansehen, dann zeigt sich, dass es noch zwei weitere Herausforderungen gibt. Erstens zeigen Evangelikale und Pfingstler seit einigen Jahren großes Interesse an ökumenischen Kursen und Seminaren einschließlich Graduiertenprogrammen. Zweitens fordern junge Menschen mehr interreligiöse Begegnungen und Seminare. Beide Trends lassen erkennen, in welche Richtung die künftige Entwicklung geht, und beide geben Anlass zu Hoffnung.

 

85. Verwandelnde Gerechtigkeit: Um denjenigen zu helfen, die unter den Folgen der Ungerechtigkeit leiden, welche die Menschheit in Arme und Reiche teilt, müssen wir uns für eine verwandelnde Gerechtigkeit einsetzen, welche einen fürsorglichen Umgang mit der Schöpfung, die Transformation ungerechter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen, eine klare prophetische Stimme in der weltweiten Fürsprachearbeit sowie prophetische Diakonie erfordert.

 

86. In den Jahren nach Harare hat der ÖRK den Begriff der verwandelnden oder transformativen Gerechtigkeit insbesondere in Bezug auf die Überwindung des Rassismus geprüft. Im Unterschied zu dem häufiger verwendeten Begriff der „restaurativen Gerechtigkeit“ beruht das Konzept der „transformativen Gerechtigkeit“ auf der Annahme, dass es nicht möglich ist, das, was verloren ist, einfach wiederherzustellen oder zurückzugeben. Jahrhunderte des Unrechts jeglicher Form können nicht einfach ausgelöscht werden – weder geschichtlich noch kollektiv noch individuell. Das Leben der Menschen und ihre Kultur, ihr Sprache und ihre Lebensweise, ihr Gottesdienst und ihre Spiritualität wird nie wieder so sein wie zuvor. Transformative Gerechtigkeit geht ein auf die Vergangenheit in der Gegenwart. Ihr Ziel ist es, Unterdrückung und Beherrschung zu überwinden, um Heilung, Versöhnung und Wiederherstellung (im Sinne einer „Richtigstellung“) der Beziehungen zu erreichen.

 

87. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir dieser Frage genauer nachgehen, wenn wir uns Problemen von Gerechtigkeit und Diakonie, Fürsprache und Dialog widmen. Dazu müssen wir neue Wege finden, uns mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass die Geschichte der kirchlichen Mission manchmal verbunden war mit dem Zusammenbruch traditioneller Formen der Heilung und Versöhnung. Und wir werden auch unmittelbarere Prozesse der Befreiung und Heilung in Gang setzen, indem wir Begegnungen und Gespräche zwischen Tätern und Opfern von Ungerechtigkeit möglich machen.

 

88. Dies erfordert einen Paradigmenwechsel, eine Metanoia, die eine Verwandlung von Strukturen, Kultur und Grundwerten erlaubt. Wir werden unsere Programme so umgestalten müssen, dass sie gezielter zum Aufbau wirklich inklusiver und gerechter Gemeinschaften beitragen, welche die Vielfalt respektieren, die Interaktion von verschiedenen Identitäten und dem Streben nach Einheit erlauben und die Rechte und Pflichten aller in Liebe und Gemeinschaft achten. Verwandelnde Gerechtigkeit fordert die Kirchen auf, sich zu verpflichten, die Spaltungen in ihrem eigenen Leben zu überwinden: Unsere Gemeinschaften müssen sich verändern, um in vollem Umfang die Vielfalt ihrer Völker und Kulturen als Abbild von Gottes Schöpfung und als sein Abbild in der Menschheit zu leben. Kirche-Sein bedeutet heute, heilende, versöhnte und versöhnende Gemeinschaften zu sein.

 

89. Eine moralische Stimme in der Welt sein: Mit der zunehmenden Anerkennung der Rolle, die die Religion im öffentlichen Leben spielt, sind uns neue Möglichkeiten gegeben, Einfluss auf die Weltpolitik zu nehmen. Dieser sich wandelnde Kontext und die neuerliche Betonung der Rolle der Religion lassen die Frage der Sozialverantwortung der Kirchen in einem neuen Licht erscheinen.

 

90. Die Erfüllung unserer Verantwortung in der Geschichte verlangt von uns, dass wir eine starke und glaubwürdige moralische Stimme in der Welt werden – eine Stimme, die in der Spiritualität verhaftet ist und die sich von daher abhebt und unterschieden werden kann von den vielen wetteifernden Stimmen in einer Welt, die ethische Werte nur allzu häufig vermissen lässt.

