Bossey bezeichnet zum einen einen konkreten Ort, zum anderen ruft es immer auch die Erinnerung an konkrete Menschen wach - an diejenigen Menschen aus allen Teilen der Welt nämlich, die hier an den Programmen des Ökumenischen Instituts des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) teilgenommen haben.
Bei dem Ort handelt es sich um ein ruhig gelegenes Anwesen, das rund 20 km von Genf entfernt liegt und damit die nötige Nähe, aber auch Distanz zu den geschäftigen Hauptsitzen der internationalen christlichen Organisationen, den Organisationen der Vereinten Nationen und der Genfer Universität aufweist, an die das Institut akademisch angegliedert ist. Die Kursteilnehmenden - Laien/innen und Geistliche, Studierende und Führungskräfte aus Kirche und Gesellschaft aus aller Welt - verlassen das Ökumenische Institut mit einer ökumenischen Vision. Sie engagieren sich in schwierigen Grenzsituationen menschlichen Lebens und tragen Verantwortung in Kirche und Zivilgesellschaft auf allen Kontinenten.
W.A. Visser 't Hooft, der erste Generalsekretär des ÖRK, der Bossey ins Leben rief, sagte bei der Einweihung des Instituts 1946: "Das Programm des Instituts hat drei Hauptthemen: die Bibel, die Welt, die universale Kirche." Um diese drei umfassenden Schwerpunkte zusammenzuhalten und kreative Reflexion und Lehre in Gang zu bringen, berief er Hendrik Kraemer und Suzanne de Dietrich als erstes Leitungsteam. In der Nachkriegssituation konzentrierte sich das Programm auf bis zu dreimonatige Kurse für Laienbildung und Jugendleiter/innen. Daneben wurden kürzere Ethikseminare für Menschen aus derselben Berufsgruppe, wie z.B. Lehrer/innen, Ärzte/innen, Gewerkschafter/innen, Sozialarbeiter/innen, Künstler/innen, Pfarrer/innen, abgehalten. Auch dem Studium unterschiedlicher Konfessionsfamilien wurde große Bedeutung beigemessen.
Neue, aus dem biblischen Glauben erwachsende Anforderungen sowie der Wandel in Welt und Kirche haben dazu geführt, dass bei den Methoden ökumenischen Lernens wie auch bei den Studieninhalten mehrfach neue Akzente gesetzt wurden. So finden heute z.B. einwöchige Seminare statt, die gezielt Themen aus den laufenden ökumenischen Studien und Projektaktivitäten aufgreifen. Seit 1952 ist viel Zeit und Energie in das alljährliche viermonatige Semester der Graduiertenschule für ökumenische Studien investiert worden. Seit 2000 werden Magister- und Doktorandenprogramme in Zusammenarbeit mit der Universität Genf durchgeführt.
Jede/r neue Direktor/in und jedes neue Team von Dozenten/innen, die selbst auch in Bossey wohnen, haben einen Beitrag zu den Ausbildungsangeboten und dem breiten Spektrum von Forschungsthemen am Ökumenischen Institut geleistet. So wurde der Schwerpunkt in den 1960er und 1970er Jahren unter der Leitung des griechisch-orthodoxen Theologen N.A. Nissiotis auf östlich-orthodoxe Theologie und einen stark interdisziplinären Ansatz gelegt. Als ein Anglikaner aus Kenia, J.S. Mbiti, Direktor wurde, verlagerte sich der Schwerpunkt auf interkulturelle Begegnungen und den Dialog der Theologien, die sich auf den verschiedenen Kontinenten entwickelten. Die Mitglieder des derzeitigen Teams vertreten orthodoxe, römisch-katholische und protestantische Traditionen und es gibt Pläne, den Lehrkörper weiter auszubauen.
Die wichtigste Lernerfahrung, die das Ökumenische Institut den Studierenden bietet, liegt im intensiven Gemeinschaftsleben, bei dem die Teilnehmenden im gemeinsamen Gottesdienst, in Team- und Einzelarbeit und durch die vielen persönlichen Begegnungen voneinander lernen. Häufig werden unbewusste kulturelle und konfessionelle Einstellungen hinterfragt und rassistische und sexistische Vorurteile aufgedeckt und bekämpft. Tiefe Glaubensüberzeugungen treffen aufeinander und werden auf die Probe gestellt. Allmählich, durch das Teilen von Erfahrungen des Schmerzes wie auch der gemeinsamen Freude, wächst eine Lerngemeinschaft auf Zeit, die eine vollere Wahrheit und einen Vorgeschmack der Einheit anstrebt, die die Christen suchen.
Nach einem Artikel von Hans-Ruedi Weber im Dictionary of the Ecumenical Movement, ÖRK 2002.