Thema: "Berufen, die eine Kirche zu sein"
Wie viel Vielfalt ist genug? Gedanken zur Einheit und lehrmäßigen Vielfalt der Kirche von heute
Minna Hietamäki
In meiner gegenwärtigen Arbeit als Religionslehrerin habe ich das Privileg, jungen Menschen aus unterschiedlichen, wenn auch hauptsächlich christlichen und noch spezifischer lutherischen Kontexten zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Religionsunterricht ist in Finnland in der neunjährigen Gesamtschule und zwei bis vier Jahre in der Sekundarschule Pflichtfach. Er ist nicht „allgemeiner“ Natur, aber auch nicht „konfessionell“ gebunden. In der Regel besuchen die Schüler und Schülerinnen zwar einen Unterricht, der von der eigenen Konfession oder Religion organisiert wird, aber eher wissenschaftlicher als katechetischer Natur ist. Das bedeutet, dass es dabei nicht darum geht, Religion „auszuüben“, sondern etwas über Religionen zu lernen und darüber zu diskutieren. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Fragen eingehen, die sich hinsichtlich der Trennung von „Lernen“ und „Ausüben“ stellen, sondern auf eine ganz spezifische Herausforderung hinweisen, auf die ich im Gespräch mit meinen Schülern und Schülerinnen gestoßen bin und die uns zu dem ekklesiologischen Thema dieser Tagung von Glauben und Kirchenverfassung hinführt. Die Herausforderung ist folgende: das ganze Konzept der „Einheit“ der Kirche hat für diese jungen Menschen nur sehr selten irgendeine Relevanz. Immer wenn wir uns mit Fragen wie z.B. der Begegnung mit „dem Anderen“, der Bedeutung der Zusammenarbeit für Gerechtigkeit und Frieden, den Herausforderungen im Zusammenleben gemischtkonfessioneller Familien oder mit der Geschichte der ökumenischen Bewegung beschäftigen, schauen sie mich an und sagen: Das ist ja alles sehr schön, aber warum sollte die Einheit für uns wichtig sein? Diese Frage stellen sie nicht nur aus jugendlicher Ignoranz, sondern aus den Erfahrungen ihres täglichen Lebens heraus. Einheit bedeutet für sie erzwungene Uniformität, Verlust an persönlicher Identität und die Notwendigkeit, sich etwas Fremdem anzupassen. Einheit bedeutet, dass jemand, der eine Position der Autorität innehat, einem sagt, wie man zu denken und was man zu tun hat. Unter diesen Voraussetzungen fällt es ihnen sehr schwer, all dieses Aufhebens um die Einheit zu verstehen. Ist es nicht interessant, so fragen sie mich, dass es so unterschiedliche Menschen in der Welt gibt? Hat nicht jeder das Recht, zu denken und zu glauben, was er oder sie will? Was haben die Lehrenden dagegen, dass die Menschen unterschiedlich sind? Mit diesen Reaktionen meiner Schüler und Schülerinnen im Kopf und den Auftrag der Plenarkommission von Glauben und Kirchenverfassung, über die Berufung der Kirche zur Einheit nachzudenken, im Blick möchte ich meine Überlegungen zu Relevanz und Chancen der Einheit der Kirche heute beginnen. Ich werde die Einheit der Kirche aus der Perspektive der Vielfalt betrachten. Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist nicht so sehr, wie viel Vielfalt die Einheit der Kirche verträgt, sondern vielmehr, wie viel Vielfalt die Einheit der Kirche braucht.
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Berufen, die eine Kirche zu sein: Wie viel Vielfalt ist genug? Gedanken zur Einheit und lehrmäßigen Vielfalt der Kirche von heute - Minna Hietamäki
Dr Minna Hietamäki addresses the main theme of the Faith and Order Plenary Commission meeting, Called to be the One Church, from the perspective of a younger Lutheran theologian from Finland.