 

91. Dies alles sind gemeinsame Anliegen unserer Mitgliedskirchen und ökumenischen Partner. Ich hoffe, dass wir in der Zukunft neue und kreative Wege der Zusammenarbeit entwickeln können, die unsere Beziehungen zu den Kirchen und zu einem breiten Spektrum von ökumenischen Partnern stärken. Je nach den Partnern kann die Zusammenarbeit anders ausfallen. So würde ich mir z.B. wünschen, dass wir mit den weltweiten christlichen Gemeinschaften - und besonders mit denen, deren Mitgliedschaft sich weitgehend mit der des ÖRK deckt – zusammenarbeiten auf dem gemeinsamen Weg zur sichtbaren Einheit und in unserer gemeinsamen Bereitschaft, Beziehungen zu denjenigen Kirchen und christlichen Familien zu knüpfen, die nicht aktiv an der ökumenischen Bewegung beteiligt sind. Ich würde eine engere programmatische Beziehung zwischen dem ÖRK und den regionalen ökumenischen Organisationen begrüßen, die auf den jeweiligen Stärken und verschiedenen Mitgliederkreisen aufbaut. Ich würde mir eine gezieltere Zusammenarbeit mit den internationalen ökumenischen Organisationen wünschen, die häufig an denselben Themen arbeiten. Ich hoffe, dass die Initiativen zu neuen Wegen der Zusammenarbeit mit kirchlichen Diensten und Werken im Bereich von Entwicklung und Diakonie in den kommenden Monaten und Jahren Früchte zeigen werden. Und, wie ich oben bereits gesagt habe, hoffe ich, dass eine erneuerte Betonung der ökumenischen Spiritualität die Art und Weise, wie wir arbeiten, verändert.

 

92. Ich möchte aber auch über diese Vorschläge hinausgehen und den Vorschlag erneuern, dass die nächste Vollversammlung des ÖRK als konkreten Schritt eine gemeinsame Plattform für die größere ökumenische Bewegung schafft. Wenn wir bereit sind, einen derart bedeutsamen konkreten Schritt zu tun, dann könnten wir anstelle der vielen verschiedenen Weltversammlungen und Konferenzen, die von den Weltgemeinschaften und anderen Gremien veranstaltet werden, gemeinsam eine einzige Feier unseres Strebens nach Einheit und nach einem gemeinsamen Zeugnis der christlichen Kirchen ins Auge fassen. Noch konkreter und als kleinsten nächsten Schritt schlage ich vor, dass uns diese Vollversammlung das Mandat erteilt, den Dialog mit dem Lutherischen Weltbund und dem Reformierten Weltbund über die Möglichkeit, unsere nächsten Vollversammlungen als eine gemeinsame Veranstaltung abzuhalten, zu beschleunigen. Und wir sollten auch andere christliche Gremien einladen, sich an diesem Dialog zu beteiligen.

 

93. Ein solcher Vorschlag will natürlich sorgfältig und in allen Einzelheiten bedacht sein. Ich bin aber der Überzeugung, dass uns dieser Schritt gelingt und dass die ökumenische Bewegung durch eine gemeinsame globale Plattform gestärkt wird. Diese könnte ein Medium der gemeinsamen Planung sein, sodass wir noch effizienter zusammen sprechen und handeln könnten.

 

Zum Abschluss

 

94. Liebe Freunde, Schwestern und Brüder in Christus, die Delegierten auf der Neunten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen haben eine große Verantwortung zu tragen – eine Verantwortung, die voller Möglichkeiten steckt. Wir sind hier in Porto Alegre herausgefordert, uns mit den harten Realitäten dieser Welt auseinanderzusetzen und die Zeichen der Zeit zu erkennen. Gleichzeitig sind wir aufgefordert, aus ganzem Herzen zu beten „In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt!“ Und erneuert durch das Gebet, in der Kraft des Heiligen Geistes, können wir erwarten, erneut von hier ausgesandt zu werden als Botinnen und Boten der göttlichen Gnade und der Absicht Gottes, diese Welt zu verwandeln, als Boten der Hoffnung für unsere Kinder, für unsere Enkel und für die Zukunft.

 

95. Das Wort Gottes ist ein Wort der Hoffnung, die frohe Botschaft von der Verwandlung durch die Gnade. Es ist die Verkündigung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in denen die Dinge, die früher existierten, nicht mehr sind. Es ist Gottes Einladung zur Teilhabe an der festa da vida, zur Freude am Fest des Lebens.

 

96. Möge der Geist Gottes im Verlauf dieser Vollversammlung eine unauslöschliche Flamme der Hoffnung in unserem Geist anzünden, die eine Schöpfung erhellt, welche wieder gut ist, und die uns als Gottes Kinder offenbart, als die Mitglieder einer einzigen menschlichen Familie und Erdengemeinschaft.

 

97. Möge der Geist Gottes auf dieser Vollversammlung in uns die inständige Sehnsucht unserer Vorgänger und Vorgängerinnen in der ökumenischen Bewegung wecken, die Überzeugung, dass es eine heilige, katholische und apostolische Kirche gibt und geben muss - der ungeteilte Leib Christi im Dienst an der Welt, geeint an einem Tisch in der Gegenwart unseres lebendigen Herrn.

 

98. Mit Gott sind alle Dinge möglich. Und so wollen wir unsere Verantwortung auf uns nehmen und uns auf Gottes verwandelnde Gnade verlassen. Alle sind bei der festa da vida willkommen; lasst uns deshalb mit dem Fest beginnen!

 

Pfr. Dr. Samuel Kobia